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Warum die DDR-Erfahrung auch 36 Jahre nach der Einheit politisch wirksam ist – und weshalb Mitteldeutschland weniger die verspätete Provinz der Bundesrepublik als ein Frühwarnsystem für ihre Veränderungen darstellt
Mehr als 38 Prozent in Mecklenburg-Vorpommern für die AfD, quasi von Null auf 100 gegen die langjährige Regierungspartei SPD im nordöstlichen Bundesland zwischen Lübeck und Stettin. Zwei Wochen zuvor 43,8 Prozent bei der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt für die Partei von Ulrich Siegmund, der von vielen als deutscher John F. Kennedy bezeichnet wird. Man kann diese Zahl als Triumph der AfD, als Niederlage der anderen Parteien, als mitteldeutschen Sonderfall oder als Warnung lesen.
Auf jeden Fall entsprechen die 17,2 Prozent für die CDU in Sachsen-Anhalt und 4,9 Prozent in Mecklenburg-Vorpommern einer Marginalisierung sondergleichen, der Partei des Kanzlers der deutschen Einheit und des ersten Nachwende-Ministerpräsidenten. Berlin steht gegen den Trend. Hier hat die AfD zugelegt, aber nicht so stark wie befürchtet. Die FDP ist verschwunden. Berlin ist aber atypisch in jeder Hinsicht: Schlusslicht in vielen Rankings, außer als Empfängerland des Länderfinanzausgleichs; stark bei Einbürgerungen und als Schutzpatron von Menschen, denen am Erhalt und Ausbau der Wohlfahrtssysteme gelegen ist.
Zahlen wie diese verändern ein Parteiensystem und zwingen zu einer Frage, der die Bundesrepublik lange ausgewichen ist: Was geschieht politisch im Osten – und könnte dort früher sichtbar werden, was dem ganzen Land bevorsteht? Drohen gar US-Verhältnisse mit einem im Wesentlichen dualen politischen System von links und rechts?
Wer Deutschland im Jahr 2026 verstehen will, muss sich mit spezifisch ostdeutschen Erfahrungen beschäftigen. Sie verbinden nicht per se alle Menschen zwischen Rostock und Suhl. Ein Unternehmer in Leipzig, eine Rentnerin in Vorpommern und ein Student in Halle bilden keine politische Schicksalsgemeinschaft. Trotzdem existiert ein historischer Erfahrungsraum in der DDR sozialisierter Menschen, der sich von dem der alten Bundesrepublik unterscheidet. Sein vielleicht wichtigstes Element lautet: Eine Ordnung, die unveränderlich erscheint, kann verschwinden.
Ein Staat kann verschwinden
Für die westdeutsche Nachkriegsgesellschaft war politisches Erleben trotz Ölkrise, RAF-Terrorismus, Massenarbeitslosigkeit und Wirtschaftskrisen vor allem ein solches der Kontinuität. Regierungen wechselten, die Ordnung blieb. Parteien verloren Wahlen, aber nicht ihre Existenzgrundlage, und schon beim nächsten Mal triumphierten sie wieder. Behörden, Gerichte, Hochschulen, Unternehmen und Verbände bestanden fort. Die mitteldeutsche Erfahrung ist radikaler. Sie hat erlebt, dass ein Staat verschwinden kann. Mit seinen Insignien, Milieus und Geheimdiensten. Eine Währung kann verschwinden. Eine Armee kann verschwinden. Ein Bildungssystem kann verschwinden. Ein Betrieb, in dem Tausende Menschen arbeiten, kann innerhalb weniger Monate bedeutungslos werden. Gesellschaftliche Eliten können ausgetauscht werden. Was gestern als unverrückbar galt, kann morgen Geschichte sein.
