Preußische Allgemeine Zeitung Zeitung für Deutschland · Das Ostpreußenblatt · Pommersche Zeitung
Oskar Brüsewitz' beide Elternteile waren Christen – aber unterschiedlicher Konfession. Der Vater war Protestant, die Mutter katholisch. Das dritte Kind einer armen Handwerkerfamilie war im Einschulungsalter, als seine Familie von Willkischken, wo er am 30. Mai 1929 zur Welt gekommen war, nach Wischwill umzog.
Wischwill gehörte ebenso wie Willkischken zum Memelgebiet, das vom Vorrücken der Roten Armee früher betroffen war als andere Teile des Landes. So musste er bereits 1944 seine erst im Vorjahr begonnene Kaufmannslehre abbrechen, um mit der Familie die Flucht anzutreten. Diese führte die Brüsewitz' nach Sachsen.
In Burgstädt bei Chemnitz wurde er in den Reichsarbeitsdienst eingezogen. Schließlich wurde der Jugendliche auch noch als Panzerfaustschütze in die Wehrmacht eingegliedert. Er geriet in sowjetische Kriegsgefangenschaft, hatte jedoch insofern Glück, als er im Herbst 1945 wieder auf freiem Fuß war.
Nach dem Krieg fand die Familie in Burgstädt wieder zusammen, aber seine kaufmännische Lehre konnte Oskar nicht fortsetzen. Er machte stattdessen eine Schuhmacherlehre. Nach der Gesellenprüfung zog er in das zur britischen Zone gehörende westfälische Melle, wo er eine eigene Werkstatt eröffnete. 1951 erwarb er den Meistertitel.
Über Umwege ins geistliche Amt
Noch im selben Jahr heiratete er Resi Heinisch. Zehn Monate später bekam das junge Paar an seinem neuen Wohnort Hildesheim mit Tochter Renate Nachwuchs. So weit, so klassisch und gut bürgerlich. Doch die Ehe zerbrach und wurde 1954 geschieden. Brüsewitz trat die Flucht an. Er überschrieb den gemeinsamen Besitz seiner Ex-Frau und verließ sie und das Kind.
Er brachte sogar eine Staatsgrenze zwischen sich und seine Familie. 1954 floh der Christ aus der den Kirchen wohlwollend neutral gegenüberstehenden Bundesrepublik ausgerechnet in die atheistische DDR. Dort wurde er nicht glücklich.
Im thüringischen Weißenfels trat er eine Stelle in einer Schuhfabrik an, die er aber schnell wieder verlor. Er wurde krank. Im Krankenhaus kümmerte sich seine Gastfamilie, bei der er wohnte, fürsorglich um ihn und brachte ihn Gott näher. Nach seiner Genesung begann er eine Ausbildung am Predigerseminar in Wittenberg, brach aber auch diese bereits nach einem Monat ab, da er wieder krank wurde. Nach einem Aufenthalt in der Nervenklinik Bernburg versuchte er im Pfarramt Kayna im Kreis Zeitz einen Neubeginn. Doch auch dieser Versuch scheiterte.
Das eigene Kind überlebt
Schließlich führte ihn die Arbeitssuche nach Leipzig. Eine Anstellung im Kirchenamt der dortigen Kirchengemeinde endete schon in der Probezeit. Es folgte eine Tätigkeit als Verkäufer in einem Schuhgeschäft der Stadt.
1955 lernte er die Diakonisse Christa Roland kennen und heiratete sie noch im selben Jahr. 1956 ging aus dieser Ehe Sohn Matthias hervor, zwei Jahre später Tochter Esther. Und wieder wurde Brüsewitz krank. 1959 bekam er schwere Herzprobleme. Im darauffolgenden Jahr zog die Familie ins thüringische Weißensee, wo mit Dorothea das dritte Kind des Paares zur Welt kam. Brüsewitz arbeitete in dieser Zeit in der erlernten Branche, betätigte sich jedoch ehrenamtlich in der Kirchenarbeit.
