Preußische Allgemeine Zeitung Zeitung für Deutschland · Das Ostpreußenblatt · Pommersche Zeitung
Am Ground Zero ist die Wunde des Terrors noch immer zu spüren. Fast 3.000 Menschen wurden an einem Tag ermordet. Das hat die Welt für immer verändert. Doch neben Trauer fühlt man zugleich die unglaubliche Kraft einer Stadt und ihrer Menschen, die ihren Feinden seit 25 Jahren jeden Morgen aufs Neue dieselbe trotzige Antwort geben: Wir sind noch da. Wir leben. Wir sind frei.
Ich stehe am Ground Zero. Vor mir ein dunkles, tiefes Quadrat. An jeder der vier Seiten läuft Wasser hinab, unaufhörlich, fast hypnotisch. Es verschwindet in einem zweiten, kleineren Quadrat, dessen Grund man nicht erkennen kann. Immer wieder blicke ich auf die eingravierten Namen. So viele Namen. Opfer! Unschuldige! Menschen, die morgens frohgemut aufgestanden sind. Menschen, die ihren Job erledigen wollten. Die vielleicht an den damals weltberühmten Zwillingstürmen vorbeispazierten. Oder die hoch hinauf wollten, ins „Windows on the World“-Restaurant, ganz oben im Nordturm, um bei einem einzigartigen Ausblick Pancakes zu essen, einen Kaffee oder einen Orangensaft zu trinken und dabei auf eine Stadt hinabzublicken, von der man damals glaubte, sie sei irgendwie unverwundbar.
Ich kenne New York. Schon lange vor der Katastrophe des 11. September 2001. Ich kenne den Trubel, die Hektik, die positiven Vibes dieser Stadt. Diesen unvergleichlichen Glamour-Faktor. New York, das ist Leben pur. Das ist Abenteuer. Macht und Stärke und ein ziemlich großes Stück des „American Way of Life“. New York stiftet zum Träumen an. Hier entstehen Ideen, Wünsche, Sehnsüchte. Vieles erscheint hier plötzlich möglich, was anderswo völlig verrückt klingt.
Und vielleicht ist genau das der Grund, warum diese Stadt immer wieder Menschen anzieht – und warum sie andere provoziert. Denn New York entschuldigt sich nicht für seine Größe. Diese Megacity macht sich nicht kleiner, damit andere sich größer fühlen können.
Doch jetzt, hier unten in Manhattan, dort, wo einst die beiden Türme in den Himmel ragten, spüre ich etwas Eigenartiges. Eine bedrückende Stille. Diese „Never Forget“-Atmosphäre legt sich über mich. Natürlich geht das Leben weiter. Auch nach dem Terrorakt. Hier ein Lachen, dort eine Unterhaltung, irgendwo macht jemand ein Foto. Kinder laufen an ihren Eltern vorbei. Menschen eilen zur Arbeit. Taxis hupen. Ein paar Straßen weiter brüllt und pulsiert Manhattan schon wieder so, wie Manhattan eben brüllt und pulsiert. Der vitale Herzschlag einer unglaublichen Stadt.
Und trotzdem ist etwas anders. Zumindest hier. Die Luft fühlt sich anders an. Vielleicht bilde ich mir das ein. Vielleicht liegt es daran, dass ich die Bilder von damals nicht aus meinem Kopf bekomme. Vielleicht daran, dass ich noch weiß, wie diese Gegend aussah, als die Twin Towers hier standen. Vielleicht ist es aber auch dieses unsichtbare Gedächtnis einer Stadt. Denn Städte erinnern sich. Menschen sowieso.