Wer 1989 erwachsen war, hat dies selbst erlebt. Wer später geboren wurde, kennt es aus der Familiengeschichte. Erfahrungen verschwinden nicht mit einer Generation. Sie werden am Abendbrottisch weitererzählt, durch Arbeitslosigkeit, Umzüge und Familienbiografien vermittelt. Das macht Ostdeutsche weniger empfänglich für die Vorstellung, der gegenwärtige Zustand sei alternativlos. Das mag jene eigentümliche Gelassenheit erklären, mit der im Osten politische Erschütterungen aufgenommen werden, die im Westen als historische Zäsur erscheinen. Wenn traditionelle Parteien dramatisch verlieren, die AfD stärkste Kraft wird und bisher selbstverständliche Koalitionen nicht mehr funktionieren, lautet die Frage im politischen Berlin: Wie konnte es so weit kommen? Mitteldeutschland hält dagegen: Warum sollte dieses System unveränderlich sein?
Dass es sich nicht mehr um einzelne Protestwahlen handelt, zeigte bereits die Bundestagswahl 2025. Bundesweit verdoppelte die AfD ihren Zweitstimmenanteil von 10,4 auf 20,8 Prozent. Sie erhielt mehr als 10,3 Millionen Zweitstimmen und zog mit 152 Abgeordneten als zweitstärkste Kraft in den Bundestag ein. Im Osten lagen die Werte noch erheblich höher.
Die Zahlen erzählen eine Geschichte
In Sachsen erhielt die AfD 37,3 Prozent der Zweitstimmen, in Sachsen-Anhalt 37,1 und in Thüringen 38,6 Prozent. Ein Jahr später erreichte sie bei der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt nun fast 44 und in Mecklenburg-Vorpommern 38,2 Prozent. Es lässt sich nicht mehr von einem politischen Betriebsunfall sprechen. Aber auch eine angeblich besondere Demokratiefeindlichkeit „der Ostdeutschen“ ist nicht abzuleiten.
Der Deutschland-Monitor zeigt ein komplizierteres Bild. 65 Prozent der Befragten im Osten stehen entschieden zur Demokratie, im Westen sind es 76 Prozent. Deutlicher wird die Differenz, wenn nicht nach dem demokratischen Prinzip, sondern nach seiner praktischen Funktionsweise gefragt wird: Im Osten sind 49 Prozent eher oder sehr unzufrieden damit, wie die Demokratie gegenwärtig funktioniert, im Westen 38 Prozent. Man kann demnach die Demokratie bejahen und mit ihrem gegenwärtigen Betrieb trotzdem unzufrieden sein. Genau in diesem Zwischenraum wächst politische Opposition.
Zur DDR-Sozialisation gehört eine weitere Erfahrung: die Differenz zwischen öffentlicher Darstellung und privater Wahrnehmung. Jede politische Ordnung produziert Selbstbeschreibungen. Aber im späten Sozialismus nahm der Abstand zwischen offizieller Sprache und sichtbarer Wirklichkeit groteske Züge an. Zeitungen berichteten über Planerfüllung, während Waren fehlten. Der Staat beschwor seine Leistungsfähigkeit, während Häuser und Infrastruktur verfielen. Die politische Führung verkündete die Geschlossenheit von Partei und Volk, während ein erheblicher Teil der Bevölkerung innerlich längst gekündigt hatte. Das erzeugte eine Kultur des Lesens zwischen den Zeilen. Wer in einer solchen Gesellschaft sozialisiert wurde, hört politischen Beteuerungen anders zu. Er fragt weniger danach, was eine Regierung über sich selbst sagt, sondern ob die Behauptung mit seiner sichtbaren Wirklichkeit übereinstimmt. Deshalb können heute Probleme der Infrastruktur, der Verwaltung oder der öffentlichen Ordnung eine politische Bedeutung bekommen, die weit über den unmittelbaren Gegenstand hinausgeht. Eine nicht funktionierende Behörde ist dann nicht bloß eine schlecht funktionierende Behörde. Eine gesperrte Brücke ist nicht nur eine gesperrte Brücke. Eine Schule mit undichtem Dach ist nicht lediglich ein kommunales Bauproblem – beide sind Indikatoren für die Leistungsfähigkeit des Systems oder die Unaufrichtigkeit der politischen Führung.
