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Einschulung in die 4. Klasse im Januar 1949 im heutigen Baden-Württemberg: Helmut Arnold Rehfeld
Bild: Arnold RehfeldEinschulung in die 4. Klasse im Januar 1949 im heutigen Baden-Württemberg: Helmut Arnold Rehfeld

„Das war der schönste Tag in meinem Leben!“

Wie ein gebürtiger Tapiauer sich nach Flucht und Vertreibung in Westdeutschland durchschlug? Warum er sich während seiner Berufstätigkeit nicht als Vertriebener outete? Und wie er die Rückkehr in die Heimat erlebte?

Helmut Arnold Rehfeld
28.08.2026

Als berittene Soldaten waren mein Vater und sein Kriegskamerad Erwin nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges an der deutsch-französischen Grenze und brachten sich in Sicherheit. Die beiden nahmen einen langen Weg auf sich, um nach Oberscheidental zu gelangen, wo Erwin zu Hause war. Letzterer fand sein Zuhause unbeschadet vor und gewährte meinem Vater Quartier. Im Herbst 1948 kamen auch wir nach Oberscheidental. Am Ortsrand von Oberscheidental fand mein Vater bei einem Bauern eine Zweizimmerwohnung für uns. Der Bauer gab uns zusätzlich Ackerland zur Selbstversorgung. Von der Gemeinde bekam meine Mutter zu Weihnachten eine Nähmaschine, damit sie für die Familie Kleidung nähen konnte.

Nach den Winterferien 1949 kam ich in eine gemischte Volksschulklasse. Der Lehrer setzte mich – ich war damals knapp zwölf Jahre alt – versuchsweise zu den Viertklässlern. Ich schämte mich und wollte gehen. Mein Vater legte jedoch großen Wert darauf, dass ich mal was werde. Der Lehrer war eine Autorität und zögerte nicht, den Rohrstock einzusetzen. Die Mitschüler, Jungen wie Mädchen, hänselten, schubsten und warfen sich auf mich. Ich kam zu Kräften und konnte mich dann wehren. Meine Mutter sagte: „Wenn du so weiter machst, frisst du uns noch die Haare vom Kopf.“ In der Folgezeit wurde der Schulunterricht ruhiger und ich konnte mich besser konzentrieren. Wie mein Vater wollte auch mein Lehrer, dass ich einen ordentlichen Beruf erlerne. Letzterer sagte, wenn ich mich anstrenge, könne ich Klassen überspringen, aber die 8. Klasse müsse ich durchstehen. 1951 konnte ich nach Ostern die 8. Klasse beenden.

Ich freute mich, wenn wir Care-Pakete aus Amerika erhielten und ich sie öffnen durfte. Kleidung, Kaffee, Zigarren, Schokolade und so weiter waren ein großes Geschenk in unserer Situation.

Bei Daimler-Benz in Mannheim

In meiner Freizeit ging ich gerne in den Wald, um Blaubeeren und Pilze zu sammeln. Gerne auch habe ich bei der Ernte beim Bauern mitgeholfen und ausgemistet. Der evangelische Pastor aus Mudau kam mit seinem Motorrad zu meinen Eltern, weil er von unserem Vertreibungsschicksal gehört hatte. Der Geistliche war sehr bemüht, uns Kinder psychisch zu stabilisieren. Ich litt unter schweren Schlafstörungen und Albträumen. Ich schlief unruhig und schreckte häufig mitten in der Nacht hoch. Mit einem Freund lernte ich beim Pastor für die evangelische Gemeinde in Murnau das Flötenspiel.

Einer Frau wegen nach Nordenham

Im Oktober 1951 begann ich meine Ausbildung zum Kraftfahrzeughandwerker in Mannheim. Die Stelle hatte mir der Pastor vermittelt. Es hieß, er habe in mir einen begeisterten „Schrauber“ gesehen. Auch die Unterkunft in der „Inneren Mission“ im Mannheimer Quadrat F7 besorgte er mir. Ich wohnte dort bis zum Ende meiner Lehrzeit – dreieinhalb Jahre.

