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Wie der Sozialistische Deutsche Studentenbund die Bundesrepublik veränderte
Der Schuss fiel abends kurz nach halb acht am 2. Juni 1967. Vor der Deutschen Oper in West-Berlin jagten Polizisten Demonstranten auseinander, Schlagstöcke hieben in die Menge, Menschen schrien. Wenige Minuten später lag Benno Ohnesorg auf dem Asphalt. Der 26-jährige Germanistikstudent starb noch am selben Abend an einer Schussverletzung im Hinterkopf. Geschossen hatte Kriminalobermeister Karl-Heinz Kurras.
Der Tod Ohnesorgs veränderte die Bundesrepublik. Innerhalb weniger Tage wurde aus einer studentischen Protestbewegung eine politische Kraft, die Universitäten, Parteien und schließlich die gesamte Gesellschaft herausforderte. Ihr organisatorisches Zentrum war der Sozialistische Deutsche Studentenbund, kurz SDS. Bis heute steht er für die Revolte von 1968 – für die einen als Motor einer überfälligen Demokratisierung, für die anderen als Ausgangspunkt einer Entwicklung, an deren Ende Terrorismus stand.
Vor 80 Jahren als Studentenbund der SPD gegründet
Als sich der SDS vor 80 Jahren, am 2. und 3. September 1946, in der Hamburger Elbschlossbrauerei gründete, dachte niemand an Barrikaden. Die Not ließ dafür keine Zeit. Deutschland lag in Trümmern. Universitäten mussten neu aufgebaut werden, viele Studenten kamen direkt aus Krieg oder Gefangenschaft. Professoren waren entlassen oder galten als belastet. Der Verband war zunächst der offizielle Studentenbund der SPD und verstand sich als Teil des demokratischen Neubeginns.
Konflikt und rechtsstaatliche Entfremdung entstanden schleichend. Während Politik und Verwaltung möglichst rasch zur Normalität übergingen, fragten viele Studenten, wie demokratisch ein Staat sein konnte, in dem ehemalige Nationalsozialisten wieder als Richter, Professoren oder Beamte arbeiteten. Für die ältere Generation sowie die Entscheider in alliierter Militärverwaltung und Politik war das pragmatisch, für viele Jüngere Ausdruck eines kollektiven Schweigens. Hierin liegt der eigentliche Ursprung der Studentenbewegung als gesellschaftliche Kraft. Nicht jugendliche Aufsässigkeit, sondern die Verdrängung der NS-Vergangenheit hat den SDS geprägt. Zwischen Eltern und Kindern entstand ein moralischer Bruch: Die einen schwiegen, die anderen wollten wissen, wer Verantwortung getragen hatte.
Wirtschaftswunder und Bruch: Der 2. Juni 1967
Mit dem Wirtschaftswunder entfernten sich SPD und SDS immer weiter voneinander. Die Sozialdemokraten entwickelten sich zur konzeptionell staatstragenden Volkspartei, der SDS rückte nach links. Er kämpfte gegen die diskutierte atomare Bewaffnung der Bundeswehr, organisierte kritische Ausstellungen und griff die personellen Kontinuitäten der Nachkriegszeit an. Die SPD-Parteiführung hielt zunehmend Abstand. Mit dem Godesberger Programm von 1959 wurde aus der Spaltung ein endgültiger Bruch. Zwei Jahre später trennte sich die Partei von ihrem Studentenverband.
Der SDS grenzte sich nun gleichermaßen vom sowjetischen Staatssozialismus wie von der reformorientierten SPD ab. Seine wichtigsten Themen waren Hochschulreformen, der Widerstand gegen die Notstandsgesetze und der Protest gegen den Vietnamkrieg. Vor allem an der Freien Universität Berlin entwickelte sich eine neue Protestkultur. Teach-ins, Sitzblockaden und Vollversammlungen machten die Hochschule zum politischen Experimentierfeld. Studenten wollten nicht länger Zuschauer sein, sondern selbst Politik gestalten.
Das Gesicht der Bewegung wurde Rudi Dutschke. Der aus der DDR stammende Student verband marxistische Gesellschaftskritik mit christlichen Vorstellungen von Verantwortung. Sein „langer Marsch durch die Institutionen“ zielte nicht auf einen gewaltsamen Umsturz, sondern auf eine schrittweise Veränderung von Staat und Gesellschaft. Beim Besuch des iranischen Schahs Mohammad Reza Pahlavi demonstrierten Tausende gegen dessen Regime. Regimetreue iranische Anhänger griffen Demonstranten an, die Polizei ging vor allem gegen die Studenten vor. Am Abend trieb sie die Menge vor der Deutschen Oper auseinander. In einem Hinterhof erschoss Kurras den Studenten Ohnesorg.
Der Freispruch für Kurras und die Berichterstattung vieler Medien erschütterten das Vertrauen einer ganzen Generation in Polizei und Justiz. Alle Vorurteile gegenüber einer als belastet empfundenen Justiz schienen bestätigt. Innerhalb weniger Wochen wurde der SDS zur intellektuellen Speerspitze der außerparlamentarischen Opposition (APO).
