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Das Kuriose: Es liegt nicht an der Herkunft, sondern an den Netzwerken
Auch 36 Jahre nach der deutschen Vereinigung bleibt die Herkunft immer noch ein entscheidender Faktor für Karrieren in Deutschland. Der Anfang August veröffentlichte „Elitenmonitor 2026“, gefördert von der Bundesregierung, zeigt ernüchternde Ergebnisse: Ostdeutsche Frauen und Männer sind in Führungspositionen weiterhin deutlich unterrepräsentiert. 2024 stammten nur 12,1 Prozent der untersuchten Führungskräfte aus den neuen Bundesländern, obwohl ihr Bevölkerungsanteil bei etwa 19 Prozent liegt. Im Jahr 2018 lag dieser Anteil bei 10,9 Prozent, was bedeutet, dass in sechs Jahren lediglich ein Fortschritt von 1,2 Prozentpunkten erzielt wurde.
Dies wäre leichter zu erklären, wenn die Führungsetagen noch immer von der Generation besetzt wären, die nach der Vereinigung ihre Positionen innehatte. Doch das ist keineswegs der Fall. Etwa zwei Drittel der Spitzenpositionen wurden zwischen 2018 und 2024 neu besetzt. Dennoch rückten Ostdeutsche nur geringfügig nach. Die Hoffnung, dass sich das Problem mit einem Generationswechsel irgendwie von selbst löst, erweist sich zunehmend als Trugschluss.
Falsches Umfeld für Karriere
Die Unterschiede zwischen den einzelnen Bereichen sind erheblich. In der Politik liegt der Anteil Ostdeutscher inzwischen bei über 21 Prozent. Auch Verwaltung und Wissenschaft haben aufgeholt. In der Wissenschaft stieg der Anteil von 1,6 Prozent im Jahr 2018 auf acht Prozent 2024. In anderen Bereichen sieht es schlechter aus. Medien erreichen neun Prozent, die Zivilgesellschaft elf Prozent.
Doch besonders auffällig ist die Wirtschaft: Von über 250 DAX-Vorstandsmitgliedern haben meist nur wenige eine ostdeutsche Biografie, analysiert der NDR. Dieser Vergleich ist aufschlussreich: Dort, wo politische Wahlen oder staatliche Personalpolitik Einfluss auf die Führung haben, ist der Osten sichtbarer. Wo Karrieren jedoch stärker von internen Auswahlverfahren, Netzwerken und geschlossenen Führungskreisen abhängen, besteht erheblicher Nachholbedarf. Nach mehr als dreieinhalb Jahrzehnten lässt sich fehlende Qualifikation kaum noch als Erklärung anführen. Der Leipziger Politikwissenschaftler Lars Vogel, der den Elitenmonitor leitete, betont, dass die geringe Präsenz Ostdeutscher nicht nur eine Nachwirkung des Systemwechsels sei. Unterschiedliche Karrierewege, regionale Strukturen und der Zugang zu Netzwerken spielen ebenfalls eine Rolle. Seine Kollegin Astrid Lorenz spricht von „formellen und informellen Aufstiegshemmnissen“. Das bedeutet nicht, dass in deutschen Chefetagen gezielt nach Herkunft sortiert wird, denn die Untersuchung liefert keinen Beleg für systematische Diskriminierung. Das Problem ist subtiler, aber daher umso hartnäckiger.
Bei der Besetzung von Spitzenpositionen wird oft auf bekannte Karrierewege, vertraute Milieus und bestehende Netzwerke zurückgegriffen. Wer dort kaum vertreten ist, hat schlechtere Ausgangsbedingungen. Die Forscher beschreiben einen Effekt, bei dem „Ähnliche bevorzugt Ähnliche“ auswählen, wodurch bestehende Strukturen lange Zeit erhalten bleiben können, ohne dass ausdrücklich benachteiligt wird. Ostdeutsche stammen zudem seltener aus klassischen Elitenmilieus. Bestimmte Bildungswege, Stipendiennetzwerke oder frühe Kontakte zu Kreisen, aus denen später Führungskräfte hervorgehen, sind seltener verbreitet.
Der Rückstand entsteht nicht erst bei der Bewerbung um einen Vorstandsposten, sondern oft Jahre zuvor. Hinzu kommt ein geografisches Problem: Ein Großteil der wirtschaftlichen Spitzenpositionen konzentriert sich im Westen. Lorenz verweist auf die Achse Köln, Frankfurt und München. Wer aus Sachsen, Thüringen oder Mecklenburg-Vorpommern stammt und in solchen Strukturen Karriere machen will, muss oft die Heimat verlassen. Für Regionen, die nach 1990 viele gut ausgebildete junge Menschen verloren haben, stellt das einen zusätzlichen Nachteil dar.
Auch die Ostbeauftragte der Bundesregierung, Elisabeth Kaiser (SPD), sieht kulturelle Unterschiede. „Stell dich nicht in den Mittelpunkt, nimm dich zurück“ habe sie oft gehört. Für Spitzenpositionen braucht es jedoch Selbstbewusstsein. Solche Erfahrungen erklären keine Statistik, zeigen aber, dass Karriere nicht allein aus Zeugnisnoten und Berufsabschlüssen besteht. Auftreten, Kontakte und die Vertrautheit mit bestimmten Milieus sind ebenfalls entscheidend.
Eine Ostquote empfehlen die Autoren nicht. Sie setzen auf Stipendien, Mentorenprogramme, transparentere Auswahlverfahren und bessere Möglichkeiten für ostdeutsche Nachwuchskräfte, früh Zugang zu entscheidenden Netzwerken zu erhalten. Auch weitere Bundesbehörden im Osten könnten Karrierewege eröffnen. Ein zentrales Problem bleibt jedoch: Kaum ein DAX-Konzern hat seinen Hauptsitz in den „neuen Bundesländern.“