15.10.2026

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Noch ist Berlin bei Firmengründern Nummer Eins in Deutschland: Das Cambridge Innovation Centre in Treptow-Köpenick
Bild: picture alliance / dts-AgenturNoch ist Berlin bei Firmengründern Nummer Eins in Deutschland: Das Cambridge Innovation Centre in Treptow-Köpenick

Reaktionen auf die Berlin-Wahl

Start-up-Chefs sind entsetzt

Die Aussicht auf eine von linksaußen geführte Regierung löst in der Wirtschaft beträchtliche Unruhe aus

Hermann Müller
15.10.2026

Gemessen an dem, was auf dem Spiel steht, fiel die Reaktion von Sebastian Stietzel auf den Wahlsieg der Linkspartei erstaunlich zurückhaltend aus. Der Präsident der Berliner Industrie- und Handelskammer (IHK) sagte: „Egal, welche Wahlversprechen am Ende umgesetzt werden sollen, die Voraussetzung dafür ist eine starke und wachsende Wirtschaft. Investitionssicherheit und mehr unternehmerische Freiheit gehören daher ins Zentrum der Koalitionsverhandlungen.“

Tatsächlich ist sehr zweifelhaft, dass Punkte wie die Freiheit des Unternehmertums überhaupt eine Rolle bei den Koalitionsverhandlungen der Linkspartei spielen werden. Die SED-Nachfolgepartei hat die Wahl nämlich mit einer klaren Kampfansage an die Marktwirtschaft gewonnen.

Was die Genossen von Linksaußen im Wahlprogramm ankündigen, reicht deutlich über die Verstaatlichung großer Wohnungskonzerne hinaus. Die Partei will die Gewerbesteuer und die Grunderwerbsteuer erhöhen sowie eine Luxusvillensteuer einführen – Forderungen, die sie nach der Wahl ausdrücklich zu Schwerpunkten der vorgesehenen Sondierungen mit SPD und Grünen erklärt hat. Auch in der Industrie soll das Land nach den Vorstellungen der Linkspartei-Genossen stärker mitmischen: Eine Berliner Industrie-Holding soll Beteiligungen an kriselnden, für ihre Branche wichtigen Unternehmen erwerben.

„Vom Glauben abgefallen“

Nach der Wahl sind zudem weitere politische Ziele der Spitzenkandidatin Elif Eralp ins Blickfeld gerückt: Nach einem Bericht der „Berliner Zeitung“ unterzeichnete sie beispielsweise im Januar 2020 einen Aufruf mit dem Titel „Für eine antirassistische und migrantische Klassenpartei“. In dem Papier wird ausdrücklich das Ziel formuliert, „das kapitalistische System stürzen“ zu wollen.

Deutlich weniger zurückhaltend als der Berliner IHK-Chef haben einige Vertreter der Start-up-Szene auf den Wahlsieg der Linkspartei reagiert. Christian Miele, Investor beim Wagniskapitalgeber Headline und CDU-Mitglied, erklärte, er sei „vom Glauben abgefallen“. Sein Urteil über die Hauptstadt fiel entsprechend bitter aus: „Manchmal denke ich mir, dass diese Stadt die Start-up-Szene nicht verdient hat.“

Mirko Novakovic, Gründer des Softwareunternehmens Dash0 (Dash Null), reagierte vollkommen entgeistert auf die Bilder von der Wahlparty der Linkspartei: „Da wacht man auf und sieht, dass die Wahlsiegerin in unserer Hauptstadt mit einem Terroristen der VPNK und einem Klanführer Party macht, Anhänger Antifa-Parolen schreien und ‚Enteignung'-Schals schwenken. Wir müssen in einer Simulation leben.“

Oliver Pabst vom Zürcher Venture-Capital-Investor Redalpine warnt laut der Zeitschrift „Gründerszene“ davor, dass politische Unsicherheit internationale Investoren, Standortentscheidungen und die Personalgewinnung beeinflussen könne – noch bevor neue Gesetze beschlossen würden. Ein beschädigtes Standortvertrauen muss sich dabei nicht sofort in Umzugswagen zeigen. Es kann sich auch darin ausdrücken, dass ein Unternehmen seine nächste Niederlassung anderswo eröffnet oder Geldgeber eine Investition zurückstellen.

Berlin hat als deutsche Start-up-Hauptstadt viel zu verlieren: Seine jungen Unternehmen beschäftigten 2025 rund 82.000 Menschen. Allein im ersten Halbjahr 2026 entstanden in Berlin 429 weitere Start-ups – mehr als in jeder anderen deutschen Stadt. Allerdings wächst die Konkurrenz aus München, wo technologieorientierte Gründungen stark von Investitionen in die Verteidigungstechnik profitieren. Berlins bislang führende Stellung ist deshalb ohnehin schon kein Selbstläufer mehr.

Spitzenstellung in Gefahr

Die Ungewissheit in der Berliner Start-up-Szene nach der Wahl wird durch Schwierigkeiten noch verstärkt, mit denen junge Unternehmen generell in Deutschland zu kämpfen haben. Neben dem Kampf mit der Bürokratie kommen komplizierte Vergabeverfahren hinzu, die den Zugang zu öffentlichen Aufträgen erschweren. Zudem fördert Deutschland zwar neue Geschäftsideen, bietet jungen Unternehmen aber nach Einschätzung des Digitalverbandes Bitkom in späteren Wachstumsphasen zu wenig Kapital.

Nach dem Ergebnis einer im vergangenen März veröffentlichten Bitkom-Umfrage unter 133 Tech-Start-ups überlegt jedes vierte befragte Unternehmen, Deutschland wegen fehlenden Kapitals zu verlassen. Als Alternative bieten sich insbesondere die Vereinigten Staaten an. Dort stehen deutlich größere Mengen an Wagniskapital zur Verfügung – und ein riesiger Absatzmarkt dazu. Die Tendenz zum Umzug dürfte eher noch zunehmen, wenn Berlin tatsächlich von einer Partei regiert wird, deren erklärte Ziele Enteignungen und die Beseitigung des Kapitalismus sind.


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