Theologisch war Brüsewitz zu jener Zeit in der Pfingstbewegung beheimatet. In seiner Tätigkeit für die Christengemeinde Elim fiel bereits seine Offenheit und Unverblümtheit auf. Letztere ließ manchen Glaubensbruder angst und bange werden im Angesicht der atheistischen Staatsmacht. Enttäuscht hiervon verließ Brüsewitz die Elim-Gemeinde und wandte sich der landeskirchlichen Gemeinde vor Ort zu.
1964 leitete Brüsewitz den Wechsel vom Laienstand in die Geistlichkeit ein. Er begann die Predigerschule in Erfurt zu besuchen.
Ein halbes Jahrzehnt später passierte ihm das vielleicht Schlimmste, was einem Menschen passieren kann. Er überlebte eines seiner Kinder. 1969 starb sein an Toxoplasmose leidender einziger Sohn.
Im selben Jahr endete seine theologische Ausbildung. Im darauffolgenden Jahr wurde er in Wernigerode ordiniert und anschließend Pfarrer in Rippicha im Kreis Zeitz. Sein Vorgänger in diesem Amt hatte dieses entmutigt verlassen. Doch Brüsewitz ging nun voller Elan, Tatkraft, handwerklichem Geschick und originellen Methoden der Missionsarbeit ans Werk. Dabei nahm er den Kampf mit dem SED-Regime um die Jugend und damit die Zukunft auf.
Ein Geistlicher, der polarisiert
Zwei seiner originellen Ideen, die er nicht nur hatte, sondern auch mit Organisationstalent und handwerklichem Geschick realisierte, seien hier genannt. Gleich zu Beginn seiner neuen Tätigkeit, im dunklen Monat Dezember des Jahres 1969, brachte Brüsewitz an seiner Kirche ein Kreuz aus Neonröhren an, das weit ins Land strahlte. „Solange der Sowjetstern überall leuchtet, so lange bleibt auch mein Kreuz!“, lautete sein Kommentar hierzu.
Als zweites Beispiel sei der auf ihn zurückgehende Evangelische Kinderspielplatz genannt, mit dem er gezielt auch Kinder aus nicht-christlichen Elternhäusern in Kontakt mit der Kirche brachte.
Angst vor dem staatlichen Visier
Voll Esprit waren auch seine Parolen, mit denen er nicht selten Propagandafloskeln der SED konterte. „25 Jahre DDR“ hielt er „2000 Jahre Kirche Jesu Christi“ entgegen, sowie „Ohne Gott und Sonnenschein fahren wir die Ernte ein“: „Ohne Regen, ohne Gott geht die ganze Welt bankrott.“ Auf die allgemeine Aufforderung des SED-Regimes an die DDR-Bevölkerung, sich an den Volkskammerwahlen zu beteiligen reagierte er mit den Worten: „Ich habe schon gewählt – nämlich Jesus Christus.“ Programmatisch war seine Ankündigung: „Ich habe dasselbe Recht wie die SED und werde den ganzen Kreis Sömmerda evangelisieren, egal ob das der SED recht ist oder nicht. Dafür bringe ich auch jedes notwendige Opfer.“
Brüsewitz polarisierte in seiner Kirche. Die einen waren begeistert von seinem selbstlosen Engagement, seiner vehementen Tatkraft, seinem handwerklichen Geschick, seiner originellen Missionsarbeit sowie seiner Offenheit und Ehrlichkeit. Anderen bereitete sein offensiver Ansatz und gerade seine kompromisslose Unverblümtheit eher Sorge. Sie fürchteten, er bringe damit sich und die Kirche ins Fadenkreuz der ohnehin kirchenkritischen bis kirchenfeindlichen Staatsmacht. 1976 legte seine eigene Kirchenleitung Brüsewitz nahe, entweder die Gemeinde zu wechseln oder die DDR zu verlassen. In jenem Jahr kam der Christ zu dem Schluss, dass es für ihn keinen besseren Weg gab, als diese Welt zu verlassen – nicht jedoch, ohne noch einmal ein großes Zeichen des Protests zu setzen.