Deutschland diskutiert heute über anspruchsvolle gesellschaftspolitische Fragen wie Identität und Geschlecht, fördert Projekte in aller Welt, während gleichzeitig elementare staatliche Leistungen im Inland immer schlechter funktionieren. Für einen politischen Betrieb, der zunehmend von Kommunikation lebt, ist das schwierig. Die Bundesregierung erlebt täglich, dass durch sie allein die Probleme nicht geringer werden.
Das Trauma der 90er Jahre
Die spezifischen Ost-Erfahrungen zeigen auch, dass, wer tiefgreifende Transformation erlebt hat, Veränderungen nicht zwangsläufig begrüßen muss, sondern ihnen gerade deshalb misstraut. Der Deutschland-Monitor 2025 liefert dafür einen bemerkenswerten Befund. Insgesamt unterscheiden sich Ost- und Westdeutsche in ihrer Veränderungsbereitschaft weit weniger, als es die politische Debatte vermuten lässt.
Besonders skeptisch sind jedoch Menschen in strukturschwachen ostdeutschen Regionen. Dort verbinden sich die Erinnerung an frühere Umbrüche mit Statusverlustangst, dem Gefühl, benachteiligt zu sein, und geringem Vertrauen in die eigene politische Einflussmöglichkeit. Auch die Bewertung der Wiedervereinigung hat sich verändert. 2023 meinten 26 Prozent der Ostdeutschen, die Einheit habe dem Osten eher Nachteile gebracht. 2025 waren es 37 Prozent. Mehr als dreieinhalb Jahrzehnte nach der Einheit wird die Bilanz also nicht automatisch positiver.
Die 1990er Jahre kehren damit als politische Erinnerung zurück: Betriebsstilllegungen, Massenarbeitslosigkeit, Abwanderung, Entwertung beruflicher Qualifikationen und das Gefühl, dass andere über die eigene Zukunft entschieden. Diesmal nicht als Folge des real existierenden Sozialismus, sondern eines ideologisierten Kapitalismus. Wer zuvor den Niedergang einer Staatswirtschaft erlebt hat, hört das Wort einer politisch gewollten „Transformation“ ohne jede Blaupause möglicherweise anders als jemand, dessen Biografie von Kontinuität geprägt wurde. Das betrifft heute Energiewende, Digitalisierung, Migration und die wirtschaftliche Neuordnung ebenso wie die Veränderungen der internationalen Politik.
Die unvollendete Wiedervereinigung
Das zweite große Motiv mitteldeutscher Identität entsteht deshalb nicht aus der DDR, sondern aus der Zeit danach. 1990 bedeutete Befreiung und Aufbruch, für viele aber auch Zusammenbruch und Krise. Die deutsche Einheit war keine Fusion zweier Systeme. Die Bundesrepublik blieb bestehen, die DDR trat ihr bei. Dafür gab es überzeugende historische und praktische Gründe. Dennoch hatte diese Konstruktion kulturelle Folgen, die vielfach als Annexion erlebt wurden.
Das westdeutsche Institutionengefüge wurde zur gesamtdeutschen Normalität. Seine Parteien, Medien, Hochschulen, Verbände und gesellschaftlichen Umgangsformen definierten, was als Mitte galt. Bürger der ehemaligen DDR mussten darin ihren Platz finden. Nicht nur das: Bis heute müssen sie hinnehmen, dass ein Großteil ihrer Verwaltungs- und Unternehmensspitzen von Westdeutschen besetzt werden. Ostdeutsche stellen ungefähr ein Fünftel der Bevölkerung. Ihr Anteil an den untersuchten Spitzenpositionen lag 2024 nach dem Elitenmonitor aber lediglich bei 12,1 Prozent. 2018 waren es sogar nur 10,9 Prozent. Die Entwicklung geht zwar in Richtung Angleichung – aber langsam und hinterlässt 36 Jahre nach der Einheit eine spürbare Repräsentationslücke. Diese ist politisch deshalb bedeutsam, weil Repräsentation mehr bedeutet als Statistik. Wer selten erlebt, dass Menschen mit ähnlichen Biografien Universitäten, Unternehmen, Medien oder Bundesbehörden führen, kann den Eindruck entwickeln, zwar Bürger desselben Landes zu sein, aber nicht in gleichem Maß dessen Normen bestimmen zu dürfen.
