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„Allen voran Deutschland“: Eine Schautafel im Humboldt-Forum beschwört deutsche „Untaten“ in Tansania in drei Sprachen
Bild: Tews„Allen voran Deutschland“: Eine Schautafel im Humboldt-Forum beschwört deutsche „Untaten“ in Tansania in drei Sprachen

Fake History im Berliner Ethnologischen Museum

Nichts als „Räuber, Rassisten und Zerstörer"?

Humboldt-Forum: Hier kommt man dümmer raus, als man reingegangen ist

Simon Akstinat
16.08.2026

Das Ethnologische Museum im Berliner Schloss alias Humboldt-Forum genießt den Ruf eines Hauses von Weltrang. Es zählt zu den größten Sammlungen seiner Art weltweit und zieht regelmäßig Schulklassen, Studenten, Touristen und interessierte Bürger an, die dort eine Meinung zum Kolonialismus vermittelt bekommen. Unter der Verantwortung der Stiftung Preußischer Kulturbesitz (SPK) und mit politischer Rückendeckung aus dem Kulturstaatsministerium wird hier deutsche Kolonialgeschichte präsentiert – doch nicht in ihrer ganzen Breite, Ambivalenz und historischen Komplexität, sondern durch einen engen Filter. Wichtige Fakten werden systematisch weggelassen und ein einseitiges Feindbild vom Europäer als reinem Räuber, Rassisten und kulturellem Zerstörer zementiert.

Diese selektive Geschichtswahrnehmung ist Programm. Sie prägt das öffentliche Verständnis von Kolonialismus in Deutschland seit Jahren und kostet den Steuerzahler erhebliche Millionensummen, die für eine ausgewogene Darstellung besser eingesetzt wären. Ein zentraler blinder Fleck betrifft den doppelten Kolonialismus in Ostafrika, der in den Sammlungen und Präsentationen des Museums stets auftaucht, ohne je klar benannt zu werden.

Nirgendwo sonst in Schwarzafrika stießen Deutsche und Briten auf so fest verankerte fremde Herrschaftsstrukturen wie an der Küste rund um Sansibar. Omanische Araber hatten dort lange vor den Europäern eine Kolonie errichtet und den Handel mit Elfenbein sowie Menschen dominiert. Karawanen brachten Gefangene aus dem Inneren des Kontinents an die Küste, von wo aus sie über Jahrhunderte in die arabische Welt verschifft wurden.

Dieses System war kein Randphänomen, sondern ein zentrales wirtschaftliches und soziales Fundament der Region. Ohne dieses Wissen aber können die Besucher zahlreiche Objekte und Biografien in der Sammlung unmöglich verstehen. Beispielsweise erscheint die im Museum präsentierte und von Sansibar nach Hamburg geflohene Emily Ruete im musealen Kontext als vermeintlich „afrikanische“ Adlige. In Wahrheit war sie jedoch Prinzessin der omanischen Sklavenhändler-Dynastie, die weite Teile des ostafrikanischen Festlands von der Insel Sansibar aus kontrollierte und die einheimische Bevölkerung unterdrückte. Diese Frau verfasste die erste Autobiografie einer Araberin – und eben nicht die einer Afrikanerin. Das Museum verschweigt diesen entscheidenden Hintergrund und fügt sich damit in ein größeres Muster ein: Arabische Kolonialherrschaft wird romantisiert, europäische Herrschaft verurteilt. Das ist keine neutrale Präsentation, sondern eine bewusste Auswahl, die dem Besucher ein verzerrtes Bild vermittelt.

Freddie Mercurys Herkunftsland

Sansibar erlebte als einziger Teil Afrikas eine doppelte Dekolonisierung. Am 10. Dezember 1963 zogen die Briten ab, die Macht fiel an den arabischen Sultan zurück. Doch nur einen Monat später, am 12. Januar 1964, wollten Angehörige der schwarzafrikanischen Mehrheit die wiederhergestellte arabische Oberhoheit ebenfalls abschütteln und töteten zu diesem Zwecke tausende Araber und Perser, die weiterhin die Oberschicht auf der Insel bildeten.