Wer die Bilder vom 11. September gesehen hat, vergisst sie nicht. Das Flugzeug. Den Feuerball. Den Rauch. Menschen an den Fenstern. Feuerwehrleute, Polizisten, Rettungskräfte, die nach oben gingen, während Tausende nach unten flüchteten. Dann der Einsturz. Diese ungeheure Staubwolke, die sich durch die Straßenschluchten fraß. Menschen, die rannten, die weinten und die plötzlich begriffen, dass etwas geschehen war, das wenige Minuten zuvor noch vollkommen undenkbar erschien. Fast 3.000 Menschen wurden allein an diesem Tag getötet. Hinter dieser Zahl aber stehen keine Statisten einer historischen Katastrophe. Es waren Väter und Mütter. Söhne und Töchter. Ehefrauen und Ehemänner. Kollegen. Freunde. Feuerwehrmänner. Polizisten. Angestellte. Flugreisende. Menschen aus vielen Ländern und sozialen Schichten. Menschen mit Terminen für den nächsten Tag. Das ist vielleicht das Verstörendste. Sie alle hatten Pläne. Und genau deshalb wandern meine Augen immer wieder über diese Namen am Ground Zero Memorial.
Manchmal steckt eine kleine amerikanische Flagge in einer Gravur. Manchmal eine Blume. Dann sehe ich einen Namen und dahinter den Hinweis auf ein ungeborenes Kind. Und plötzlich wird aus Geschichte etwas erschreckend Gegenwärtiges. Ich schaue wieder in dieses schwarze Loch. Das Wasser fällt. Es fällt immer weiter. Und es klingt fast wie ein ewiges Weinen. Und trotzdem empfinde ich diesen Ort nicht nur als Ort der Trauer. Für mich ist es inzwischen auch ein Ort des Trotzes. Ja, ein Stück Wut ist auch dabei – immer noch. Doch 25 Jahre später muss man eben auch zugeben: Die muslimischen Terroristen haben die Türme zerstört. Aber nicht New York.
Es geht immer weiter
Sie haben Menschen ermordet, aber nicht die Idee dieser Stadt. Sie konnten Stahl zum Einsturz bringen und den Beton zertrümmern. Sie haben Familien ins Unglück gestürzt und einem ganzen Land einen schweren Schock versetzt. Aber sie konnten New York und allen voran diesem einzigartigen Manhattan nicht das Leben austreiben. Sie haben dem „Big Apple“ den Atem genommen, aber ihn nicht ersticken können. Wie gut sich dieser späte Triumph doch anfühlt. Das ist die eigentliche Geschichte dieser vergangenen 25 Jahre.
Vielleicht versteht man sie am besten, wenn man sich vom Memorial entfernt und einfach losläuft. Plötzlich sind sie wieder da, diese Geräusche. Motoren. Stimmen. Sirenen. Das Rattern der Subway unter den Füßen. Lieferwagen in zweiter Reihe. Geschäftsleute mit Telefon am Ohr. Bauarbeiter. Touristen. Polizisten. Verkäufer. Menschen mit Coffee-to-go-Bechern, die so schnell laufen, als hinge die Zukunft der westlichen Welt davon ab, dass sie drei Minuten früher im Büro ankommen. Typisch New York – „The City that doesn't sleep“, wie Frank Sinatra richtig sang. Und ich liebe es, den Song genauso wie diese Stadt. Ich liebe diese Energie. Dieses manchmal nervtötende, manchmal größenwahnsinnige, meistens faszinierende Selbstbewusstsein. Denn die Stadt flüstert nicht. Sie schreit. Sie drängt. Sie fordert. „Come on!“ Mach' was aus deinem Leben. Beweg dich. Träum größer. Und wenn du hinfällst, dann steh gefälligst wieder auf. All das habe ich gespürt und gelernt, als ich das erste Mal als junger Erwachsener in diese Stadt kam, die mich so herzlich und mit offenen Armen aufnahm. Die mich umarmte und mir sagte: „Schön, dass du da bist!“ Sie hat mich bewegt und geprägt wie nichts anderes auf dieser Welt. Die Monate, die ich hier leben durfte, waren eine Zeit, die mich mehr als jedes Schuljahr und jedes Uni-Semester voranbrachte. New York hat mich leben gelernt – positiv leben.