Nur in der Diskussion um Migrantenquoten für den öffentlichen Dienst gilt diese Erkenntnis als Allgemeinplatz. Der Osten wurde zum Gegenstand zahlloser Untersuchungen, Reportagen und Debatten. Nicht zuletzt deshalb entstand bei vielen der Eindruck, häufiger untersucht als gehört zu werden.
Ein Land, das Menschen verloren hat
Demografie ist ein weiterer Faktor. Ende 2025 lebten nach Angaben des Statistischen Bundesamtes in Ostdeutschland ohne Berlin rund 12,35 Millionen Menschen. Das Durchschnittsalter betrug 47,8 Jahre. Im Westen waren es 44,6 Jahre. Hinter diesen nüchternen Zahlen verbergen sich drei Jahrzehnte gesellschaftlicher Veränderung. Nach der deutschen Einheit verließen vor allem junge Menschen die neuen Länder. Gleichzeitig brachen die Geburtenzahlen ein. Beides beschleunigte die Alterung.
Auch 2024 wies Mitteldeutschland ohne Berlin wieder einen negativen Binnenwanderungssaldo auf. Wer durch manche ländliche Regionen fährt, sieht die Folgen nicht in Tabellen, sondern auf der Straße: geschlossene Geschäfte, fehlende Ärzte, ausgedünnte Busverbindungen, leer stehende Häuser und Fabriken, in denen seit Jahren niemand mehr arbeitet. Das bedeutet nicht, dass Mitteldeutschland insgesamt verarmt oder verfällt. Städte wie Leipzig, Dresden, Jena oder Potsdam erzählen eine völlig andere Geschichte.
Der politische Konflikt verläuft bundesweit zwischen prosperierenden und schrumpfenden Räumen, weniger zwischen Ost und West. Im Osten aber überlagert sich dieser Konflikt mit der Erinnerung an den großen Strukturbruch nach 1990.
Der Aufstieg der AfD lässt sich nicht allein aus der DDR und einem spezifischen politischen Klima nach der Wende erklären. Dafür ist die Partei inzwischen bundesweit zu stark. Migration, wirtschaftliche Unsicherheit, Energiepreise, Ukrainekrieg, kulturelle Konflikte und Vertrauensverlust wirken überall. Was es jedoch im Osten gibt, ist ein historisch vorbereiteter Resonanzraum. Die traditionellen westdeutschen Volksparteien besitzen dort eine geringere biografische Verankerung. Niemand war in der DDR SPD-Wähler im bundesrepublikanischen Sinne. Niemand wuchs mit der Vorstellung auf, CDU oder SPD seien natürliche Regierungsparteien seines Landes. Parteibindungen mussten nach 1990 erst entstehen. Die Gewohnheit an sie ist nicht über Generationen gewachsen, deshalb können sie schneller verschwinden.
Die AfD profitiert davon. Sie bietet nicht nur Forderungen an, sondern eine Erzählung: Die bestehenden Institutionen hätten sich von der Lebenswirklichkeit entfernt, eine politische und mediale Elite verweigere Veränderungen, das Land brauche einen grundsätzlichen Kurswechsel. Für Menschen mit Transformationserfahrung ist diese Erzählung anschlussfähig. Das bedeutet nicht, dass die AfD deshalb recht hat. Ebenso wenig dürfen radikale oder extremistische Positionen innerhalb dieser oder jeder anderen Partei verharmlost werden. Im Gegenteil: Je näher eine Partei realen Machtoptionen kommt, desto strenger muss sie an Personal, Programmatik, Verfassungstreue und Regierungsfähigkeit gemessen werden. Aber die Vorstellung, ihren Aufstieg vor allem durch moralische Abgrenzung gegenüber ihren Wählern stoppen zu können, ist spätestens 2026 empirisch widerlegt.
