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Georg Engel: „Bürgerlich-humanistischer Schriftsteller und Kulturpolitiker in der Epoche des Imperialismus“
Der heute weitgehend unbekannte pommersche Autor Georg Julius Leopold Engel wurde am 29. Oktober 1866 in Greifswald als Sohn eines vermögenden jüdischen Kaufmanns und Reeders geboren. Seine Mutter Flora, geborene Sochaczewski, stammte aus Breslau. Sie brachte die Poesie mit ins Haus. Für den Sohn war die Mutter in Haltung und Handlungsweise beispielgebend für sein eigenes und das Leben eines Menschen überhaupt. Er hat sie in mehreren seiner Bücher gewürdigt. Sie starb 1911. Georg Engel wurde in der Greifswalder Büchstraße 31 (heute Bachstraße) geboren. In dem Haus befand sich auch die „Rammische Schneiderei“.
Die dort tätigen drei Schneiderinnen, besonders Fräulein Krabbe, erweckten im Jungen in der frühen Kindheit Bewunderung. Sein Kinderfreund war Willi Wobbe, der ältere Bruder des Heimatdichters Otto Wobbe (1868–1945). Letzterer meinte, dass Engel wohl ein großer Dichter, aber auch durch den Vater ein heller Geschäftsmann geworden sei. Die Familie Engel wohnte dann später noch in Greifswald in der Knopfstraße 27 und in der Langen Straße 47.
Frühes Engagement
Nach dem frühen Tod des Vaters zog die Mutter mit ihrem zwölfjährigen Sohn Georg zu seinen Großeltern nach Breslau. Hier setzte Engel den in Greifswald begonnenen Schulbesuch am „Elisabeth Gymnasium“ bis zum 18. Lebensjahr fort. In der Monatsschrift für das Kulturleben „Unser Pommerland“, für die er sich bereit erklärte, bei der inhaltlichen Gestaltung mitzuwirken, verfasste er 1921 den Artikel „Aus meiner Kindheit Tage“.
Über den Verlauf der nächsten vier Jahre nach dem Schulabschluss liegen keine Angaben vor. Von 1888 bis 1890 nahm er in Berlin historische und philosophische Studien auf und arbeitete danach als Kunst- und Theaterkritiker, bis er ab 1891 als freier Schriftsteller in Berlin tätig war.
Sein künstlerisches Werk ist überaus umfassend in Form von 22 Romanen sowie mehreren Novellen, oft in hohen Auflagen, und zahlreichen Theaterstücken. Sein Erstlingswerk, die Novelle „Das Hungerdorf“ von 1895, war ein Erfolg. Der in über 40 Auflagen erschienene Roman „Hann Klüth“ (1910) – der Philosoph im Fischerkittel brachte ihm Ruhm und eine anerkannte Stellung in der Dichtung der damaligen Zeit ein. Der Roman hob Engel in die erste Reihe der deutschen Schriftsteller und verschaffte ihm zudem das Epitheton ornans eines Heimatdichters. Es wird die Geschichte des Lotsensohnes Hann Klüth und seiner Geschwister Ende des 19. Jahrhunderts in dem Fischerdorf Moorluke, nahe bei Greifswald, erzählt, wobei es sich um den Ort Wieck am Greifswalder Bodden handelt. Weitere Romane, wie „Der Reiter auf dem Regenbogen“ (1908), „Die verirrte Magd“ (1911) und „Der Fahnenträger“ (1914), festigen sein Ansehen.
Zahlreiche Bücher von Engel waren Vorarbeiten zu dem zweibändigen, „gewaltigen“ Roman „Claus Störtebecker“ (1920), worin der Seeheld die Rolle eines sozialistischen Messias einnimmt. Georg Engel ist mit diesem Werk seiner pommerschen Heimat treu geblieben und hat ihren Sohn gesegnet.
Ohne auf Vollständigkeit Anspruch zu erheben, sind die Titel seiner Romane für den interessierten Leser aufgeführt: „Ahnen und Enkel“ (1892), „Des nächsten Weib“ (1893), „Zauberin Circe“ (1894), „Die Last“ (1898), „Die Furcht vor dem Weibe“ (1899), „Kapitän Spiecker und sein Schiffsjunge“ (1912), „Die vier Könige“ (1913), „Die Herrin und ihr Knecht“ (1917) – dieser wurde 1929 mit der Schauspielerin Henny Porten verfilmt –, „Kathrin“ (1918), „Die Prinzessin und der Heilige“ (1922), „Die Maurer“ (1923), „Erlebtes und Erträumtes“ (1923), „Die Liebe durch die Luft“ (1925), „Uhlenspeigel“ (1927), „Des Äthers und der Liebe Wellen“ (1929), „Das Gericht“ (1931) und „Der Sohn der Erde“. Georg Engel hat teilweise auch unter dem Pseudonym Johannes Jörgensen publiziert, was nicht mit dem dänischen Schriftsteller Johannes Jørgensen zu verwechseln ist.