Der Schuss, der „1968“ auslöste
Jahrzehnte später, 2009, wurde bekannt, dass der Todesschütze nicht nur West-Berliner Polizist, sondern seit Jahren Informant der DDR-Staatssicherheit und Mitglied der SED gewesen war. Sofort entstand der Verdacht, Ost-Berlin habe die Studentenbewegung bewusst angeheizt. Die inzwischen zugänglichen Akten sprechen allerdings gegen diese Deutung. Unbestritten ist, dass die Staatssicherheit linke Gruppen in der Bundesrepublik intensiv beobachtete, Informanten führte und kommunistische Organisationen unterstützte. Für die Behauptung, der Schuss auf Ohnesorg sei von Ost-Berlin geplant oder gebilligt worden, gibt es dagegen bis heute keinen belastbaren Beleg. Die DDR versuchte, die Proteste auf vielfältige Weise politisch auszunutzen – ausgelöst hatte sie sie nicht.
Für den SDS spielte das zunächst keine Rolle. Seine Mitglieder sahen im Tod Ohnesorgs den Beweis dafür, dass die Bundesrepublik autoritärer war, als sie sich selbst darstellte. Dieses Misstrauen richtete sich nicht allein gegen die Polizei. Der Verband dokumentierte personelle Kontinuitäten aus der NS-Zeit in Justiz, Ministerien und Hochschulen und zwang Politik und Öffentlichkeit, sich mit einem Thema auseinanderzusetzen, das lange verdrängt worden war. Vieles, was damals als Provokation galt, gehört heute zum historischen Konsens.
Noch einschneidender wirkte das Attentat auf Rudi Dutschke am 11. April 1968. Der Rechtsextremist Josef Bachmann schoss dreimal auf den bekanntesten Sprecher des SDS und verletzte ihn lebensgefährlich. Viele Studenten machten nicht nur den Täter verantwortlich, sondern auch die monatelange Kampagne der Springer-Presse gegen Dutschke. Vor Druckereien des Verlags kam es zu Straßenschlachten, Lieferwagen wurden blockiert, Scheiben eingeschlagen und Zeitungen verbrannt.
Radikalisierung und Zerfall
Mit der wachsenden Radikalisierung begann zugleich der Zerfall des SDS. Was den Verband zunächst stark gemacht hatte – seine ideologische Vielfalt –, entwickelte sich nun zur Belastung. Maoisten, Trotzkisten, orthodoxe Marxisten und antiautoritäre Gruppen stritten erbittert über den richtigen Weg. Der gemeinsame Gegner verband sie nicht mehr. Zu unterscheiden ist zwischen zwei Phasen. Die erste war eine demokratische Revolte, getragen von Protesten gegen Notstandsgesetze, Hochschulstrukturen und den Vietnamkrieg. Die zweite brachte ab 1967 Gruppen hervor, die den parlamentarischen Staat grundsätzlich ablehnten und Gewalt als politisches Mittel akzeptierten. Führte der SDS in den Terrorismus, war er der intellektuelle Unterbau der RAF?
Zwar bewegten sich spätere Linksterroristen wie Gudrun Ensslin, Andreas Baader oder Ulrike Meinhof im Umfeld der Studentenbewegung. Als die RAF entstand, existierte der SDS jedoch praktisch nicht mehr. Eine organisatorische Verbindung gab es nie. Die weitaus meisten ehemaligen Mitglieder schlugen einen völlig anderen Weg ein: Sie wurden Lehrer, Journalisten, Richter, Wissenschaftler oder Politiker. Andere engagierten sich in Bürgerinitiativen oder gehörten später zu den Gründern der Grünen.
Diese unterschiedlichen Lebenswege zeigen, dass der SDS keine Kaderschmiede des Terrorismus war. Er war eine politische Bewegung, aus der ganz verschiedene Entwicklungen hervorgingen – demokratische Reformpolitik ebenso wie die Radikalisierung einer kleinen Minderheit.
Das Ende 1970 und das Erbe von 1968
Mit der Auflösung des SDS 1970 verschwand die Organisation, nicht aber ihr Einfluss. Die Angehörigen der Protestgeneration schlugen höchst unterschiedliche Wege ein. Einige schlossen sich kommunistischen K-Gruppen an, andere zogen sich aus der Politik zurück. Viele entschieden sich für den langen Weg durch die Institutionen: Sie wollten den Staat nicht stürzen, sondern verändern.
In den 70er Jahren verlagerte sich der Protest aus den Hörsälen auf Marktplätze und Bauplätze. Bürgerinitiativen kämpften gegen Stadtautobahnen, Flughafenausbauten und Kernkraftwerke. Startbahn West, Brokdorf oder später Wackersdorf wurden zu Symbolen einer neuen Protestkultur. Anders als 1968 demonstrierten nun nicht nur Studenten, sondern Landwirte, Winzer, Lehrer, Pfarrer und junge Familien. Viele ehemalige SDS-Mitglieder wirkten als Organisatoren, bildeten aber nur noch einen Teil eines breiten gesellschaftlichen Bündnisses.