Das Dilemma der Brandmauer
Erneut gerät die Brandmauer in ein strukturelles Dilemma. Ihre Logik, dass demokratische Parteien eine Partei mit radikalen und extremistischen Kräften nicht durch Zusammenarbeit normalisieren wollen, war stets brüchig und hat sich als wirkungslos erwiesen. Eine Brandmauer gegenüber einer Partei mit sieben Prozent ist etwas anderes als gegenüber einer Partei mit 44 oder 37 Prozent. Je stärker die AfD wird, desto mehr Parteien müssen sich zusammenschließen, um sie von Regierungsverantwortung fernzuhalten.
Je unterschiedlicher diese Parteien sind, desto leichter kann die AfD wiederum behaupten, alle anderen bildeten letztlich einen einzigen politischen Block, und desto stärker verschwinden die inhaltlichen Spezifika von CDU, FDP, Grünen, Linken oder BSW. Damit entsteht ein selbstverstärkender Mechanismus. Je breiter die Gegenkoalition, desto glaubwürdiger kann die AfD sich als einzige fundamentale Opposition inszenieren. Und je glaubwürdiger ihr das gelingt, desto stärker kann sie werden. Nicht ihre moralische Begründung ist das Problem der Brandmauer, sondern ihre langfristige politische Funktionsfähigkeit. Sie war von Anfang an nicht gegeben, wie der historische Rückblick zeigt.
Das Ende der alten Bundesrepublik
Bei der Bundestagswahl 2025 erhielt die SPD nur noch 16,4 Prozent der Zweitstimmen. Die FDP scheiterte am Einzug in den Bundestag. CDU und CSU kamen zusammen auf 28,6 Prozent. Die Zeiten, in denen Union und SPD gemeinsam 70 oder 80 Prozent der Wähler hinter sich versammelten, sind Geschichte, und Deutschland verabschiedet sich vom Parteiensystem der alten Bundesrepublik und damit von gesellschaftlichen Milieus, die politische Loyalität erzeugten: katholische Bindung an die Union, Arbeitermilieu und Gewerkschaften bei der SPD, später das akademisch-urbane Milieu der Grünen. Wähler werden beweglicher und Parteien austauschbarer. Die Wahlentscheidung ist kein Bekenntnis, sondern ein jederzeit widerrufbarer Auftrag. Im Osten war dieser Zustand früher erreicht, weil die alten bundesrepublikanischen Milieus dort nie eine vergleichbare historische Tiefe besaßen. Deshalb könnte der Osten tatsächlich weniger Nachzügler als Vorbote sein.
Die Erinnerung an 1989 erfährt mit dem Sieg von Ulrich Siegmund und seiner demonstrativ ausgestreckten Hand an alle eine überraschende Aktualität. Die große Leistung der friedlichen Revolution bestand nicht allein darin, die SED-Herrschaft zu beenden. Es entstanden Runde Tische, an denen Menschen miteinander verhandelten, die politisch keineswegs einer Meinung waren. Die entscheidende Frage lautete damals nicht: Wer darf miteinander reden, sondern: Wie organisieren wir Veränderung, ohne dass Gewalt entsteht?
Die Bundesrepublik des Jahres 2026 ist selbstverständlich nicht die DDR von 1989. Wer beide Systeme gleichsetzt, verkennt den fundamentalen Unterschied zwischen Diktatur und freiheitlicher Demokratie. Aber aus dem Verfahren lässt sich dennoch lernen. Deutschland streitet häufig über Verfahrensfragen, bevor überhaupt Einigkeit darüber besteht, welches Problem gelöst werden soll. Bei Migration sprechen die einen über Humanität und Arbeitskräfte, die anderen über Kontrollverlust. Beim Ukrainekrieg sprechen die einen über Abschreckung, die anderen über Eskalationsgefahr. Bei der Energiewende stehen Klimaziele gegen Sorgen um Preise und industrielle Wettbewerbsfähigkeit.
