Preußische Allgemeine Zeitung Zeitung für Deutschland · Das Ostpreußenblatt · Pommersche Zeitung
Von einer Wahl, die (ver)zweifeln lässt – denn die Menschen fühlen sich abgehängt
Alles redet über Sachsen-Anhalt. Warum nicht über „MV“? Warum nicht auch über die Wahl am 20. September in Vorpommern? Schon deshalb muss man Jan „Monchi“ Gorkow, dem Sänger der Punkband Feine Sahne Fischfilet, für sein Buch „Jenseits der Brandmauer“ dankbar sein. Er, der in Jarmen aufwuchs und hier seinen Lebensmittelpunkt hat, berichtet schnörkellos über das, was wir Heimat und Vorpommern nennen: Praxisschließung, Ärztemangel, explodierende Spritpreise, fehlende Infrastruktur. Und: Die Schließung der Jarmener Mühle. Sein Kommentar: „Manche nennen es Strukturwandel, für nicht wenige Leute hier fühlt es sich wie eine immer weiter voranschreitende Deindustrialisierung an ...“ Dass die Mühle auch Identität ist, zeigt sich, wenn er schreibt, dass es manchmal richtig weh tue, an dem leeren Bau vorbeizufahren.
Aber Jarmen ist in ganz Vorpommern. Was hier die Mühle ist, war für Stralsund bis 2022 unter wechselnden Namen die Volkswerft, für Rügen bis 2019 die Bergener Molkerei – die bis dahin den Camembert „Rügener Badejungen“ herstellte – und für Sassnitz bis 2020 die Eisenbahnfähre nach Trelleborg. Sie war über 100 Jahre die kürzeste Schiffsverbindung zwischen Deutschland und Schweden.
Häfen in Schwierigkeiten
Für die pommerschen Häfen Sassnitz und Mukran sowie deren einstige Fährverbindungen, die bis 2023 noch nach Skandinavien und bis 2016 ins Baltikum fuhren, wäre die Realisierung der „Vorpommern-Magistrale“ – der Eisenbahnverbindung von Angermünde nach Sassnitz – und die Fertigstellung der Bundesstraße B 96n, von Bergen nach Sassnitz, vonnöten gewesen. Doch beide Projekte blieben nur politische Versprechen.
Derweil geht der Anteil des produzierenden Gewerbes, beispielsweise durch die Schließung des größten europäischen Heringsverarbeiters, der Euro-Baltic Fischverarbeitungs GmbH, im Jahre 2024, weiter zurück, und die Abhängigkeit vom schwankenden saisonalen Tourismus wird größer. Konsumzurückhaltung durch reduzierte Kaufkraft wirkt: 2026 stiegen die Anreisen bei fallender Verweildauer.
Doch noch stärker wirkt die Zurückhaltung derzeit auf die Gastronomie. Laut einer Studie des Ifo-Instituts vom 11. Mai 2026 geht bei 20 Prozent der Unternehmen von Gastgewerbe und Beherbergung die Angst vor der Pleite um. In Vorpommern gibt es prominente Schließungen: Das Fünf-Sterne-Hotel „Usedom Palace“ in Zinnowitz (2025) oder das Vier-Sterne-Hotel „Kailiebe“ in Trassenheide (2026) zeigen: Das Gastgewerbe ist im Umbruch.
Zu den Unwägbarkeiten kommen in Vorpommern Fachkräftemangel, Wohnungsnot und Abwanderung. Steigende Lebenshaltungskosten stehen geringen Löhnen gegenüber. Wertschöpfung und Steuern liegen je Erwerbstätigem um die 73.000 Euro – viel tiefer als in Mecklenburg. Das führt zu einem Wohlstandsgefälle. So geht auch die Schere zwischen Mecklenburg und Vorpommern Jahr für Jahr weiter auseinander. Drei Tage vor der letzten Landtagswahl beschrieb der Deutschlandfunk am 26. September 2021 die Situation so: „Die Wirtschaft ist tendenziell schlechter als im Westen des Landes, genauso die Mobilität und die gesundheitliche Versorgung. Die Arbeitslosigkeit höher.“ Daran hat sich in den letzten fünf Jahren gefühlt nichts geändert. Fürchten muss die seit 1998 ununterbrochen regierende SPD die Wahlen in Vorpommern aber nicht.
