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Warum ein französischer Kommunist von 1923 träumt, und wie man die Wirklichkeit weghämmert
Kaum dämmert die parlamentarische Sommerpause ihrem Ende entgegen, da kocht die Steuerdebatte wieder hoch. Und damit die quälende Frage: Wer soll das alles bezahlen? Da die Verschlankung des immer fetter werdenden Staates erfolgreich verhindert wird, bleiben als Lösung nur: höhere Steuern oder noch mehr Schulden – oder beides.
Darüber zerbrechen sich alle den Kopf und streiten leidenschaftlich. Typisch deutsch ist die phantasielose Verkniffenheit, mit der die Debatte geführt wird. Der französische Kommunist und Führer der Linkspopulisten, Jean-Luc Mélenchon, hat da längst eine gallisch-lockere Lösung gefunden.
Frankreich ist jetzt schon höher verschuldet, als es Deutschland selbst nach dem Verpulvern all unserer „Sondervermögen“ sein wird, also drängt die Frage an der Seine ganz massiv. Aber Genosse Mélenchon hat den Ausweg gefunden: Frankreich solle sich nur kräftig weiter verschulden. Die Defizite werde dann eben die Europäische Zentralbank schlucken, indem sie Paris die Staatsschuldtitel abnimmt, und anschließend „verbrennen“. Weg ist sie, die drückende Kreditlast!
Man ist ganz von den Socken, wie einfach das geht, und fragt sich ernsthaft, warum darauf früher keiner gekommen ist! Und warum machen wir das nicht einfach nach? Vielleicht deshalb: Wir Deutsche hatten diese tolle Idee schon viel früher als Genosse Mélenchon.
Es gab nämlich eine Zeit, da hat die deutsche Notenbank der Regierung in Berlin sage und schreibe alles Geld zur Verfügung gestellt, das man dort benötigte. Und tatsächlich wurden die Schulden daraufhin samt und sonders „verbrannt“.
Die Folgen waren wahrlich durchschlagend. In seinem um 1940 entstandenen Buch „Die Welt von gestern“ beschrieb der grandiose Literat Stefan Zweig sie mit folgenden Worten: „Nichts hat das deutsche Volk so erbittert, so haßwütig, so hitlerreif gemacht wie die Inflation.“
Gemeint hat er die von 1923, die nach dem gleichen Muster herbeigeführt wurde, das uns der schlaue Franzose nun als Ausweg aus der Schuldenkrise empfiehlt. „Verbrannt“ wurden seinerzeit nämlich nicht bloß die in Papiermark gelisteten Staatsschulden, sondern nebenbei auch das gesamte Geldvermögen der Deutschen. Da die sich somit von der eigenen Regierung hereingelegt und bestohlen fühlten, landete laut Stefan Zweig auch das Vertrauen in den Staat mit im Feuer.
Auf diese Weise war der Grundstein gelegt für den Erfolg jenes Mannes, den bald darauf auch die Franzosen kennenlernen sollten, als er an einem strahlenden Sommertag des Jahres 1940 in Paris zu Besuch kam.
Bevor er richtig Unheil anrichtet mit seiner Idee, sollten wir dem Franzosen doch besser von unseren deutschen Erfahrungen mit seiner schönen Idee erzählen, oder? Eigentlich schon, aber es bringt vermutlich nichts. Mélenchon ist nun mal ein strammer Linksradikaler. Die bauen sich ihre Sicht der Dinge entlang strikt weltanschaulicher Leitplanken und pfeifen auf jede Erfahrung mit der Wirklichkeit.
Wenn sich diese Wirklichkeit der linken Theorie nicht fügt, dann wird sie notfalls so lange mit dem ideologischen Vorschlaghammer zurechtgeprügelt, bis es wieder passt. Ein Paradebeispiel für eine solche Zurechtprügelei bot sich neulich in der Berliner Columbiahalle, wo linke „Kulturschaffende“ ein Benefizkonzert für die Opfer des CSD-Anschlags Ende Juli veranstaltet haben. Dort hatte ein radikalislamischer Terrorist eine Frau getötet und 31 weitere Menschen zum Teil schwer verletzt.
