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Gibt den Männern die Richtung vor: Nanette Schmidt erhält mit ihren Mitstreitern vom Mandelring Quartett den Brahmspreis
Bild: Uwe ArensGibt den Männern die Richtung vor: Nanette Schmidt erhält mit ihren Mitstreitern vom Mandelring Quartett den Brahmspreis

Gute Harmonie unter Geschwistern

Demokratie in vier Stimmen: Das Mandelring Quartett aus Rheinland-Pfalz erhält den diesjährigen Brahmspreis

Andreas Guballa
27.09.2026

Der Komponist Johannes Brahms kam zwar in Hamburg zur Welt, seine familiären Wurzeln väterlicherseits stammen aber aus Schleswig-Holstein. In Heide im Kreis Dithmarschen steht nicht nur ein Brahms-Haus, das Besuchern in der warmen Jahreshälfte offensteht, sondern auch die Brahms-Gesellschaft Schleswig-Holstein. Dieser 1987 auf Initiative des damaligen Intendanten des Schleswig-Holstein Musik Festivals, Justus Frantz, und des Geigers Sir Yehudi Menuhin gegründete Freundeskreis verleiht seit 1988 den inzwischen mit 10.000 Euro dotierten Brahmspreis, der an Künstler wie Leonard Bernstein und Dietrich Fischer-Dieskau oder auch an den Leipziger Thomanerchor ging.

Dieses Jahr zeichnet die Gesellschaft erstmals ein reines Streichquartett aus: Das Mandelring Quartett erhält die Auszeichnung am 26. September in der St.-Bartholomäus-Kirche in Wesselburen. Die Wahl fällt damit bewusst auf eine Ensembleform, die im klassischen Betrieb oft abseits des großen Starkults agiert.

Seit 1983 spielen die Geschwister Sebastian, Nanette und Bernhard Schmidt gemeinsam. Komplettiert wurde das Trio zunächst durch eine befreundete Bratschistin. Später verstärkt durch den Bratschisten Andreas Willwohl, entwickelte sich das Geschwisterensemble zu einem Quartett, das inzwischen seit mehr als vier Jahrzehnten in internationalen Konzertsälen zu Hause ist.

Für den Cellisten Schmidt ist der Brahmspreis zunächst eine große persönliche Ehre. „Die Auszeichnung ist überwältigend, wenn man sich die Namen der vorangegangenen Preisträger anschaut.“ Auf der Liste stehen auch Geiger wie Anne-Sophie Mutter oder Sänger wie der Bariton Thomas Quasthoff. Zugleich freut er sich darüber, dass mit dem Quartett eine musikalische Gattung in den Mittelpunkt gerückt wird, die im öffentlichen Bewusstsein häufig hinter großen Dirigenten und Solisten zurücksteht. Kammermusik sei „ein unheimlich reiches Feld“, sagt Schmidt. Wenn der Preis dazu beitrage, dieses Genre stärker ins Rampenlicht zu rücken, dann sei das großartig.

Dass die Brahms-Gesellschaft ein Streichquartett ausgewählt hat, ist dabei mehr als eine Entscheidung für eine besonders traditionsreiche Gattung. Der Vorsitzende Joachim Nerger spricht vom Quartett als einem „Resonanzraum demokratischer Prinzipien“. Es gibt keinen Dirigenten, der den Takt vorgibt, keinen Solisten, dem alle anderen folgen. Jeder der vier Musiker trägt Verantwortung, jeder muss zuhören und reagieren. „Kammermusik eignet sich nicht für den Starkult“, sagt Nerger. Entscheidend seien Ausgeglichenheit und die Fähigkeit, einander Raum zu geben.

Schmidt stimmt diesem Gedanken voll zu. Auf die Frage, ob das Modell des Streichquartetts auch als Vorbild für gesellschaftliches Miteinander taugen könne, antwortet er eindeutig: „Grundsätzlich würde ich das absolut bejahen.“ Jeder Einzelne leiste einen substanziellen Beitrag. Es funktioniere, wenn alle etwas Interessantes beizutragen hätten und zugleich bereit seien, sich für die Beiträge der anderen zu interessieren. Dann könnten gemeinsame Lösungen entstehen, mit denen alle leben könnten. „Dieses prinzipielle Interesse am anderen und an seinen Beiträgen zur gemeinsamen Sache“, sagt Schmidt, „wäre in vielen gesellschaftlichen Bereichen sehr wünschenswert.“

Musikalisch ist das Mandelring Quartett vor allem eng mit Brahms verbunden. Die drei Streichquartette des Komponisten gehören zum Kern seines Repertoires. Brahms selbst hatte sich dieser Gattung nur zögernd genähert und zahlreiche Entwürfe vernichtet, bevor er seine Werke veröffentlichte. Für Schmidt ist gerade diese Konsequenz faszinierend. Brahms habe so lange an seinen Kompositionen gearbeitet, bis sie aus jeder Perspektive makellos erschienen und dennoch eine zutiefst persönliche Handschrift trügen. Seine Kammermusik verbinde hochemotionale Wirkung mit einer außergewöhnlich durchdachten Struktur. „Seine Werke sind absolute Meilensteine des Repertoires, die uns immer wieder herausfordern und begeistern“, sagt Schmidt.

Gründer des Hambacher Musikfests

Doch das Quartett begnügt sich nicht damit, die bekannten Meisterwerke immer wieder neu zu interpretieren. Eine Art Schatzgräbermentalität gehöre zur musikalischen DNA der Familie Schmidt. Schon der Vater beschäftigte sich mit Komponisten, die abseits des großen Kanons standen. Diese Neugier haben die Geschwister übernommen. Brahms wird deshalb immer wieder mit weniger bekannten Zeitgenossen kombiniert. Das verändert den Blick auf die Musik. Man entdeckt vergessene Werke und erkennt zugleich deutlicher, was Brahms einzigartig macht.

Diese Entdeckerfreude hat das Quartett auch als Veranstalter geprägt. Seit 1997 organisiert es das Hambacher Musikfest im Hambacher Schloss, einem symbolträchtigen Ort der deutschen Demokratie. Die Idee entstand allerdings zunächst aus der Lust an außergewöhnlichen Kammermusikprogrammen. Das Schloss bot dafür nicht nur eine hervorragende Akustik, sondern auch einen geschichtlichen Resonanzraum.

Auch nach mehr als 40 Jahren denkt das Mandelring Quartett nicht ans musikalische Bewahren allein. Jedes Jahr kommen neue Werke ins Repertoire, vor allem vergessene Schätze der Vergangenheit, aber auch zeitgenössische Musik. Selbst ein Werk, das man zum 200. Mal spielt, kann frisch bleiben. Gleichzeitig müsse man neugierig bleiben, sagt Schmidt: „Wir bleiben also weiterhin auf Ent­deckungsreise.“

Die Preisverleihung in Wesselburen führt all diese Linien zusammen. Der Ort ist auch deshalb gewählt, weil der Vater von Johannes Brahms hier musikalisch geprägt wurde. Das Mandelring Quartett spielt an diesem Abend Brahms' Streichquartett a-Moll op. 51/2. Hinzu kommt Brahms' zweites Streichquintett G-Dur op. 111 mit dem früheren Quartettmitglied Roland Glassl als Gast.

• Brahms-Preisverleihung 2026 an das Mandelring Quartett am 26. September um 19 Uhr in Wesselburen, Karten für 25 bis 42 Euro im Internet unter: www.brahms-sh.de


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