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Geschichte als Empörungstheater – Oft ist unklar, ob Absicht oder Unwissen Völkerkundeausstellungen so schlecht aussehen lassen
Im ersten Teil (PAZ vom 14. August) haben wir das Ethnologische Museum im Berliner Humboldt-Forum als Ort des Verschweigens und Weglassens historischer Tatsachen kennengelernt, eine regelrechte Brutstätte der Fake History. Hier wird Geschichte nicht aufgearbeitet, sondern durch Auslassungen gezielt umgedeutet und zurechtgebogen, bis sie der gewünschten Lehre entspricht. Arabischer Kolonialismus wird zu einer Art „früher EU“ verklärt – einer angeblich friedlichen, kulturell bereichernden Expansion, die mit Handel, Wissenschaft und Austausch verbunden gewesen sei.
Verschwiegen wird dabei die jahrhundertelange Wirklichkeit von islamischen Raubzügen und Versklavung in weiten Teilen Afrikas. Über die lange Dauer des arabischen Sklavenhandels wissen wir nicht zuletzt deswegen so gut Bescheid, weil es bereits im Jahr 869 einen 14 Jahre lang andauernden Aufstand der afrikanischen Sklaven im arabisch geprägten Irak gab.
Die Botschaft ist klar: Europäische Kolonialgeschichte ist vor allem schuldbeladen, während außereuropäische Gewalt und Herrschaft entweder relativiert oder gänzlich ausgeblendet werden. So entsteht ein verzerrtes Weltbild, das Generationen von unvorbereiteten Schülern und Besuchern als „kritische Aufarbeitung“ verkauft wird. Während der Sklavenhandel der einen (Araber) kleingeredet oder gar romantisiert wird, wird gleichzeitig den anderen (deutsches Kaiserreich) nicht vorhandener Sklavenhandel angedichtet.
ZDF korrigierte Falschbehauptung
Der staatliche Auslandssender Deutsche Welle etwa erfindet einfach, dass das deutsche Kaiserreich Tausende Sklaven verschifft habe. Doch die Zahl der vom Kaiserreich verschifften Sklaven beträgt genau null – was der Sender auf PAZ-Nachfrage hin auch einräumte. Die Behauptung war schlicht erfunden, blieb aber jahrelang unwidersprochen.
Ebenso bunt treibt es das ZDF: Ende 2023 musste das öffentlich-rechtliche Fernsehen auf Nachfrage hin eine frei erfundene Passage über einen angeblichen deutschen Giftgaseinsatz gegen die Herero streichen – denn tatsächlich hatte es einen solchen Einsatz nie gegeben. Immerhin sei positiv erwähnt, dass das ZDF hier seinen Irrtum einsah und den Beitrag neu drehte – diesmal ohne Falschbehauptung. Solche Korrekturen bleiben jedoch die Ausnahme. In der Regel werden falsche oder verzerrte Darstellungen jahrelang verbreitet, bis sie sich im öffentlichen Bewusstsein festgesetzt haben und schließlich als „Wahrheit“ gelten.
Zum Kolonialismus in Deutsch-Südwestafrika und dem Hererokrieg von 1904 erfährt man aktuell besonders viel – aber so gut wie nichts über die vermeintlich „indigenen“ Herero selbst. Dass diese ihrerseits als Eroberer auf das Gebiet des heutigen Namibia vordrangen, die einheimischen San unterwarfen oder vertrieben und die Damara zu ihren Knechten machten, bleibt selten vermitteltes Nischenwissen. Die Herero waren keine friedlichen Ureinwohner, die arglos von europäischen Kolonialisten überfallen wurden. Sie hatten selbst eine aktive Gewaltgeschichte, die von Unterwerfung und Vertreibung geprägt war.
Dass die afrikanischen Nama sich auf deutscher Seite an der Niederschlagung des Aufstands ihrer traditionellen Erzfeinde, der Herero, beteiligten, bleibt meist unerwähnt. Doch solche komplexen afrikanischen Binnenkonflikte passen nicht ins einfache Opfer-Täter-Schema und werden deshalb ausgeblendet. Die Folge ist ein Geschichtsbild, das die Afrikaner zu passiven Opfern degradiert und ihre blutigen Kriege untereinander als bloße „Rivalitäten“ abtut.
Samoa ehrte deutschen Gouverneur
Auch über den deutschen Kolonialismus auf der Südsee-Insel Nauru berichten deutsche Zeitungen und Museen nahezu nie. Dabei gäbe es durchaus Berichtenswertes, wie z. B. die durch die Deutschen beendete Auslöschung der Einheimischen durch sich selbst: Ein Drittel der Inselbevölkerung war 1888 bereits tot, getötet von anderen Nauruern in einem erbitterten Bürgerkrieg. Es waren die Deutschen, die diesen zehn Jahre lang andauernden Krieg schließlich beendeten, indem sie die Häuptlinge verhafteten und alle Nauruer entwaffneten. Die deutsche Präsenz beendete also einen blutigen internen Konflikt und rettete der verbleibenden Bevölkerung das Leben.
Besonders „verwirrend“ sind außerdem solche Kolonisierten, die die deutsche Kolonialzeit gar in positiver Erinnerung haben, wie zum Beispiel der Südsee-Staat Samoa, der noch viele Jahrzehnte nach seiner Unabhängigkeit freiwillig den ehemaligen deutschen Gouverneur Wilhelm Solf mit Briefmarken ehrte.
Solche Fakten finden in der heutigen „Aufarbeitung“ keinen Platz, weil sie dem Bild vom durchweg destruktiven europäischen Kolonialismus widersprechen und zeigen, dass in manchen Fällen auch die Einheimischen von der Kolonialherrschaft profitierten.
Auch andere wichtige Fakten in Sachen Kolonialismus fallen in Deutschland medial unter den Tisch: Als 2024 der postkoloniale Film „Dahomey“ den Goldenen Bären der Berlinale gewann, fragte buchstäblich niemand der zahlreichen rezensierenden Journalisten einmal nach, was denn dieses „Dahomey“ überhaupt sei, das dem Film über koloniale Raubkunst seinen Namen gegeben hat – ein blutiger Menschenjägerstaat nämlich, der Versklavungskriege gegen seine Nachbarn führte und dessen Herrschaft auf systematischem Menschenfang beruhte.
Absurderweise wird der Diktator dieses Staates, König Ghezo, im Film auch noch als bedauernswertes Kolonialismusopfer dargestellt. Dahomey war aber einer der aktivsten Sklavenjägerstaaten Westafrikas, dessen Wirtschaft und Macht auf dem Fang und Verkauf von Menschen beruhten. Die europäischen Kolonialmächte beendeten ab dem frühen 19. Jahrhundert diesen Handel, doch davon wollte man im Berlinale-Kontext nichts wissen.
Eine solche selektive Empörung zeigt die doppelten Standards dieser Szene. Eine wirkliche Aufarbeitung beginnt jedoch erst dann, wenn auch die „unwillkommenen“ Tatsachen ihren Platz finden und wenn Museen aufhören, Geschichte als Empörungstheater zu inszenieren.