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Die bewegte Geschichte brachte es mit sich, dass viele Posener einen Stadtdialekt sprechen, der einem sehr bekannt vorkommt
Während meiner zahlreichen Besuche in Posen erzählten mir polnische Freunde immer wieder vom „Posener Stadtdialekt“ („gwara poznańska“ oder „gwara miejska Poznania“), der schon häufig Politiker aus Warschau verärgert habe, wenn sie mit kommunalen Vertretern aus Posen zusammentrafen und diese sich des Dialektes bedienten, damit die Warschauer Abgesandten etwas nicht verstehen sollten.
Tatsächlich waren ja Großpolen und insbesondere Posen über viele Jahrhunderte hinweg durch polnische und deutsche Bewohner geprägt, was sich letztlich auch in der Sprache niederschlug. So entwickelte sich ein Dialekt, der auch heute noch typisch für die Region ist und sich in etlichen Besonderheiten von der hochpolnischen Sprache unterscheidet. Die Abweichungen beruhen darauf, dass im Laufe der Zeit viele Germanismen in die polnische Sprache einflossen, die bis in die Gegenwart charakteristisch für den Posener Stadtdialekt sind. Um dies zu verdeutlichen, bedarf es eines Blicks in die Geschichte.
Die erste urkundliche Erwähnung Posens datiert aus dem Jahr 968, als dort das älteste polnische Bistum seinen Sitz nahm. Während dieser polnische Ort auf dem rechten Ufer der Warthe lag, gründeten deutsche Einwanderer 1253 am linken Flussufer eine Siedlung nach Magdeburger Recht, wozu der großpolnische Piastenherzog Przemysł I. den Lokator Thomas von Guben mit einem Privileg ausgestattet hatte. Diese Vogtei blieb für mehr als ein Jahrhundert in privater Hand, ehe sie zwischen 1380 und 1386 an die Stadt gelangte, deren Rat in der Folgezeit den Vogt (deutsch „Stadtvogt“, polnisch „statfoyt“) einsetzte, der für Klagen zwischen Deutschen und Polen zuständig sein sollte. Damit aber machte sich der Einfluss von Germanismen auf das Polnische bemerkbar, vor allem in den Bereichen der Rechts- und Verwaltungssprache, wie etwa Rathaus/ratusz, Bürgermeister/burmistrz oder Schöffe/szöffe.
Mit dem Schlesischen nah verwandt
Eine zweite Germanisierungswelle setzte nach den polnischen Teilungen ein. Im Zusammenhang mit der ersten Teilung im Jahr 1772 wurde der Netzedistrikt preußisch, der etwa ein Fünftel der späteren Provinz Posen ausmachte. Friedrich der Große ließ hier vor allem Kolonisten aus niederdeutsch sprechenden Gebieten ansiedeln. 1793 kam dann der Rest Großpolens zu Preußen. Damit erhöhte sich der deutsche Bevölkerungsanteil, was dazu führte, dass im Laufe des 19. Jahrhunderts viele Lehnwörter aus dem Deutschen in die polnische Sprache übernommen wurden, womit ein Bilingualismus, teilweise auch ein Mischbilingualismus entstand.
Allerdings sprachen die neuen Einwanderer im Südwesten der Provinz, die insbesondere aus Schlesien kamen, vorwiegend Hochdeutsch, und so bezeichneten Sprachwissenschaftler den sich herausbildenden Posener Dialekt auch als „nächsten Verwandten des Schlesischen“.
Gleichwohl hing es vom Bildungsstand ab, wie man kommunizierte. Während das wohlhabende deutsche Bürgertum in den Städten – Offiziere, Kaufleute, Fabrikanten und Lehrer – vor allem Hochdeutsch sprach, dominierte auf dem Lande das Niederdeutsche. Bei den Polen war es genauso: Der Adel, wohlhabende Bürger und die Intelligenz bedienten sich der polnischen Hochsprache, doch sie waren in der Minderheit. Die Mehrheit stellten Kleinbürger, die einen polnischen Dialekt sprachen. Bei der 1846 im Großherzogtum Posen stattgefundenen Volkszählung ergaben sich folgende Prozentsätze: Von den 38.027 Personen der Zivilbevölkerung sprachen 14,4 Prozent Polnisch und 23,4 Prozent Deutsch, während 62,2 Prozent Polnisch- und Deutschkenntnisse aufwiesen.
Die Netze galt dabei als eine Sprachgrenze (Kreis Czarnikau/Czarnków): Auf dem rechten Flussufer wurde nur Deutsch gesprochen, auf dem linken jedoch Polnisch und Deutsch.
