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Herr und Hund: Leonard Woolf setzt in seinem Garten von Monk’s Haus seine Rolle des fürsorglichen Gebieters als Tierhalter fort
Bild: IMAGO / GRANGER Historical Picture ArchiveHerr und Hund: Leonard Woolf setzt in seinem Garten von Monk’s Haus seine Rolle des fürsorglichen Gebieters als Tierhalter fort

Der geläuterte Kolonialbeamte

Sieben Jahre in Ceylon – Der britische Autor Leonard Woolf wird in postkolonialer Zeit als Mahner gegen den Imperialismus entdeckt

Dagmar Jestrzemski
27.10.2026

Auf der Frankfurter Buchmesse präsentierte der Mare Verlag die erste deutsche Übersetzung eines faszinierenden Spätwerks des britischen politischen Schriftstellers und Verlegers Leonard Woolf (1880–1969) mit dem Titel „Sieben Jahre in Ceylon. Erinnerungen und Erzählungen“ (Originaltitel „Growing: An Autobiography of the Years 1904 to 1911“). Es handelt sich um den 1961 in englischer Sprache erschienenen zweiten Teil einer insgesamt siebenbändigen autobiografischen Buchreihe, die Woolf in den 1960er Jahren im Alter von über 80 Jahren veröffentlichte.

Außerhalb von Großbritannien ist der Autor meist nur als Ehemann der Schriftstellerin Virginia Woolf bekannt. Der Band enthält eine Rückblende auf seine über 50 Jahre zurückliegende Dienstzeit als junger Kolonialbeamter des britischen Empire auf Ceylon, dem heutigen Sri Lanka. Erst 1948 war der Inselstaat als Dominion innerhalb des britischen Commonwealth unabhängig geworden. Woolf hinterließ damit ein außergewöhnliches und aufschlussreiches Pionierwerk der Antikolonialliteratur, das sich trotz der großen Zeitdistanz zum Geschehen großenteils wie eine spannende Reportage liest.

Als Erinnerungshilfen für dieses Vorhaben hatte er sich Briefe aus seiner Dienstzeit an seinen Studienfreund Lytton Strachey beschafft, der wie er zur Londoner Intellektuellen-Vereinigung Bloomsbury Group gehörte, sowie die offiziellen Tagebücher, die er als „Assistant Government Agent“ in der singhalesischen Südprovinz Hambantota von 1908 bis 1911 führen musste. Der Ausgabe sind drei Erzählungen Woolfs beigegeben.

Ab der ersten Seite wird man in diese scharfsinnige, atmosphärische und um Wahrhaftigkeit bemühte Retrospektive hineingezogen. Auf bestimmte Auslassungen des Autors wird im Nachwort hingewiesen. Nach seinen eigenen Worten trat Woolf seinen Dienst als „unschuldiger, unbewusster Imperialist“ im Glauben an die zivilisatorische Aufgabe des Westens an. Zu seinem Tätigkeitsfeld gehörten Rechtsprechung, Polizeigewalt, Steuereintreibung und die Einhaltung des Salzmonopols, einer wichtigen Einnahmequelle der Kolonialmacht.

Zweifel am imperialistischen System

In seinem Rückblick war die Betrachtung des eigenen Verhaltens in seiner Rolle als Verwaltungsbeamter des britischen Kolonialdienstes unabdingbar. War er in den ersten Jahren in Jaffna ehrgeizig bestrebt, sich durch gewissenhafte Pflichterfüllung im Dienste der Sache hervorzutun, so befielen ihn später laut Autobiografie angeblich zunehmend Zweifel an der Rechtmäßigkeit des imperialistischen Systems, das auf der Überzeugung von der absoluten Überlegenheit der westlichen Zivilisation beruhte.

Woolf interessierte sich außerordentlich für die buddhistisch und hinduistisch geprägte Kultur der Tamilen und Singhalesen an seinen Einsatzorten in zwei nördlichen und einer südlichen Provinz Ceylons. Um in seinem Aufgabenbereich unabhängig und effektiv arbeiten zu können, lernte er sogar deren Sprachen. Bemerkenswert und stimmungsvoll sind seine Naturbeobachtungen, insbesondere bei seinen Exkursionen durch den Dschungel. Seine Kontakte zur britischen Kolonialgesellschaft – den Beamten, Plantagenbesitzern und Sammlern von Jagdtrophäen – waren eher sporadisch. In den mitunter ironischen Berichten über diese Begegnungen kommt zum Ausdruck, dass er seine Landsleute als skurril, kulturlos und engstirnig beurteilte. Die „Expats“ (Expatriates) pflegten ihren europäischen Lebensstil. Ihr Kontakt zur armen einheimischen Bevölkerung beschränkte sich im Wesentlichen auf die Zusammenarbeit mit den Anführern aus den einflussreichen Familien, die den Beamten und Händlern als unverzichtbare Vermittler und Ausführende der behördlichen Anordnungen dienten.

Während seines ersten Einsatzes in der Provinz Jaffna von 1905 bis 1907 war Woolf bei den Einwohnern offenbar unbeliebt, wie er einräumte: „Obwohl ich es gut meinte und recht hatte, was nicht immer zutraf und nicht unbedingt dasselbe ist, ging ich zu rücksichtslos vor und spielte zu sehr den starken Mann. Die Schwierigkeiten dort ließen mich erstmals vage meine Position als Herrscher über unterworfene Völker erkennen. Wie eigenartig lange ich dazu brauchte.“ Jedoch stellte er sein Verhalten als strenger „Sahib“ nie direkt in ein ungeschöntes Licht.

Sein anfängliches Interesse an der Kultur des alten singhalesischen Königreichs Kandy wandelte sich während seines Dienstjahres in Kandy 1907/08 in Abscheu vor den Zeremonien und der feudalen Gesellschaftsordnung. Ekel empfand er desgleichen gegenüber der Härte der kolonialen Rechtsprechung: „Das Auspeitschen eines Mannes mit der neunschwänzigen Katze ist das widerlichste und barbarischste Ereignis, das ich je gesehen habe, sogar schlimmer noch als eine Hinrichtung.“

Während seiner letzten Dienstjahre 1908 bis 1911 im Distrikt Hambantota im Süden Ceylons amtierte er als eigenständiger Bezirksleiter. Seine vorschriftsmäßige Anwesenheit beim Vollzug von Todesstrafen führte zu einer endgültigen inneren Entfremdung von dem System. 1911 kehrte er für einen Heimaturlaub nach England zurück. Im Mai 1912 reichte er seinen Abschied ein und heiratete Virginia Stephen, die später unter ihrem Ehenamen Woolf Weltruhm als Schriftstellerin erlangte.

Seine Erfahrungen in der britischen Kronkolonie Ceylon verarbeitete er in seinem antikolonialen Roman „Das Dorf im Dschungel“ („The Village in the Jungle“), der als sein literarisches Meisterwerk gilt. In dem Roman ohne weiße Hauptfiguren wird das koloniale System aus der Perspektive der unterdrückten Einheimischen als zerstörerische Tragödie dargestellt.

• Leonard Woolf: Sieben Jahre in Ceylon. Erinnerungen und Erzählungen, Mare Verlag, Berlin 2026, gebunden, 368 Seiten, 38 Euro


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