23.10.2026

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Bei der Eröffnung des diesjährigen landesweiten Lesewettbewerbs: Wiesława Zielinska mit Übersetzung in Zeichensprache
Bild: U.H.Bei der Eröffnung des diesjährigen landesweiten Lesewettbewerbs: Wiesława Zielinska mit Übersetzung in Zeichensprache

Nationales Lesen 2026 in Allenstein

Stimmen aus dem Jenseits

In der evangelischen Christus-Erlöser-Kirche fand eine theatralische Vorstellung in fünf Sprachen statt

Uwe Hahnkamp
23.10.2026

Am 5. September fand in der Republik Polen das Nationale Lesen 2026 statt. In vielen Städten des Landes und in verschiedenen Medien wurden dabei öffentlich Fragmente des Werks „Dziady“ (deutsch: „Totenfeier“) des Schriftstellers Adam Mickiewicz vorgetragen. In der evangelischen Christus-Erlöser-Kirche in Allenstein gab es bei einer musikalisch-theatralischen Vorstellung neben dem polnischen Original bei einigen Abschnitten vier weitere Sprachen zu hören.

Das Nationale Lesen ist eine Aktion zur Verbreitung der Kenntnis der polnischen Literatur, die zu diesem Zweck öffentlich gelesen wird. Begonnen hat sie im Jahr 2012 zum 200. Jahrestag des Russlandfeldzugs Napoleons, der zum Teil in Mickiewicz' „Pan Tadeusz“ beschrieben ist. Angestoßen wurde sie vom damaligen Präsidenten Polens, Bronisław Komorowski; seither steht die Aktion unter der Schirmherrschaft des Präsidentenpaares.

Literarischer Kanon

Gelesen oder in anderer Form dargestellt wird die Literatur zum Schuljahresanfang am ersten Wochenende im September. Die dafür ausgewählten Werke und Autoren bis zur diesjährigen 15. Ausgabe des Projekts sind ein großer Teil des literarischen Kanons, der auch als Schullektüre unterrichtet wird: Neben Mickiewicz waren das Jan Kochanowski, Stefan Żeromski, Henryk Sienkiewicz oder Bolesław Prus. Manchmal stehen einzelne Werke auf dem Programm, manchmal ausgewählte Gedichte oder Balladen.

Für das Jahr 2026 wurde Mickiewicz' Werk „Totenfeier“ gewählt, eine Sammlung von romantischen Dramen, die der große Dichter zwischen 1820 und 1832 in seiner Heimat Polen-Litauen und an mehreren Orten seines Exils verfasst hat, etwa in Dresden und Paris. Das Werk enthält viele Moralvorstellungen, Bräuche und gesellschaftliche Ideen, die in der Zeit der polnischen Teilungen die polnische Identität aufrechterhielten, so die Polonistin Wiesława Zielińska. Die Direktorin des Lehrerfortbildungszentrums der Woiwodschaft Ermland-Masuren eröffnete mit einem Vortrag im Festsaal der Allensteiner Burg offiziell das diesjährige Nationale Lesen in Allenstein.

Währenddessen bereiteten sich in der nahen evangelischen Christus-Erlöser-Kirche die Akteure einer musikalisch-theatralischen Performance zur „Totenfeier“ auf den Auftritt vor. Die Sängerin und Musikerin Ania Broda stimmte ihr Instrument auf die Akustik der Kirche ein, und Schauspieler Grzegorz Gromek vom Stefan-Jaracz-Theater suchte mit seinen vier Gastdarstellern Marina Avseykova, Victoria Serrano-Pobo, Grégoire Blot und dem Verfasser die optimalen Standorte auf der Empore. Darüber hinaus musste für die „Stimmen aus dem Jenseits“ eine unheimliche Atmosphäre geschaffen werden. Die für das Stück ausgewählten Fragmente spielen nämlich auf einem Friedhof und an einem düsteren Pfarrhaus.

Das eine Fragment schildert den Brauch des Totenfests mit dem Guślarz, einer Art Schamane, der Geister beschwört. Der Chor der Geister murmelte nicht nur Polnisch, sondern auch Weißrussisch, Spanisch, Französisch und Deutsch und verstärkte so die düstere Stimmung. Auch beim Gespräch des unglücklich verliebten Helden Gustav mit dem Pfarrer schufen die fremden Sprachen eine entsprechende Atmosphäre.

Passend zum Stück ging während der Aufführung ein kurzer, heftiger Regenschauer über der Innenstadt von Allenstein nieder, der mit seinen dunklen Wolken das Sonnenlicht vertrieb. Die polnische Literatur mit Musik und Fremdsprachen wurde so zu einem intensiven Erlebnis für die Zuhörer. So bleiben die Texte, die jeder Mensch in Polen – und nicht nur dort – kennen sollte, lange im Gedächtnis.


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