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Wie Preußens Konsul von 1849 bis 1861, Johann Gottfried Wetzstein, Augenzeuge eines Epochenbruchs im Orient wurde
In der Mitte des 19. Jahrhunderts galt das Osmanische Reich den zeitgenössischen Beobachtern als der „kranke Mann am Bosporus“. Das weitläufige Imperium befand sich in einer tiefgreifenden krisenhaften Lage, eingezwängt zwischen der Verkrustung traditioneller Strukturen und dem Drang zur Reform, zwischen lähmendem Verharren und notwendigem Aufbruch.
Die europäischen Großmächte hatten zunehmend an Einfluss im einstmals mächtigen Osmanenstaat gewonnen. Sie bemühten sich nach Kräften, die Politik der Hohen Pforte in ihrem Sinne mitzugestalten, ihre eigene Rolle zu stärken und ihre geopolitischen Ziele durchzusetzen. Neben den großen Botschaften in der Hauptstadt Konstantinopel – dem heutigen Istanbul – unterhielten die Staaten zahlreiche Konsulate in den wichtigsten städtischen Zentren des gesamten Nahen Ostens.
Ein Imperium in Agonie
Auch Syrien und seine Hauptstadt Damaskus waren damals Teil des Osmanenreichs – dort residierten unter anderem die Konsuln Englands, Frankreichs, Russlands, Österreichs und auch Preußens, des damals bedeutendsten deutschen Staates neben dem Habsburgerreich. Der erste Vertreter Preußens im Damaskus der Jahrhundertmitte war der hochgebildete Orientalist Johann Gottfried Wetzstein, der sein Amt von 1849 bis 1861 ausübte. Er war ein ausgezeichneter Kenner der Geschichte, Kultur und Sprache der Region.
Die Rivalität der europäischen Mächte in der Levante – jenem geschichtsträchtigen Raum im östlichen Mittelmeer – erreichte in dieser Periode einen Höhepunkt. Russland versuchte, die Orthodoxen zu unterstützen, während Frankreich sich auf die katholischen Maroniten, seine traditionellen Schützlinge, konzentrierte. In allen Bereichen des öffentlichen Lebens traten die europäischen konsularischen Vertreter aktiv auf, um ihre Interessen – sowohl gegenüber den osmanischen Behörden als auch in Konkurrenz zueinander – durchzusetzen. Es ging um Wirtschaftsinteressen ebenso wie um den Schutz der christlichen Minderheiten, um den Wettbewerb der Mächte sowie um die Wahrung der Rechte der zahlreichen eigenen Bürger und jener vielen Protégés (Schutzbefohlenen), die jeder europäische Staat im Orient unterhielt.
Preußen vertrat als vergleichsweise kleine Macht – im Vergleich zum russischen Zarenreich oder dem britischen Weltreich – keine direkten imperialistischen Interessen. Dennoch bemühte sich auch der preußische Konsul in Damaskus, sein Land und dessen Belange im Rahmen der Möglichkeiten zur Geltung zu bringen. Preußens Stimme sollte gehört werden, preußische Schützlinge sollten Unterstützung erhalten, und Berlin sollte bei internationalen Fragen sein Votum abgeben können.
Tanzimat und der Zorn der Mehrheit
Der Status der Christen im Osmanischen Reich, ihre Rechte und ihre Stellung innerhalb einer traditionell-islamisch geprägten Gesellschaft waren damals zentrales Thema und gaben Anlass zu Divergenzen und gesellschaftlichen Konflikten. Eine Rechtsgleichheit von Nichtmuslimen und Muslimen, wie sie im Rahmen der sogenannten Tanzimat-Reformen auf Druck der europäischen Mächte angestrebt wurde, war für die muslimische Bevölkerungsmehrheit schwer erträglich. Dies galt umso mehr, als die rechtliche Gleichstellung mit wirtschaftlichen Vorteilen einherging, welche die Christen aus der Kooperation mit Europa erzielten. Konsul Wetzstein berichtete ausführlich nach Konstantinopel und Berlin, aber auch in privaten Schreiben – etwa an seine Frau –, ebenso wie es der französische Konsul Outrey und der britische Konsul Wood an ihre vorgesetzten Stellen taten. Diese handschriftlichen Dokumente stellen bis heute eine wertvolle Quelle für die Geschichte des Nahen Ostens im 19. Jahrhundert dar.
Der Funke am Roten Meer
In der Mitte des 19. Jahrhunderts wuchsen die Spannungen innerhalb der osmanischen Gesellschaft, insbesondere in den Provinzen, in denen Christen eine zahlenmäßig und ökonomisch bedeutende Rolle spielten. Die Lage spitzte sich seit dem umfassenden Reformedikt von 1856 (dem Hatt-i Hümayun) drastisch zu. 1857 wurde der Sklavenhandel in der Region des Roten Meeres verboten, was zu heftigen Aufständen führte. 1858 kam es in Dschidda, dem Hafen von Mekka und Medina, zu einem blutigen Massaker, dem der französische Konsul, seine Frau, der britische Vizekonsul sowie eine zweistellige Zahl weiterer Christen zum Opfer fielen. Bereits im Jahre 1850 war Aleppo, die zweitwichtigste Stadt Syriens, von einem Aufstand heimgesucht worden, der die Züge eines Christenpogroms trug und bei dem unter anderem der griechisch-katholische Patriarch ums Leben kam. Die Täter waren in allen Fällen fanatisierte Muslime, die Opfer vielfach christliche Kaufleute, in Dschidda vor allem griechischer Herkunft.