Mehr direkte Demokratie
Ohne gemeinsame Beschreibung der Wirklichkeit wird jeder Kompromiss als Kapitulation empfunden. Eine neue Kultur der ausgestreckten Hand an alle, der Runden Tische, wäre tatsächlich keine schlechte Idee: nicht als Ersatz für Parlamente, sondern als Ergänzung. Auch die Idee einer Expertenregierung klingt gut: Menschen aus Wissenschaft, Wirtschaft, Kommunen, Kultur und Gesellschaft könnten zunächst darüber streiten, wo Deutschland 2040 stehen soll – und erst danach darüber, welcher Weg dorthin führt. Ein überparteilicher Ministerpräsident hätte es indes ohne parteipolitischen Rückhalt schwer.
Auch die Forderung nach mehr direkter Demokratie besitzt eine ostdeutsche Pointe. Wer Institutionen einmal vollständig wechseln sah, betrachtet Repräsentation möglicherweise weniger ehrfürchtig. Wie lange aber funktioniert eine repräsentative Demokratie stabil, wenn immer mehr Bürger glauben, mit ihrer Stimme keine wirkliche Richtungsentscheidung mehr treffen zu können? Volksentscheide lösen dieses Problem nicht automatisch. Aber verbindlichere Formen direkter Beteiligung könnten den politischen Wettbewerb öffnen. Dabei gilt eine Bedingung, die gern vergessen wird: Wer mehr direkte Demokratie fordert, muss auch Ergebnisse akzeptieren, die ihm nicht gefallen.
Eine andere Außenpolitik?
Noch deutlicher zeigt sich die ostdeutsche Sondererfahrung in der Außenpolitik. Vier Jahrzehnte DDR bedeuteten Leben im sowjetischen Machtbereich. Russische Soldaten waren keine geopolitische Abstraktion, sondern im Land stationiert. Russisch wurde in der Schule gelernt. Moskau war das politische Zentrum des Bündnisses. Zugleich wussten die Ostdeutschen seit dem 17. Juni 1953, was sowjetische Besatzung jenseits der Druschba-Prosa im Ernstfall bedeuten konnte. Daraus entstand nach 1990 nicht zwangsläufig Russlandliebe. Wohl aber bei einem Teil der Bevölkerung eine andere Vorstellung davon, wie mit Russland umzugehen sei.
Man kann den russischen Angriff auf die Ukraine verurteilen und trotzdem davon überzeugt sein, dass europäische Sicherheit langfristig irgendeine Form des Ausgleichs mit Russland benötigen wird. Gerade hier wird die Ost-West-Differenz häufig moralisiert statt analysiert. Wer Verhandlungen fordert, wird zum „Putin-Versteher“, wer Waffenlieferungen unterstützt, zum „Kriegstreiber“. Beide Etiketten polarisieren und verhindern die eigentliche Debatte. Deutschland gehört der NATO und der EU an und besitzt daraus Verpflichtungen. Aber zwischen Kriegsrhetorik und diplomatischer Sprachlosigkeit liegt ein großer Raum. Deutschland könnte innerhalb seiner Bündnisse stärker die Rolle eines Vermittlers suchen: verteidigungsfähig, bündnistreu und zugleich gesprächsfähig. Die deutsche Geschichte sollte eine besondere Sensibilität für Eskalationsdynamiken ermöglichen.
Die Welt von 1990 existiert nicht mehr
Die alte Bundesrepublik konnte sich auf Voraussetzungen verlassen, die heute nicht mehr selbstverständlich sind: amerikanischen Schutz, günstige Energie, wachsende Exportmärkte, eine relativ junge Bevölkerung und technologischen Vorsprung. Doch China ist keine verlängerte Werkbank des Westens mehr. Indien gewinnt an Gewicht. Die Golfstaaten ziehen Kapital und hochqualifizierte Arbeitskräfte an.
