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Klaus Puls mit seiner Mutter und seinem jüngeren Bruder Manfred (von links)
Bild: privatKlaus Puls mit seiner Mutter und seinem jüngeren Bruder Manfred (von links)

Unter angelsächsischer wie russischer Herrschaft

Erfahrungen einer Flüchtlingsfamilie in Wismar mit britischen, kanadischen und sowjetischen Besatzungssoldaten

Klaus Puls
14.08.2026

Nach der Flucht aus Ostpreußen waren wir, das heißt, meine Mutter, mein kleinerer Bruder Manfred und ich, nun Mitte Februar 1945 in Wismar angekommen. Dort nahmen uns die Großeltern Klenk im „Turnerheim“ des TSV Wismar liebevoll auf. Mein Opa Klenk arbeitete dort seit vielen Jahren als Geräte- und Platzwart beim TSV. Dazu schreibt meine Mutter: „Wir blieben bei meinen Eltern, und waren zunächst sehr elend. Wir haben mit ihnen die letzten Kriegs-Monate erlebt. Es gab immer wieder Bomben- und Luftminen-Angriffe. Ein großer Teil der Stadt wurde zerstört, insbesondere bei dem verheerenden Luftangriff am 14./15. April 1945. Meine Schwiegereltern, die im Keller des Familien-Hauses in der Lübschen Straße wohnten, wurden verschüttet. Sie wurden von Helfern des Roten Kreuzes gerettet.“

Zu diesem Zeitpunkt war die Stadt schon überfüllt mit Flüchtlingen aus den Ostgebieten. Die hatten die Flucht überlebt, hausten in Kellern, Boden-Kammern, Garagen, fühlten sich zunächst in Sicherheit – und nun kamen viele im Bombenhagel ums Leben. Weiter meine Mutter: „Eines Tages, Anfang März, war plötzlich mein Mann da. Er war von Gotenhafen, wo er uns ,auf Heimaturlaub' gesucht hatte, in Etappen über See und Land in seine Heimatstadt Wismar gelangt, wo er uns lebend vorfand. Er fuhr, nach mehreren vergeblichen Versuchen in dem schon zusammen gebrochenen Verkehrs-System, zurück zu seinem Marine-Kommando nach Norwegen – direkt in die Gefangenschaft! Meine Schwiegermutter war befreundet mit einer Frau Priester, die nordwestlich vor der Stadt in Wendorf einen Gutshof bewirtschaftete. Als es hieß, daß Wismar militärisch verteidigt werden sollte, nahm diese uns auf: Meine Schwiegermutter, mich und die Kinder sowie weitere Verwandte. Aber – zu Kriegs-Handlungen kam es nicht: Der Oberbürgermeister Dr. Pleuger ging den von Westen anrückenden alliierten Truppen entgegen, und übergab die Stadt kampflos – gegen alle NS-Befehle.“

Zu alledem hat mein Cousin Wolfgang Puls in Wismarer Archiven recherchiert: „Am 2. Mai 1945 rückten von Südwesten (Schweriner Tor) kanadische Fallschirmjäger in die Stadt ein, im Verbund mit britischen Truppen. Am gleichen Tag rückten von Osten russische Truppen auf Wismar zu und erreichten über die Rostocker Chaussee Kritzow. Dort errichteten sie eine Straßensperre, wie ihrerseits die Kanadier/Briten in Höhe des alten Soldatenfriedhofs an der Rostocker Straße und auch vor dem Poeler Tor. Am 15. Mai wurden die Kanadier abgezogen, und weitere britische Truppen kamen nach Wismar. Gemäß dem Abkommen von Jalta (4.–11.02.1945) wurde die Stadt dann vom 30. Juni zum 1. Juli von den Briten an die Russen übergeben.“

Und das waren nicht die Russen, sondern Kanadier

Aber zunächst ging es für die Familie noch mit den Kanadiern und Briten weiter, wozu meine Mutter schreibt: „Das Gutshaus von Frau Priester wurde von den Briten besetzt. Desertierte Soldaten, die sich in Ställen und Scheunen versteckt hatten, wurden abgeführt. Wir wollten nun zurück in die Stadt. Zwei Haustöchter des Gutshofes durften einen Wagen anspannen, mit dem wir, unter Zurücklassung aller Habe, losfuhren – vor und hinter uns die einmarschierenden Truppen. Mein Vater und Schwiegervater waren in der Stadt geblieben, im Turnerheim. Als wir beim Turnerheim ankamen, fanden wir es besetzt vor. Kanadier und Briten hatten auf dem Sportplatz ihre Fahrzeuge und Panzer geparkt. Die beiden Großväter hausten im Keller einer hinter unserem Turnerheim liegenden Villa, aus der die Familie gen Westen geflüchtet war. Das Haus war voller Flüchtlinge, auch wir zogen im Keller ein. Die Großväter berichteten, daß die anrückenden Kanadier sie aufgefordert hatten, innerhalb einer Stunde das Turnerheim zu verlassen. Wieder einmal – wie schon bei/nach der Flucht aus Ostpreußen: Wir besaßen fast nichts mehr!Zwischen unserer Keller-Unterkunft und dem Turnerheim lag der Obst- und Gemüsegarten meiner Eltern. Mein Vater schlich hinter den Büschen durch in Richtung Hühnerstall, um nach etwas Eßbarem zu suchen. Dabei wurde er von einem Sergeanten der Truppe entdeckt und angesprochen. Irgendwie befreundeten sich die beiden ein wenig. Vater durfte jeden Morgen, wenn die Truppe zur Übung abgezogen war, kommen und wurde von dem Sergeanten beköstigt. Davon brachte er auch uns etwas mit. Eines Tages hörten wir ein tolles Gejohle. Als wir uns hinter den Büschen heran schlichen, sahen wir, wie aus den Fenstern unserer Wohnung das Haus-Inventar geworfen wurde, unten mit Benzin übergossen und angesteckt.“