Unterschiedliche Chancen
Ebenfalls 2021 bescheinigte der Deutschlandfunk der SPD „eher schlechte Chancen“, gewählt zu werden. Bereits seit den 1990er Jahren galt die Regel: Mecklenburg wählt „rot“ (SPD), Vorpommern „schwarz“ (CDU). Zur Erinnerung: Die Christdemokraten erzielten noch Ende der 1990er Jahre Ergebnisse zwischen 42 und 52 Prozent. Ab 2016 vollzog sich der Aufstieg der AfD auf Kosten der CDU, auch mangels pommerscher Interessenvertretung.
Ebenfalls 2016 schickte der Deutschlandfunk Kultur seine Landeskorrespondentin Silke Hasselmann nach Vorpommern, um zu ergründen, was denn Politiker tun müssten. Die Antwort wäre heute die gleiche wie damals: „Schwerin solle endlich etwas tun für Vorpommern. Und nicht nur für Mecklenburg!“ – Im gleichen Jahr ernannte die Landesregierung einen Staatssekretär für Vorpommern. Sein Budget beträgt 3,5 Millionen Euro.
Doch statt auf regionale Themen zu setzen, ist für die CDU – bei fallenden Umfragewerten, aktuell acht Prozent – ein Fischbrötchen ins Zentrum der Kampagne gerückt. Motto: „Politik in lecker“. Das allerdings lässt die Wähler, die sich noch nicht von der CDU zur AfD verabschiedet haben, mit einem Kopfschütteln zurück. Und: Wofür sollen da die CDU-Mitglieder noch Wahlkampf in Vorpommern machen? Fischbrötchen?
Unerwünschte Wählerabwanderung
Gut möglich, dass die CDU – bei einer sich weiter fortsetzenden Polarisierung zwischen AfD und SPD – weitere Wähler verliert, vielleicht sogar die Fünf-Prozent-Hürde fürchten muss. Derzeit sehen die Umfragen vier Parteien als sicher im neuen Landtag an: AfD, SPD, Linke und CDU. Unklar ist aber, ob Grüne und BSW noch die fünf Prozent schaffen. Ihr Einzug würde auf die Mehrheiten erheblichen Einfluss haben.
Während die SPD „ihr“ Mecklenburg weiter gut pflegt, hat die CDU bereits „ihr“ Vorpommern der AfD „überlassen“. Allerdings darf bezweifelt werden, ob deren Wahlsieg etwas für Vorpommern ändern würde. Positionierungen der AfD – beispielsweise gegen die Rückführung der „Pommern-Akten“ nach Vorpommern oder die abgelehnte Sicherung des Hauses Demmin – nähren längst bestehende Zweifel.
Fazit: Der Glaube, dass Politik Versprechen einlöst, ist ausgeträumt. Das pommersche Kulturerbe wird wohl auch weiter abgewickelt. Alles unabhängig davon, wer nach der Wahl regiert oder welcher Staatssekretär dann ins pommersche Anklam entsandt wird. Keine der antretenden Parteien hat einen Plan für die Zukunft Vorpommerns. – Das macht ratlos. Pommern hat derzeit weder Wahl noch „Lobby“.
sitra achra am 16.09.26, 17:06 Uhr
Die Muttimasche, die die Schwesig gekonnt zelebriert, wird die Wahlschafe wieder in die Fänge der Roßtäuscher a la Fritze leiten. Leider hat der Pöbel sich wieder zum Narren halten lassen, wenn man die aktuellen Umfragen zur Kenntnis nimmt. Wohlan!