Ich war 16 Jahre alt, als ich von der Allgemeinen Ortskrankenkasse (AOK) in Mannheim den Befund bekam: „Junger Mann, Sie werden besser gleich in Rente gehen, denn Sie haben Tuberkulose!“ Mein Lehrmeister stellte mich daraufhin für ein halbes Jahr frei, um im Schwarzwald zu genesen. Ich setzte meine Lehre fort und machte auch meine Gesellenprüfung. Mein Chef konnte mich nicht als Geselle übernehmen und riet mir, mich anderweitig umzusehen.

Bei Opel in Rüsselsheim

Ich bewarb mich bei Daimler-Benz in Mannheim. Ich stand früh morgens – es war noch dunkel – in einer langen Bewerberschlange. Nach einer längeren Wartezeit wurde ich von einem Mitarbeiter des Werks angesprochen: „Mensch Helmut, was machst du denn hier?“ Es war ein Kollege aus meiner Lehrwerkstatt. Er sagte: „Komm mit mir – hier kannst du lange warten!“ Nach vier Wochen fing ich bei Daimler-Benz an. Ich kam an verschiedene Produktionsbänder, und die Meister halfen mir väterlich, wo sie nur konnten. Ich hörte später von einem Meister den Satz: „Den jungen Menschen müssen wir unter die Arme greifen, weil viele Schlimmes in den Kriegswirren erlebt haben! Der Wiederaufbau unserer Wirtschaft hat Vorrang und muss gelingen!“ Ich war überwältigt von solchen Äußerungen und Taten.

In Mannheim lernte ich auch meine Frau kennen. Sie kam aus Nordenham und wollte mit mir unbedingt wieder zurück in ihre Heimatstadt. So begann für mich im Norden die Arbeitsuche. Ein neugewonnener Freund riet mir: „Geh zu den Amis nach Bremerhaven-Lehe! Die suchen Leute wie dich!“ Ja, ich hatte Glück.

Die Herausforderungen an einen Junggesellen wie mich waren enorm. Ich bekam zu hören: „Wenn du es nicht schaffst, dann kannst du rückwärts wieder nach Hause gehen!“ Die Kollegen halfen sich jedoch gegenseitig, wenn es erforderlich war. Die Amis feierten gerne mit uns Deutschen. Es war alles wunderbar – wenn nicht die Hin- und Rückfahrt von jeweils zwei Stunden Dauer bei Eis und Schnee durchgestanden werden musste.

Ich bewarb mich schließlich in der Nähe der Wohnung meiner Schwiegereltern bei Felten & Guilleaume Carlswerk. Der Chef meinte: „Sie haben ja Erfahrung mit Motoren, dann sind Sie richtig bei uns.“ Ich baute dort Elektromotoren in unterschiedlichen Größen im Akkordlohn. Parallel dazu begann ich einen einjährigen Fernlehrgang im Maschinenbau. 1963 folgte ein Maschinenbaustudium auf dem zweiten Bildungsweg in Bremen.

Heimatreise als Witwer

1966 bewarb ich mich bei Opel in Rüsselsheim und war fortan in der Produktentwicklung und Konstruktion in verantwortlicher Position tätig. Diese Firma stellte mir eine Wohnung für meine Familie zur Verfügung. Später baute ich ein Häuschen im Grünen, außerhalb der Stadt. 1995 wurde ich – wie viele andere auch – in den Ruhestand verabschiedet. Gerne wäre ich länger geblieben, aber es war die Zeit, in der die Firmen die Leute in Frührente schickten.

Während meiner Berufstätigkeit war es nicht vorteilhaft, sich als Vertriebener zu outen. Ständig wurde über sie gelästert, beklagt, was die alles hätten.

Noch nach fast zehn Jahren in Rente kam mir das Wort „Ostpreußen“ nicht über die Lippen. Ich litt stark unter dieser Situation. Schließlich setzte ich mich an den PC, um mir alles von der Seele zu schreiben. Alles Weitere erzählt mein erstes Buch „Wege, die du gehen musst ... Eine Jugend in Ostpreußen“.

Meine Frau und ich wollten gemeinsam in meine Heimat Ostpreußen reisen, aber bevor es dazu kam, verstarb sie unerwartet. Ein Landsmann riet mir gerade jetzt alleine zu verreisen, damit ich auf andere Gedanken käme. Ja, ich habe meine Heimat aufgesucht. Und zu der Reiseleiterin habe ich ergriffen gesagt: „Das war der schönste Tag in meinem Leben!“


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