Von seinen weiteren Novellen sind „Die Leute von Moorluke“ (1910) und „Der verbotene Rausch“ (Neuauflage 2012) zu nennen. Darüber hinaus schuf Engel, beginnend 1895 mit „Hadasa“, einem beliebten hebräischen Vornamen, wohl 14 Theaterstücke, darunter Dramen, Schauspiele, Lustspiele und Komödien, die mit wechselndem Erfolg auf deutschen Bühnen, aber auch teilweise in Dänemark, Schweden, Norwegen und in Wien aufgeführt wurden. Aus Anlass seines 50. Geburtstags fand am 29. Oktober 1916 im Greifswalder Theater unter einem der Initiatoren des Theaterbaus und dem langjährigen Intendanten und Direktor Emanuel Voß (1873-1963) die Aufführung seines Dramas „Über den Wassern“ unter Mitwirkung von zwei Schauspielern des Deutschen Theaters aus Berlin und in Anwesenheit des Jubilars statt. Anlässlich seines 50. Namentags schreibt Engel: „Seine Wiege umringten Poesie und Wohlstand“.
Zu seinem 60. Geburtstag 1926 erhielt Engel ein Glückwunschtelegramm vom Reichspräsidenten Paul von Hindenburg. Bedeutende Schriftstellerkollegen stellten sich als Gratulanten ein. Gerhart Hauptmann, Arthur Schnitzler, Walter von Molo und andere haben ein Buch mit Widmungen und Gedichten überreicht. Der Greifswalder Oberbürgermeister Max Fleischmann überbrachte die Nachricht, dass an seinem Geburtshaus eine Gedenktafel 1926 angebracht werde. Engel erwarb sich zudem Anerkennung und Verdienste als Präsident des Reichsverbands des deutschen Schrifttums, der sich für die soziale Sicherstellung der freischaffenden Dichter einsetzte.
Nach 1933 gelangte das Werk des Nichtariers Georg Engel auf die Liste der Verfemten. Die Gedenktafel wurde entfernt. Seine Bücher wurden aus den Bibliotheken Greifswalds teilweise entfernt, was aus anderen Städten Deutschlands nicht zu belegen ist.
In Theater und Film
In der Universitätsbibliothek Greifswald sind noch 35 Bücher von Georg Engel vorhanden. Inwieweit Engels Werke bei der Bücherverbrennung in Greifswald auf dem Marktplatz am 10. Mai 1933 zum Opfer fielen, ist nicht bekannt. Diese Angabe stammt aus der Diplomarbeit von Uwe Klinger: „Georg Engel, bürgerlich-humanistischer Schriftsteller und Kulturpolitiker in der Epoche des Imperialismus in Deutschland“, angefertigt 1984 im Auftrag von Professor Hans Jürgen Geerdts (1922-1989), Direktor der Sektion Germanistik der Ernst-Moritz-Arndt-Universität Greifswald.
Georg Engel war nicht verheiratet. Er starb am 19. Oktober 1931 in Berlin. Sein Grabstein mit der Urne befindet sich im Elisenhain in Eldena bei Greifswald. Er sollte von den Nationalsozialisten schon bis 1939 entfernt werden. Der große Findling ist dann aber im Januar 1943 ohne äußere Einwirkungen umgefallen. Nach dem Krieg, im Jahr 1946, wurde er wieder aufgerichtet. Eine 1937 beim Bau der Stadtrandsiedlung in Greifswald angelegte Straße erhielt damals den Namen Kurt-Neubauer-Straße. Sie wurde 1946 zu Ehren des Dichters in Georg-Engel-Straße umbenannt.
Dieser Artikel soll einen Beitrag leisten, den heute weitgehend in Vergessenheit geratenen Greifswalder Schriftsteller Engel, der nach seinem Tod während des Nationalsozialismus geächtet wurde, wieder in Erinnerung zu bringen und ihm einen würdigen Platz neben seinen berühmten Greifswalder Schriftstellerkollegen Hans Fallada und Wolfgang Koeppen einzuräumen.