Vielleicht ist das der Grund, weshalb mich diese Metropole nach 9/11 noch stärker beeindruckt als vorher. Vorher konnte man diese Stadt wegen ihrer Wolkenkratzer bewundern, wegen des Broadway, der Fifth Avenue, des Central Park, wegen Wall Street, Times Square, Rockefeller Center, Empire State Building, wegen ihrer Restaurants, Museen und Hotels. Doch heute bewundere ich sie vor allem wegen ihrer Menschen und wegen ihrer Widerstandskraft, von der wir alle lernen und profitieren können, wenn wir mal wieder glauben, es geht nicht mehr weiter. Doch, es geht, immer weiter ... Denn Trauma bedeutet nicht, dass das Leben für immer stehen bleibt, auch nicht, dass irgendwann alles wieder genauso wird wie vorher. Nein, das wird es nicht.
Die Twin Towers kommen nicht zurück, die Menschen ebenso nicht. Die Familien, die an diesem Dienstagmorgen damals einen Vater, eine Mutter, einen Sohn, eine Tochter, einen Partner oder Freund verloren haben, bekamen ihr altes Leben nicht zurück. Auch New York bekam das alte New York nicht zurück. Aber vielleicht etwas anderes. Nämlich ein neues Bewusstsein dafür, wie kostbar diese scheinbar selbstverständliche Freiheit ist. Wie wertvoll es ist, morgens in eine Bahn oder ins Auto zu steigen und zur Arbeit zu fahren. Einen Kaffee zu trinken. Über Politik zu streiten. Einen schlechten Witz zu machen. Einen Laden zu eröffnen. Eine Zeitung zu kaufen. Seine Religion auszuüben oder keine Religion zu haben. Erfolgreich sein zu wollen oder mit wenig zufrieden zu sein. Zu scheitern. Noch einmal anzufangen. Freiheit besteht eben nicht nur aus großen Verfassungsartikeln – sie ist Alltag. Und vielleicht begreift man ihren Wert erst vollständig, wenn jemand versucht, sie einem mit Gewalt zu nehmen. So wie damals vor 25 Jahren. 9/11 war deshalb nicht nur ein Angriff auf Gebäude und Menschen. Der Terror zielte auf Symbole. Auf Selbstbewusstsein. Auf wirtschaftliche Macht. Auf Amerika. Auf die westliche Welt. Auf eine offene Gesellschaft und ihre Vorstellung, dass Menschen ihr Leben selbst gestalten dürfen. Hoffentlich begreift das jeder.
Die Antwort darauf steht heute direkt neben Ground Zero. Das One World Trade Center. 541 Meter hoch. Man kann über Architektur streiten. Man kann sagen, die alten Zwillingstürme hätten eine ganz andere Wucht gehabt. Das stimmt vielleicht sogar. Für mich jedenfalls gehörten sie zu New York wie das Empire State Building oder die Freiheitsstatue.
Aber ich schaue heute an diesem neuen Turm hinauf und denke: Yes! Genau so. Nicht verstecken. Nicht ducken. Nicht aufgeben. Aufbauen. Noch einmal. Und weiterleben. Das ist die Antwort. Das ist es, was ich hier in dieser Stadt gelernt habe und wofür ich so dankbar bin.
Und vielleicht ist genau deshalb der Respekt rund um die beiden Memorial-Becken so beeindruckend. Hier benehmen sich plötzlich Menschen, denen gutes Benehmen sonst eher schwerfällt. Stimmen werden leiser. Schritte langsamer. Man schaut einander an. Fremde Menschen stehen nebeneinander und benötigen für einen Augenblick keine gemeinsame Sprache. Es reicht, dass sie wissen, was hier geschehen ist.
Die Stadt macht Mut
Never forget – zwei Worte, die man in Amerika oft liest. Sie können pathetisch wirken. Hier nicht. Denn hier sind sie eine Verpflichtung. Denn natürlich darf New York weiterfeiern. Das muss es sogar. Die Restaurants müssen voll sein. Die Theater sollen spielen. Die Lichter müssen strahlen – bunter denn je. Am Times Square müssen Menschen staunen. Im Central Park sollen Kinder lachen. In Brooklyn müssen junge Leute ihre verrückten Ideen entwickeln. An der Wall Street müssen Milliarden an Geld bewegt werden. Und auf der Fifth Avenue darf das Geld wieder ausgegeben werden. In irgendeinem winzigen Laden in Queens muss ein Einwanderer morgens die Tür aufschließen und davon träumen dürfen, dass aus seinem kleinen Geschäft eines Tages etwas Großes wird. Genau das ist Amerika. Wir – ich auch – strecken den Terroristen und den Feinden der Freiheit den dicken Mittelfinger entgegen. So obszön und provokant es nur geht. Nein, New York und die USA sind nicht fehlerlos. Waren es nie. Wer ist das schon? Das Faszinierende an diesem Land und an dieser Stadt aber ist für mich etwas ganz anderes: dieser fast schon unverschämte Glaube, dass morgen größer und besser sein kann als heute. Das hat sich auch mit Trump nicht geändert – und ohne ihn wird es auch so bleiben. New York verkörpert diesen Glauben wie kaum ein anderer Ort.