Dieses Massaker – damals in der italienischen Filmdokumentation „Africa Addio“ live festgehalten – trieb die Familie des berühmtesten aller Sansibaris, Farrokh Bulsara, in die Flucht – besser bekannt ist Bulsara heute als Freddie Mercury. In den Präsentationen des Ethnologischen Museums findet sich zu der Geschichte des weltberühmten Rockstars der Gruppe Queen jedoch kein Wort. Dessen Erwähnung hätte die konstruierte Vorstellung von friedlicher Eintracht zwischen Afrikanern und Arabern vor der Ankunft der Europäer empfindlich gestört und das einseitige Bild vom europäischen Kolonialismus als alleiniger Quelle allen Übels in Frage gestellt.

Stattdessen wird eine harmlose, „kosmopolitische“ vor-europäische Welt beschworen, in der Gewalt und Unterdrückung angeblich erst mit den Weißen begannen. Diese Auslassung ist besonders schwerwiegend, weil sie die historische Kontinuität von Unterdrückung und Gewalt in der Region leugnet und die Europäer als alleinige Täter erscheinen lässt. Auf Schautafeln und in Begleittexten steht zu lesen, die Portugiesen seien die „Ersten“ gewesen, die „gewaltvoll in ein Handelssystem eindrangen, das auf Vertrauensbeziehungen zwischen den Handelspartnern beruhte“. Die arabischen Kolonialherren, die seit mehr als einem halben Jahrtausend afrikanische Sklaven aus dieser Region verschleppten, erscheinen in dieser Lesart als friedliche Akteure.

Andere Texte im Museum fantasieren sinngemäß eine Art frühe „EU in Afrika“ herbei: Das Handelsnetz des Indischen Ozeans habe durch den „Austausch von Menschen, Ideen und Dingen eine südliche globale Welt“ gebildet. Die Küstenstädte hätten eine „kosmopolitische Kultur“ entwickelt, „offen für fremde Kulturen und Menschen“.

Dass der „Austausch von Menschen“ zum nicht geringen Teil in arabischem Menschenraub bestand, erfahren unvorbereitete Besucher nicht. Die größten Sklavenhandelszentren des Indischen Ozeans werden so zu einem Idyll globaler Verständigung umgedeutet – während jede deutsche Präsenz ausschließlich unter dem Vorzeichen von Gewalt, Raub und kultureller Vernichtung steht. Das ist keine Geschichtswissenschaft, sondern Desinformation, die im Herzen der deutschen Hauptstadt mit öffentlichen Mitteln betrieben wird.

Das „dekoloniale“ Milieu verurteilt den europäischen Kolonialismus aufs Schärfste, bedient sich im Urlaub aber dennoch gerne der Kolonialsprachen Englisch oder Spanisch. Wenn es um den eigenen Komfort geht, drückt man beide Augen zu hinsichtlich der Umstände, wie die englische Sprache überhaupt nach Amerika, Asien oder Afrika gekommen ist.

Ein filmreifer deutscher Held

Das Ausblenden historischer Tatsachen wird auch sonst unter „Decolonizer“-Historikern großgeschrieben. Hermann Parzinger, bis vor einem Jahr Chef der SPK und bis dahin Verantwortlicher des Ethnologischen Museums, bezeichnete etwa Hassan bin Omari, einen der führenden Akteure gegen die deutsche Kolonialherrschaft, lediglich als „einflussreichen Händler“ und stilisiert ihn zum antikolonialen Helden. Parzinger verschweigt dabei ebenso wie die Hinweistafeln in dem Museum, womit dieser „einflussreiche Händler“ denn so gehandelt hat: Es waren Sklaven.

Gerne und ausführlich spricht dasselbe Milieu über antikoloniale Aufstände gegen die Deutschen. Doch bei jenem von 1888 in Ostafrika werden manche Historiker vage und wortkarg. Denn bei diesem Thema könnte das gewollte Image der Deutschen als koloniale Unterdrücker leiden, weil diese damals vor allem gegen arabisierte Sklavenhalter und deren Helfer kämpften.