Die USA verfolgen ihre wirtschaftlichen und geopolitischen Interessen offensiver, egoistischer, aggressiver. Israel zeigt im Nahen Osten eine Brutalität, die sprachlos und Deutschland angesichts seiner Historie tatenlos macht. Gleichzeitig altert Deutschland und verliert an wirtschaftlicher Bedeutung. Technologien können verschwinden. Regionen können ausbluten. Junge Menschen können gehen. Eine Gesellschaft kann jahrelang von ihrer Substanz leben und ihren Niedergang trotzdem als vorübergehende Schwierigkeit interpretieren. Reichtum besitzt eine paradoxe Eigenschaft: Er ermöglicht es, Fehlentwicklungen sehr lange zu finanzieren, bis der Reichtum vergangen ist.
Die spezifisch mitteldeutsche Identität des Jahres 2026 kennt nicht nur Transformation und individuelle Erfolgsgeschichten, sondern auch kollektive Identitätskrisen. Diese können in Trotz, Zynismus und Ressentiment umschlagen. Wer Institutionen einmal untergehen sah, kann ihren Wert unterschätzen. Aus Skepsis kann Verachtung werden, aus Opposition Fundamentalopposition. Doch auch diese können demokratische Ressourcen sein, denn sie erinnern daran, dass Institutionen keinen Selbstzweck besitzen. Parteien sind nicht dazu da, sich selbst zu erhalten. Behörden existieren nicht, um Verwaltung zu produzieren. Parlamente sind nicht geschaffen worden, um politische Konkurrenz fernzuhalten. Ihre Aufgabe ist es, spezifische Möglichkeiten herzustellen.
12,1 Prozent für Ostdeutschland
Am Ende führt die Debatte deshalb wieder zurück zu der unscheinbaren Zahl von 12,1 Prozent der untersuchten deutschen Spitzenpositionen, die 2024 mit Ostdeutschen besetzt waren – bei einem Bevölkerungsanteil von ungefähr 20 Prozent. Deutschland hat die Ostdeutschen integriert und Mitteldeutschland seit dem Zwei-plus-Vier-Vertrag mit Westdeutschland in der deutschen Einheit zusammengeschlossen. Doch die spezifisch mitteldeutsche Erfahrung ist noch nicht Teil des gesamtdeutschen Selbstverständnisses. Die entscheidende Aufgabe der kommenden Jahre kann nicht darin bestehen, den Osten endlich an den Westen anzugleichen oder Wahlergebnisse zu bekämpfen, die sich dort anders darstellen als im Westen. Vielmehr stehen gesamtdeutsche Lernerfahrungen für die Bundesrepublik an.
Das Land braucht eine politische Kultur, die Dissens aushält, ohne jeden Konflikt moralisch aufzuladen. Einen Staat, der seine elementaren Aufgaben sichtbar priorisiert. Ein Bildungssystem, das sozialen Aufstieg ermöglicht. Eine Wirtschaftspolitik, die Wertschöpfung nicht als verdächtigen Nebeneffekt behandelt. Eine Migrationspolitik, die Offenheit mit Regeln verbindet. Eine Außenpolitik, die Bündnistreue nicht mit diplomatischer Sprachlosigkeit verwechselt. Vor allem aber braucht Deutschland eine Vorstellung davon, wo es in zehn oder 20 Jahren stehen will. Dass das Land sich in jedem Politikfeld nur noch mit der AfD beschäftigt, betoniert die Zukunftsfähigkeit. Die entscheidende Frage der kommenden Jahre ist, ob das Land nötige Veränderungen selbst gestaltet – oder erst reagiert, wenn andere sie ihm aufzwingen.
sitra achra am 11.10.26, 15:24 Uhr
Im Märchen hat das Wünschen noch geholfen. Aber in dieser grausigen Realität?
Ich denke, die Deutschen in Mittel-Ost werden auch den zweiten bzw. dritten Untergang erleben.
Dafür stehen sie allerdings wieder auf der moralisch einwandfreien Seite. Wenn das kein Trost ist!