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Das Nullsummendenken gehört zu den am meisten verbreiteten Irrlehren über die Wirtschaft. Doch Sozialisten und andere fanatische „Umverteiler“ halten stur an ihr fest – bis heute
Im Jahre 1934 dichtete Bertold Brecht im dänischen Exil: „Reicher Mann und armer Mann standen da und sah'n sich an. Und der Arme sagte bleich: Wär ich nicht arm, wärst du nicht reich.“ Diese schlicht gestrickte Vorstellung des Kommunisten Brecht, dass Reichtum grundsätzlich nur auf Kosten der weniger Begüterten entstehen könne, teilen heutzutage keineswegs bloß Linke aller Couleurs, sondern auch jeder, der in die intellektuelle Falle der Nullsummenphilosophie – auf neudeutsch „Zero Sum Mindset“ – getappt ist.
Deren Hauptcredo lautet kurz und bündig: Der wirtschaftliche Gewinn oder Erfolg des einen bewirkt unvermeidlich den Verlust oder Misserfolg eines anderen. Hierbei handelt es sich um eine Entlehnung aus der Spieltheorie. Und tatsächlich existieren etliche Spiele, wie beispielsweise Schach oder Fußball, bei denen die eine Partei ganz automatisch zum Verlierer wird, wenn die andere siegt. Allerdings beschritten der Mathematiker John von Neumann und der Wirtschaftswissenschaftler Oskar Morgenstern einen falschen Weg, als sie dieses spieltheoretische Prinzip dann ab 1944 in systematischer Weise auf die Ökonomie übertrugen, denn hier liegen die Verhältnisse zumeist ganz anders.
Eine Volkswirtschaft ist weder ein Fußballplatz noch ein Schachbrett und ebenso kein Kuchen von konstanter Größe, bei dessen Aufteilung man verhindern muss, dass jemand ein zu großes Stück erhält, weil sonst die anderen benachteiligt würden. Dennoch hängen viele Menschen genau diesem Irrglauben an, wie eine weltweite Umfrage im Auftrag des Historikers und Soziologen Rainer Zitelmann beweist, der auch ein Buch über die „Nullsummenfalle“ geschrieben hat.
Wachstum zu allseitigem Nutzen können sie sich nicht vorstellen
Zu den Fehlgeleiteten gehört sogar US-Präsident Donald Trump: Was im Ausland produziert und dann in die USA importiert wird, ist in Trumps Augen automatisch ein Verlust für die US-Industrie. Dabei könnten der „Handelsbilanzkuchen“ und die sich daraus ergebenden Stücke für alle Beteiligten einschließlich der Vereinigten Staaten kräftig wachsen, wenn man diesen Vorgang nicht durch Zölle oder Ähnliches behinderte.
Ein weiteres Beispiel ist das Geheul linker Gerechtigkeitsfanatiker anlässlich des Börsengangs des Raumfahrtunternehmens SpaceX im Juni dieses Jahres. Der Wert des Unternehmens stieg durch den Ansturm auf die verfügbaren Aktien auf rund 2,7 Billionen US-Dollar, wodurch dessen Besitzer und Hauptaktionär Elon Musk schlagartig ein Vermögen von stolzen 1,1 Billionen Dollar besaß. Das passierte aber nicht deshalb, weil Musk andere Menschen um ihr Geld erleichtert oder sonst wie „arm“ gemacht hat, sondern weil der Kuchen Raumfahrt, von dessen „Krümeln“ fast jeder von uns auf irgendeine Weise profitiert, durch den von Musk in visionärer Weise vorangetriebenen technologischen Fortschritt immer größer wird. Anders ausgedrückt: Kapitalismus ist im Weltraum wie auf Erden kein Nullsummenspiel, vielmehr führt er zu Wachstum und Wohlstand für alle durch Innovation und Risikobereitschaft.
Die Wurzeln des Nullsummendenkens liegen nicht allein in der marxistisch-kommunistischen Ideologie, wie schon das Beispiel Trump zeigt. Eine wichtige Rolle spielt auch unterkomplexes Denken: Wem die Phantasie fehlt, wie man den Kuchen für alle vergrößern könnte, der fixiert sich zwanghaft auf die möglichst penible Verteilung des Vorhandenen. Dies kann man auch sonst in der Politik beobachten. Manche Parteien sind ausschließlich darauf bedacht, Gewinne oder Vermögen „abzuschöpfen“ und damit die unteren Schichten zu alimentieren, weil ihnen das elementare Verständnis für die Mittel und Wege zu flächendeckendem Wachstum und Wohlstand fehlt. Im Grunde pflegen sie eine vorindustrielle Mentalität, wie sie für traditionell-bäuerliche Gesellschaften typisch ist. Denn Boden gehört tatsächlich zu den Gütern, die sich nicht unbegrenzt vermehren lassen.
Und dann wäre da noch die persönliche Veranlagung zu Neid. Menschen mit geringem Selbstwertgefühl, fehlender emotionaler Stabilität, hoher Anspruchshaltung, starken Kontrollzwängen und Verlustängsten aufgrund eines chronischen Mangelempfindens neigen stärker zu Neid als andere, was wiederum das Nullsummendenken fördert. Die bereits erwähnte Umfrage von Zitelmann hat gezeigt: 84 Prozent der stark zu Neid tendierenden Deutschen antworteten auf die Frage „Je mehr die Reichen haben, desto weniger bleibt für die Armen übrig. Stimmen Sie dem zu?“ mit „Ja“. Von den deutlich weniger Neidischen fand die Aussage hingegen nicht einmal jeder Dritte richtig. Im Grunde wären die neidgetriebenen Persönlichkeiten wohl zufriedener, wenn alle auf gleich niedrigem Niveau lebten, als dass ein Wachstum einsetzt, welches dann irgendwie zur Ungleichheit führt.
Die Gesellschaft wird in Sieger und Verlierer aufgeteilt
Das Nullsummendenken ist eines der größten Übel unserer Zeit. Es macht den Menschen Angst und führt zu geringerer Lebenszufriedenheit – als Folge der ständigen Wahrnehmung von Ungerechtigkeit, die zu Stress und Frustration führt. Außerdem verstellt es den Blick für positive Perspektiven und fördert dadurch depressive Haltungen. Ebenso scheinen keine Kompromisse möglich, da es ja angeblich nur Sieger und Verlierer geben kann.
Win-Win-Lösungen, die sämtlichen Beteiligten Vorteile bescheren, erfordern also zwingend das Umgehen der Nullsummenfalle. Dies gelingt am besten, wenn Konflikte nicht als Verteilungskonflikte, sondern als Methodenkonflikte betrachtet werden, bei denen im Vordergrund steht, wie man das erstrebenswerte Ziel des allgemeinen Vorteils am besten erreicht. Wichtig ist zudem auch eine Unterscheidung zwischen Interessen und Positionen: Welche Motive stecken hinter dem Ruf nach „sozialer Gerechtigkeit“, also dem von oben erzwungenen Ausgleich zwischen den vermeintlichen Verlierern und Gewinnern der kapitalistischen Verhältnisse? Oder noch präziser auch und gerade mit Blick auf die hiesigen Verhältnisse gefragt: Von welchen größeren Problemen soll der ständige Hickhack um die Verteilung des Wohlstandskuchens eigentlich ablenken?