Also doch „abstammungsmäßig“?
Dass der Täter irgendwas mit Islam zu tun hat und seine Anwesenheit in Deutschland irgendwie mit unserer Asyl- und Einwanderungspolitik zusammenhängen könnte, kam erst gar nicht zur Sprache. Stattdessen schimpfte der prominenteste Bühnengast Herbert Grönemeyer auf „rechtes Gewieher“. Andere Protagonisten machten ihrer „queeren Wut auf Friedrich Merz“ Luft und „auf die Regierung, die unsere Gelder kürzt“. Es wurde sogar zur „Besetzung von Parteizentralen“ aufgerufen, und der Initiator des Konzerts rief zudem, wie überraschend, zur „Solidarität mit Palästina“ auf. Im Hintergrund der Bühne schien derweil die geschmackvolle Parole „Fick Fritz“ auf.
Ich weiß, ich weiß: Wer war der Täter noch gleich? Was waren – religiös und ideologisch – seine Triebfedern? Hatte der Kerl auch nur das Geringste mit dem rechten Lager in Deutschland oder mit Friedrich Merz am Hut? Das sind dann die Fragen, die einem nach solchen Auftritten durch den ratlosen Kopf schießen.
Aber unsere Ratlosigkeit ist letztlich grundlos und naiv. Denn wie wir eben herausgearbeitet haben, wischen solche Ideologen jeden Blick auf die Wirklichkeit nicht nur mit leichter Hand vom Debattentisch, sondern sie reagieren sogar aggressiv auf die Konfrontation mit der Realität. Daher ja auch der maßlose Ärger über Merzens „Stadtbild“-Versprecher, den er ja später halb wieder zurückgenommen hat (warum eigentlich? Egal). Das „Stadtbild“ kann jeder mit eigenen Augen betrachten, und kein Grönemeyer kann ihn daran hindern, zu erkennen, was er da sieht. Da kann der Sänger „wiehern“, wie er will.
Auf schrille Weise ulkig wird es, wenn sich ein linker Anführer dabei erwischen lässt, dass er insgeheim genau jenes Gedankengut teilt, für das er andere mit den übelsten Beschimpfungen überzieht.
So wie Suraj Mailitafi: Der junge Grünen-Politiker wurde 2001 in Ghana geboren und lebt in Deutschland, seit er neun ist. Er ist politisch äußerst aktiv und damit ganz und gar Teil unserer Republik geworden. Er war auch ein Anführer des Bündnisses „Widersetzen“, das während des jüngsten Parteitags der AfD in Erfurt mit einer versemmelten Blockade-Aktion für Schlagzeilen sorgte.
Einer der zentralen Vorwürfe gegen die AfD, den auch Verfassungsschützer schon erhoben haben, besteht darin, dass die Partei einem „ethnisch-abstammungsmäßigen Volksbegriff“ anhänge, der die Herkunft der Menschen in den Mittelpunkt stellt. Das sei rassistisch, heißt es.
In einem Podcast wurde Mailitafi nun gefragt, ob er bereit wäre, für Deutschland zu kämpfen, gemeint war: in einem Krieg. Nein, er würde „grundsätzlich nicht für Deutschland kämpfen“, doch – wir staunen – für Ghana schon.
Der Anker seiner nationalen Identität ist für den Mittzwanziger also nicht das Land, in dem er lebt und das er politisch aktiv mitgestaltet. Entscheidend ist für ihn seine ethnische Herkunft in der fernen afrikanischen Heimat seiner Vorfahren, obwohl er die schon im zarten Grundschulalter verlassen hat. Unzweideutiger kann man seinen „ethnisch-abstammungsmäßigen Volksbegriff“ eigentlich nicht auf den Punkt bringen.
Erstaunlich, wie die Linken solche krassen Widersprüche wegbügeln! Da prallen nicht nur Praxis und Theorie heftig aufeinander wie beim Genossen Mélenchon, hier ist selbst die Theorie komplett verlogen.