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Anna Bień erklärt vor Kamil Tobiaszs Wandmalerei in Ohlau, was Schlesien seinem großartigen Chronisten Friedrich Bernhard Werner alles verdankt
Bild: WagnerAnna Bień erklärt vor Kamil Tobiaszs Wandmalerei in Ohlau, was Schlesien seinem großartigen Chronisten Friedrich Bernhard Werner alles verdankt

Östlich von Oder und Neiße

Neues vom schlesischen Robinson Crusoe

Ohlau galt einst als Stadt der Gasthäuser – Ein weit gereister Chronist schätzte das sehr

Chris W. Wagner
12.10.2026

Die Niederschlesische Stadt Ohlau [Oława], 27 Kilometer nordöstlich von Breslau, lässt einen vergessenen Sohn der Stadt wiederaufleben – den Chronisten Friedrich Bernhard Werner (1690-1776). „Ohne Werners zutun, wüssten wir heute nicht, wie Ohlau einst aussah“, sagt Piotr Turek, der mit seiner Kollegin Anna Bień vom Museum des Ohlauer Landes auf den Spuren des Chronisten Werner führt.

Bereits in jungen Jahren begab sich Werner auf Wanderschaft, zuerst als Soldat, bevor er im Alter von 24 Jahren zu seiner ersten längeren Reise aufbricht. „Da er eine Begabung für die Darstellung von Gebäuden besitzt, fertigt er eine große Anzahl von Zeichnungen an. Daraus entsteht ein ‚Reise-Skizzenbuch', das er im Stil von Daniel Defoes ‚Robinson Crusoe' verfasste“, sagt Bień. Dieses in ganz Europa gelesenes Buch erschien 1719 und Werner bezeichnete sich selbst als „Schlesischer Robinson“, erklärt Bień, die sich auch in der Kreisbibliothek Ohlau für den „Klub der Suchenden nach der Verlorenen Geschichte Ohlaus“ stark macht.

Werner war ein Mann vieler Berufe. Er verdiente sein Brot als Schreiber, Übersetzer, Geometer und Ingenieur – an verschiedenen Fürstenhäusern und bei der preußischen Regierung. 1729 war er als Werber von Arbeitern für eine holländische Porzellanfirma tätig. Als Zeichner, Chronist und Kupferstecher schuf er Stadt- und Gebäudeansichten, die als Vorlagen für Kupferstiche in Verlagen dienten. 1744 erhielt Werner von Friedrich dem Großen den Titel eines königlich-preußischen Szenographen. Aber Werner soll zeitweise auch als Heilkundiger aufgetreten sein und sich dem fahrenden Volk angeschlossen haben, wo er sich als Schauspieler versuchte. Er habe auch Bühnenmaschinen im Theater bedient, letzteres in Prag. „Aus Prag musste er fliehen, weil er in einem Duell seinen Kontrahenten getötet hat.“

Auf seiner Wanderschaft besuchte Werner Schlesien, Sachsen, Franken, Bayern, Tirol, Böhmen und Ungarn. Später, als er für Augsburger Verleger arbeitete, bereiste er von 1727 bis 1737 weite Teile Europas. Seine Reisen führten ihn von Glückstadt im Norden bis nach Sizilien im Süden, vom Baltikum bis nach Frankreich und den Niederlanden. „Diese Reise dauerte zehn Jahre und Werner brachte 1.500 Zeichnungen mit. Ausschlaggebend war Werners Auftrag von 1733 für den Nürnberger kartografischen Verlag Homanns Erben. Für diesen Verlag sollte er Ansichten schlesischer Städte für ein geplantes Kartenwerk liefern. Aus seinen Zeichnungen entstand die ‚Scenographia Urbium Silesiae' – eine Serie von elf Kupfertafeln mit 84 Ansichten schlesischer Städte.“

Zu Werners Arbeitsweise sagt Piotr Turek, er habe manche Monumentalbauten gestreckt, also ihre Größe überhöht. Dennoch sei das Werk unschätzbar. „Werner zeigt uns Ohlau nicht nur, wie es einmal aussah. Seine Zeichnungen helfen zu verstehen, wie die verschwundene Stadt aufgebaut war“, sagt der Journalist, Autor und Geschichtsforscher Turek.

Nicht nur Forscher profitieren von Werners Zeichnungen. Seine Charaktereigenschaften inspirieren Stadtführer, erklärt Bień. „Werner war ein geselliger Mensch, der sich überall gut zurechtfand. Er besuchte sowohl kleinere Schenken als auch Landgüter. Man sagte ihm nach, dass er gutem Essen und vor allem edlen Tropfen nicht abgeneigt war.“ So verewigte er allein auf dem Ohlauer Ring vier Gasthäuser: Zum Goldenen Löwen, Zur Goldenen Krone, Zum Kreuz und Zum Schwarzen Adler. „Abseits der Stadtbefestigungen hat er noch eine weitere Herberge festgehalten, die Zum Roten Hirsch. Diese befand sich in der Grottkauer Vorstadt vor dem Brieger Tor“, sagt sie. Ohlau lag an einer günstig gelegenen Verkehrsverbindung. Das erkläre die für eine Stadt dieser Größe erstaunlich hohe Zahl an Gasthöfen, schildert Bień. „Im Goldenen Löwen soll 1707 Graf ein von Nostitz die Delikatesse des Hauses – ‚Das Lied der Lerche' verkostet haben“, erzählt sie. Das Gasthaus Zum Kreuz hätte dagegen den Ruf eines Lumpenwirtshauses gehabt.

Werner hat weit mehr überliefert als Zeichnungen großer Bauwerke seiner Zeit. Seine Darstellungen zeigen Ohlau mit Rathaus, Schloss und Kirchen, aber auch mit Gasthöfen, Straßen und dem Leben vor den Toren der Stadt. Vieles davon ist heute verschwunden. Für Historiker sind seine Blätter daher zu einem visuellen Gedächtnis geworden. Umso bemerkenswerter ist, dass Werner lange Zeit in Vergessenheit geriet. „Trotz seiner vielen Aufträge waren seine letzten Lebensjahre von finanziellen Schwierigkeiten geprägt. Er starb am 20. April 1776 in Breslau und wurde in der Kirche Unserer Lieben Frau auf dem Sande, der heutigen Kirche Maria auf dem Sande, beigesetzt. Der Friedhof, auf dem sich sein Grab befand, ist nicht erhalten“, bedauert Bień.

In Ohlau erinnert eine Wandmalerei von Kamil Tobiasz an den großen schlesischen Chronisten.


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