New York lebt Freiheit mit Lust
Deshalb haben mich jene Menschen nie überzeugt, die Amerika nur durch das Prisma seiner Fehler betrachten. Die bei jeder Gelegenheit Häme ausschütten, jede Schwäche genüsslich kommentieren und hinter amerikanischem Selbstbewusstsein grundsätzlich Arroganz vermuten. Wer so denkt, sollte einmal länger durch New York laufen. Nicht nur durch die reichen Viertel. Auch durch Harlem. Queens. Brooklyn. Die Bronx. Durch die Straßen, in denen Menschen aus aller Welt leben. Menschen, deren Eltern oder Großeltern mit wenig hier ankamen. Manche mit einem Koffer. Manche mit ein paar Dollar. Manche mit kaum mehr als Hoffnung. Doch genau das löst eine ungeheure Kraft aus.
New York ist deshalb auch 25 Jahre nach 9/11 das Gegenteil dessen, was Terroristen erreichen wollen. Terror macht Angst. Aber New York produziert Hoffnung. Terror will Menschen einschüchtern. New York macht Menschen mutig. Terror verlangt Unterwerfung. New York antwortet mit Individualität. Terror hasst Freiheit. New York lebt sie mit einer geradezu dreist-provozierenden Lust.
Natürlich hat sich die Stadt verändert. Sie ist vorsichtiger geworden. Sicherheitsmaßnahmen gehören zum Alltag. Polizeipräsenz wird anders wahrgenommen. Ein herrenloser Koffer besitzt eine andere Bedeutung als früher. Flugzeuge am Himmel können Erinnerungen auslösen, die niemand haben möchte. Und unter der Oberfläche existieren die Wunden weiter. Das gilt besonders für Menschen, die damals hier waren. Für Feuerwehrleute und Rettungskräfte. Für Familien der Opfer. Für Überlebende. Für jene, die Freunde verloren. Für diejenigen, die den Staub eingeatmet haben und noch Jahre später gesundheitliche Folgen tragen mussten. Ja, Trauer besitzt ihre eigene Zeitrechnung. Deshalb darf 9/11 nicht nur noch ein Datum in einem Schulbuch sein.
Ich hebe am Ground Zero den Kopf und fühle es: Unten die Leere. Oben die Skyline. Unten Erinnerung und die Namen der Ermordeten. Oben das Leben. Vielleicht ist das die stärkste Antwort, die eine freie Gesellschaft ihren Feinden geben kann. Du darfst groß denken. Du darfst deine Meinung sagen. Du darfst glauben und auch zweifeln. Du darfst Erfolg wollen. Du darfst anders sein. Und ich bin dankbar, dass ich anders bin.
Danke, New York, für dein heutiges Lebensmotto, das auch meins geworden ist: „Never forget!“ – aber noch wichtiger: Never Give Up!“
Kersti Wolnow am 22.09.26, 12:34 Uhr
Was mich ohnmächtig macht, ist, daß die große Lüge in und um die uSA nicht aufgedeckt wird, mit der dieses Land leben muß, angefangen vom Völkermord an der Urbevölerung, über ihre über 200 Kriege seit ihrer Existenz, die Beutezügen glichen, bis zum 11. September 2001 und Corona und Fauci. Gewisse Kreise müssen sich für ihre Verbrechen nie verantworten und machen immer weiter. Ich wollte nie nach New York wegen der häßlichen Architektur.