Das Leben des deutschen Kapitäns Johannes Hirschberg, der den Aufstand ab 1888 von See aus bekämpfte und nebenbei Sklaven aus arabischer Gefangenschaft befreite, würde genügend Stoff für einen abendfüllenden Hollywood-Film hergeben – doch in Deutschland kennt den 1849 geborenen Pfarrerssohn aus dem heutigen Sachsen-Anhalt nahezu niemand. Weder gibt es ein Denkmal für ihn noch einen Wikipedia-Eintrag. Dass die Sklaverei in dieser Region ohne europäischen (britischen und deutschen) Kolonialismus vermutlich bis heute fortbestehen würde, ist nichts, worüber man hier lange nachdenkt.

Unehrlicher „Respekt“

Deutsche Kuratoren sprechen von ihren intensiven Diskussionen mit „Community Representatives und Nachfahr:innen“, um ihren angeblichen Respekt vor Afrikanern zur Schau zu tragen. Diese vermeintliche Hochachtung vor Afrikanern hielt die Kuratoren einer Ausstellung im Ethnologischen Museum nicht davon ab, längst verstorbenen afrikanischen Askaris willkürlich Sprechblasen mit frei erfundenen Zitaten in den Mund zu legen. Schwarzen Soldaten der deutschen Schutztruppe – zu der übrigens auch Vorfahren des ehemaligen Berliner Kultursenators Joe Chialo gehörten – wird folgender Spruch angedichtet: „Presst uns in Rahmen, damit wir erstarren. Eingepfercht in eurem Weißsein.“ Das aber sagt weniger über die historischen Soldaten aus als über die Gedankenwelt der Deutschen, die Afrikaner noch posthum bevormunden, während sie gleichzeitig vorgeben, ihnen eine Stimme zu geben.

Suaheli steht auf den Hinweistafeln demonstrativ über Deutsch und Englisch, obwohl die Zahl der Suaheli-sprachigen Besucher im Humboldt-Forum überschaubar sein dürfte. Dass die Deutschen wesentlich zur landesweiten Verbreitung dieser Sprache beitrugen, bleibt – natürlich – unerwähnt. Der Deutsche Ludwig Krapf aus Tübingen veröffentlichte 1850 die erste Suaheli-Grammatik überhaupt und 1882 ein Wörterbuch dieser Sprache. Das Suaheli-Wort für Schule lautet noch heute „Shule“. Ostafrikaner verfügen damit über die einzige afrikanische Sprache von überregionaler Bedeutung – nicht zuletzt durch deutsche Förderung.

Das Museum erwähnt all das nicht, vielleicht, weil es nicht ins Bild vom europäischen Kulturvernichter passt, vielleicht auch, weil es die Macher nicht wissen. Stattdessen wird der Eindruck erweckt, die Deutschen hätten afrikanische Kulturen systematisch zerstört, während sie in Wahrheit in diesem Fall eine Lingua Franca gestärkt haben, die bis heute besteht und den Ostafrikanern einen Vorteil gegenüber vielen anderen afrikanischen Regionen verschafft, die auf europäische Kolonialsprachen angewiesen bleiben. Andere positive europäische Beiträge wie etwa die Eindämmung der Schlafkrankheit und die damit einhergehende Rettung von Millionen Menschenleben bleiben – vorhersehbar – ebenfalls außen vor.

Der von Kolonialismuskritikern mit Krokodilstränen beklagte Wissensmangel der Öffentlichkeit in Sachen Kolonialismus ist in Wirklichkeit deren größtes Glück: Kritische Nachfragen bleiben so nämlich aus, weil die Besucher die ausgeblendeten Fakten schlicht nicht kennen.

• Mehr historische Hintergründe zu diesen mit Millionen Euro aus Steuergeld bezahlten Ausstellungen lesen Sie in Kürze im zweiten Teil in der PAZ.


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