Einige weitere Zahlen mögen die Sprachverteilung aufzeigen: So sprachen im Kreis Schubin 41 Prozent Deutsch und 59 Prozent Polnisch. Im südlichen Teil des Landkreises Bromberg sprachen zu jenem Zeitpunkt 72 Prozent Deutsch und 28 Prozent Polnisch, während im nördlichen Teil das Verhältnis 83 Prozent (Deutsch) zu 17 Prozent (Polnisch) betrug. Im Kreis Inowrocław (bis 1904 Inowrazlaw, dann Hohensalza) war es allerdings umgekehrt, denn dort sprachen nur 32 Prozent Deutsch und 68 Prozent Polnisch. Bei der Volkszählung von 1910 betrug die Bevölkerung der Provinz Posen 2.099.831 Personen, von denen 1.278.890 (= 60,9 Prozent) Polnisch als Muttersprache hatten und 806.720 (= 38,4 Prozent) Deutsch. 11.796 Einwohner (= 0,6 Prozent) waren zweisprachig.
Während Polnisch vor allem in den zentralen und östlichen Landkreisen sowie bei der katholischen Bevölkerung gesprochen wurde, dominierte Deutsch in den nördlichen und westlichen Grenzregionen sowie in den größeren Städten und bei der überwiegend evangelischen Bevölkerung. Aber selbst die Stadt Posen (156.691 Einwohner) hatte damals mit 57,0 Prozent noch eine polnischsprachige Mehrheit, während die Deutschsprachigen 41,7 Prozent ausmachten und 0,8 Prozent zweisprachig waren. Im Umland war die Sprachverteilung noch deutlicher: Im Kreis Posen West gaben 82,3 Prozent Polnisch als Muttersprache an und nur 17,1 Prozent Deutsch (0,5 Prozent waren zweisprachig), und auch der Kreis Posen Ost war mit 70,8 Prozent mehrheitlich polnischsprachig (deutschsprachig 28,7 Prozent, 0,4 Prozent zweisprachig).
Ein „rychtyker Ajnzac“
Trotz des Nebeneinanders der beiden Bevölkerungsgruppen führte eine solche Situation dazu, dass etliche deutsche Wörter sowie grammatische Strukturen in die Sprache der polnischen Bewohner Posens einflossen. Das von Monika Gruchmanowa und Bogdan Walczak im Jahr 1997 herausgegebene Wörterbuch des Posener Stadtdialekts (Słownik gwary miejskiej Poznania) nennt 555 Wörter, die auf eine deutsche Herkunft hinweisen, wobei die meisten Entlehnungen in einer der polnischen Sprache angepassten Form verwendet werden.
Beispiele hierfür sind „Anzug“ (deutsch) = „ancug“ (Posener Dialekt), „einfach“ (deutsch) = „ainfach“ (Posener Dialekt), „richtig“ (deutsch) = „rychtyk“ (Posener Dialekt) und „Einsatz“ (deutsch) = „ajnzac“ (Posener Dialekt).
Nicht selten findet man im Posener Dialekt ein von der hochpolnischen Sprache abweichendes Genus, weil dieses aus dem deutschen Lehnwort übernommen wurde. Als Beispiel mag das Wort „Baracke“ dienen, das ebenso wie in der Posener Mundart feminin ist („baraka“), im Gegensatz zum polnischen „barak“ (maskulin). Auch wird im Posener Dialekt das im Hochpolnischen gebräuchliche Genitivattribut oft durch ein Dativattribut mit „von“ („od“) ersetzt, wie es in der deutschen Umgangssprache ebenfalls immer häufiger vorkommt. So sagt man statt des polnischen „dyrektor fabryki“ („der Direktor der Fabrik“) in Posen „dyrektor od fabryki“ („der Direktor von der Fabrik“).
In den Städten sowie im Südwesten der Provinz dominierte bis 1918 vor allem Hochdeutsch, auf dem Lande hingegen Niederdeutsch, allerdings waren überall „polnische Sprachgebiete eingesprengt“. Als die Provinz Posen nach dem Ersten Weltkrieg wieder Bestandteil des neugegründeten polnischen Staates wurde, wanderten zwar viele Deutsche ab, doch die Germanismen im Dialekt blieben weiterhin bestehen.
Der Wortschatz weicht teils stark vom Standardpolnischen ab, ist aber immer noch lebendig und tief in der lokalen Kultur verankert und wird bis heute liebevoll gepflegt. Regelmäßig finden die Poznań-Dialektwettbewerbe statt.
Zwischen dem 13. Februar 1983 und dem 31. Dezember 1999 strahlte der polnische Rundfunk regelmäßig die Sendung „Blubry Starygo Marycha“ im Posener Stadtdialekt aus, womit man für die Wiederbelebung dieser lokalen Mundart werben wollte. Produziert wurde das Programm von Marian Pogasz. Dem 1999 verstorbenen Moderator und Schauspieler setzte man am 20. März 2001 an der Kreuzung der ul. Półwiejska/ul. Strzelecka das Stary-Marych-Monument. Es stellt die fiktive literarische Figur Stary Marych (Alter Marych) dar, einen älteren Herrn, der ein Fahrrad schiebt und dessen Gesichtszüge denen von Pogasz ähneln. Die Bronzeskulptur ist ein Werk des Bildhauers Robert Sobociński, misst 1,95 Meter und wiegt 500 Kilogramm. Sie ist ein beliebtes Wahrzeichen Posens und symbolisiert den Posener Dialekt, ein Erbe der deutsch-polnischen Sprachkontakte in der Region, hier verkörpert durch Pogasz.