Ähnlich entwickelte sich die Friedensbewegung der frühen 80er Jahre. Hunderttausende protestierten gegen den NATO-Doppelbeschluss und die Stationierung neuer Atomraketen. Das Erscheinungsbild hatte sich weiter verändert. Kirchengemeinden, Gewerkschaften und Umweltverbände bestimmten die Demonstrationen stärker als marxistische Studentengruppen. Aus der Revolte einer akademischen Minderheit war eine Massenbewegung geworden.
Der parlamentarische Arm von 1968
Aus diesem Milieu gingen 1980 die Grünen hervor. Zahlreiche ehemalige Aktivisten prägten die junge Partei. Joschka Fischer, Jürgen Trittin, Ludger Volmer oder Daniel Cohn-Bendit brachten Erfahrungen aus den Protestbewegungen mit. Der entscheidende Unterschied: Nun sollte Politik nicht mehr auf der Straße, sondern in Parlamenten verändert werden. Nach dem Eindringen in Redaktionen, Funkhäuser, Lehrsäle und Klassenzimmer ging es nun um die Transformation des politischen Raums.
Während viele frühere SDS-Mitglieder demokratische Karrieren einschlugen, setzte die RAF ihren bewaffneten Kampf fort. Die Staatssicherheit der DDR unterstützte in den 80er Jahren mehrere Terroristen mit neuen Identitäten, Wohnungen und Arbeitsplätzen. Auch beobachtete die Stasi die westdeutsche Studentenbewegung aufmerksam und versuchte, Einfluss zu gewinnen. Mit dem Zusammenbruch der DDR verlor sie als ideologischer Bezugspunkt vieler linker Gruppen ihre Bedeutung. Die Öffnung der Archive machte das wahre Ausmaß von Überwachung und Repression sichtbar und zwang zahlreiche ehemalige Aktivisten, ihre Sicht auf den Staatssozialismus zu überdenken.
Der SDS war nie so groß, wie sein späterer Mythos vermuten lässt. Seine Mitgliederzahl lag selbst auf dem Höhepunkt nur bei wenigen tausend Studenten. Seine Wirkung entstand weniger durch Masse als durch intellektuellen Einfluss. Der Name „SDS“ verschwand nicht ganz. Seit 2007 knüpft der Studierendenverband Die Linke.SDS bewusst an die Tradition des historischen Studentenbundes an. Organisatorisch gibt es keine Kontinuität, thematisch jedoch Gemeinsamkeiten: soziale Ungleichheit, Hochschulpolitik, Antikapitalismus und internationale Solidarität. Klimawandel, Wohnungsnot und Digitalisierung haben heute allerdings den Vietnamkrieg und die Notstandsgesetze als Mobilisierungsthemen ersetzt.
Fest steht, dass kaum eine Studentenorganisation die politische Kultur der Bundesrepublik nachhaltiger verändert hat. Dagegen ist umstritten, ob Deutschland einen neuen SDS braucht. Diese Frage lässt sich unterschiedlich beantworten. Der historische Studentenbund bleibt ein Beispiel dafür, welche Wirkung studentischer Protest entfalten kann. Er trug dazu bei, die NS-Vergangenheit offensiver aufzuarbeiten, demokratische Reformen an den Hochschulen durchzusetzen und außerparlamentarischen Protest als legitimen Bestandteil der politischen Kultur zu etablieren. Seine Geschichte zeigt aber auch die Schattenseiten politischer Radikalisierung. Aus demselben Milieu gingen demokratische Reformer ebenso hervor wie eine kleine Minderheit, die im Terrorismus den nächsten Schritt sah. Eine kleine Minderheit, die sich jedoch zahlreicher Unterstützer, Gönner sowie Bagatellisierer und Relativierer sicher sein durfte. Der SDS war weder die Keimzelle der RAF noch Träger der westdeutschen Demokratisierung. Und trotzdem eine der prägendsten politischen Bewegungen der Bundesrepublik.
sitra achra am 16.09.26, 17:44 Uhr
Korrektur: Ehre seinem Andenken!
sitra achra am 16.09.26, 17:41 Uhr
Ich würde gerne wissen, wie Rudi sich heute positioniert hätte. Ich bin mir aber 100% sicher, daß er mit den Spießern der Kartellparteien keine Koalition eingehen würde. Friede seinem Andenken!
Kersti Wolnow am 13.09.26, 18:21 Uhr
Ich wundere mich noch heute, wie ruhig das deutsche Fernsehen Rudi Dutschke sprechen ließ. Heute undenkbar. Das ist eben der Unterschied vom gebildeten Bürgertum zum Pöbel Bolschewisten, der heute die Macht hat und in den Klauen hält kraft seiner Wassersuppe, nicht durch Argumente. Ich habe mich abgewendet von diesen Proleten.