In diesem hochexplosiven Kontext wurde auch die Lage in Damaskus zunehmend angespannt. Seit März 1860 gab es offenbar konkrete Planungen für ein Christenmassaker. Verschiedenen konsularischen Vertretern, darunter auch Wetzstein, trugen Gewährsleute entsprechende Nachrichten zu, die umgehend an die jeweiligen Hauptstädte weitergeleitet wurden. Von den etwa 130.000 Einwohnern von Damaskus war zirka ein Viertel christlichen Glaubens.
Das Fanal im Libanon
Gefährlich wurde die Lage, als im Libanongebirge Ende Mai 1860 die drusisch-christlichen Unruhen zu einem regelrechten Bürgerkrieg eskalierten. Dieser Konflikt war ursprünglich sozialer Natur (eine Krise des Feudalsystems), nahm dann aber rasch den Charakter eines Krieges gegen die christliche Bevölkerung an. Christliche Bauern erhoben sich gegen drusische Feudalherren; drusische Milizen überfielen daraufhin christliche Dörfer und töteten wahllos die Zivilbevölkerung. Die Schätzungen der Opferzahlen variieren zwischen knapp zehn- und zwanzigtausend Toten. Das „Konzert der Mächte“ beschloss eine europäische Intervention, und Frankreich entsandte eine Eingreiftruppe von zirka sechstausend Mann Stärke.
Vor diesem Hintergrund wurde auch die Situation in Damaskus als äußerst brisant eingestuft. Der preußische Konsul äußerte Ende Juni die Befürchtung, ein Gewaltausbruch stehe unmittelbar bevor. Zur selben Zeit suchten die europäischen Konsuln den Gouverneur von Damaskus auf und forderten nachdrücklich Schutz für die Zivilbevölkerung. Wetzstein sprach sich für ein militärisches Eingreifen Europas aus. Er betonte ausdrücklich die „Gewaltthätigkeit des arabischen Nationalcharakters“.
Die Tage des Schreckens
Am 9. Juli brach das befürchtete Massaker aus. Wetzstein hatte die lokalen Behörden mehrfach zum Handeln aufgefordert – jedoch vergeblich. Der preußische Konsul war ebenso wie andere westliche Beobachter überzeugt, dass die osmanischen Behörden selbst hinter dem Pogrom steckten und den muslimischen Mob aufgehetzt hatten. Das Massaker wütete vom 9. bis zum 16. Juli 1860, kostete in Damaskus rund sechstausend Menschen das Leben und endete just an dem Tag, an dem das erste französische Schiff in Beirut landete. Die Rädelsführer waren offenbar gut unterrichtet und wussten, was die Landung französischen Militärs an der libanesischen Küste bedeutete. Es ist kaum anzunehmen, dass der aufgehetzte Unterschichtpöbel von Damaskus die Aktion selbst steuerte; eine osmanische Leitung der Aktion ist sehr wahrscheinlich.
Wetzstein schildert grausige Szenen: „Hier zogen eine Anzahl Hunde an dem Arm oder dem Bein eines unter dem Schutt hervorragenden Menschen, dort hält einer knurrend einen Kopf zwischen den Beinen, hier halten mehrere ihre Schnauzen in die Eingeweide eines Menschen vertieft, dort lief ein Hund mit einem fast abgefressenen Kindergerippe fort ...“
Menschlichkeit im Inferno
Einige Muslime boten den Christen Schutz in ihren Häusern; auch Wetzstein und weitere ausländische Vertreter gewährten den Verfolgten Schutz auf ihren Grundstücken. Der ehemalige Führer des algerischen Widerstandes gegen Frankreich, Abd al-Qadir, der im damaszenischen Exil lebte, konnte viele Christen retten und ihnen Zuflucht gewähren. Dafür erhielt er auf internationaler Ebene zahlreiche Auszeichnungen. Herrmann Gessler, ein preußischer Oberst in osmanischen Diensten, rettete nach Berichten Wetzsteins unter Lebensgefahr Christen aus ihrem brennenden Viertel. Ein einheimischer Muslim, der rund eintausend Christen vor dem sicheren Tod bewahrte, wurde vom aufgebrachten Mob gelyncht. Viele Glaubensbrüder retteten ihr Leben nur durch die Konversion zum Islam. Wetzstein erwähnte in diesem Zusammenhang die „systematisch betriebene Bekehrungswut zum Islam“.
Das bittere Fazit eines Diplomaten
Der preußische Konsul fand für das Damaskus-Pogrom deutliche Worte. Das Osmanische Reich sei „moralisch verfault“, und er bescheinigte den Muslimen einen „bitteren Hass gegen alle Christen“. Sehr enttäuscht zeigte er sich darüber, dass die in Beirut an Land gegangenen französischen Truppen ihr Operationsfeld auf das Libanongebirge beschränkten und nicht bis Damaskus vorrückten. Er konstatierte, dass Deutschland „keine anderen Interessen als die Vertretung der Humanität“ in Syrien habe. In der Tat war es vor allem Frankreich, das im syrischen Raum konkrete machtpolitische Interessen verfolgte und diese in der Folgezeit teils auch realisierte. Die schwer getroffenen syrischen Christen erhielten in der Folge humanitäre Hilfe aus Europa. Der Weg war – trotz britischer Vorbehalte – bereitet zur Gründung eines unabhängigen Staates Libanon, der als Schutzraum für die orientalischen Christen zumindest bis in die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts fungierte.
• Dr. Alfred Schlicht ist Autor des Buches „Frankreich und die syrischen Christen 1799–1861. Minoritäten und europäischer Imperialismus im Vorderen Orient“, erschienen 1981 in Berlin im Klaus-Schwarz-Verlag. 2022 wurde es von der Uni Halle-Wittenberg mit Volltext ins Netz gestellt und ist dort kostenlos zugänglich (http://dx.doi.org/10.25673/91783).