An diese Situation kann ich mich als damals sechsjähriger Junge genau erinnern: Auch Manfred und ich hatten uns vom Garten her dem hoch auflodernden Feuer genähert. Wir sahen, wie auch unsere Spielsachen von oben auf das Feuer geworfen wurden. Kinder sind – trotz allem – relativ unbefangen und nicht überängstlich. So angelten wir am Rande des Feuers mit einem Stock nach irgendwelchen unserer Spielzeuge. Da kam ein Soldat um das Feuer herum und trat uns in den Hintern; wir fielen in die Gartenbüsche. So war's. Und das waren nicht die Russen, sondern Kanadier.

Weiter bei meiner Mutter: „Bald darauf wurde diese kanadische Truppe von einer schottischen Einheit abgelöst. Deren Kommandeur bezog eine kleine Villa auf der anderen Straßenseite gegenüber vom Turnerheim, das nicht wieder besetzt wurde. Auf meine Bitte hin erlaubte er meinem Vater und mir, ins Haus zu gehen. Er kam mit, begleitet von zwei bewaffneten Soldaten. Als wir in die demolierte Wohnung meiner Eltern kamen, sah er meinem Vater die Erschütterung an und sagte in gebrochenem Deutsch: ,Meine Soldaten tun sowas nicht.' Die Treppen nach oben waren mit den in den Boden-Kammern vorgefundenen Hakenkreuz-Fahnen belegt! Wir durften ins Haus zurück, wo wir uns notdürftig wieder einrichteten. Aber bald darauf gab es eine 24-stündige Ausgangs-Sperre (30.6./1.7.1945) – die Briten zogen ab, die Russen kamen! In der Stadt herrschte blankes Entsetzen. Die Russen plünderten und marodierten mehrere Tage und Nächte. Wir mußten wieder aus dem Turnerheim, standen auf der Straße, wußten nicht wohin. Schließlich: Am Klußer Damm nahm uns ein älteres Ehepaar auf, das dort ein kleines Haus besaß. In einer Dachkammer konnten meine Eltern mit Manfred schlafen, in einer anderen konnten wir uns aufhalten. Ich ging jeden Abend mit Klaus zu meiner Turnfreundin Ischi Kamps in die Altböter Straße. Deren Wohnung war unversehrt geblieben. Sie lebte dort mit ihren zwei Kindern. Sie erfuhr, daß ihr Mann in Gefangenschaft war. Es dauerte nicht lange, da beschlagnahmten die Russen die Häuser am Klußer Damm – wir standen wieder auf der Straße.“

Man kann sich ohne große Phantasie vorstellen, was die Familie Puls/Klenk nach Ostpreußen-Flucht, zweimaligem Rausschmiss aus dem Turnerheim und zweimaligem Rausschmiss aus den genannten Übergangs-Quartieren noch besaß: das Leben, und was man auf dem Leibe trug!

Weiter bei meiner Mutter: „Die Familie Sengebusch (Spedition an der Schweriner Straße) nahm uns auf. Sie hatten bereits ihre auch aus den Ostgebieten geflüchtete Tochter mit Kindern aufgenommen. Auch deren Mann war in Gefangenschaft. Meine Eltern bekamen ein Zimmer, in dem sie schlafen und wir alle wohnen konnten, ich mit den Kindern einen kleinen Mansarden-Raum. Unten in der Waschküche wurde ein kleiner Herd installiert, auf dem wir kochen konnten, soweit man überhaupt was hatte. ... Im Spätherbst war plötzlich mein Mann da!“

„Die Briten zogen ab, die Russen kamen!“

Ich erinnere mich gut: Ein großes „Geschrei“ war in der Diele, und unsere Mutter umarmte einen mir fremd scheinenden Mann. Weiter bei meiner Mutter: „Die Russen setzten meinen Mann als Leiter des Kreis-Gesundheits-Amtes ein. Seine beiden Vorgänger hatten sie verhaftet.“ Man könnte (heute) vermuten, dass nun die Familie und unser Vater in dieser Funktion weniger Sorgen und einige „Pfründe“ gehabt hätten, aber das Gegenteil war der Fall. Ich weiß aus früheren Erzählungen, dass mein Vater seit dem Einmarsch der Russen in Wismar zwei Vorgänger hatte. Diesen wurde willkürlich alles angelastet, was den Russen gerade Probleme machte, wie Seuchen-Ausbrüche, medizinische Mangel-Versorgung oder Todesfälle. Einer der Vorgänger wurde standrechtlich erschossen, der andere verschwand und tauchte nicht wieder auf. Unser Vater war der Dritte auf diesem Posten. Meine Mutter: „Wenn ich in der Stadt ,auf Jagd nach Lebensmitteln' unterwegs war, sah ich oft einen Lkw, auf dessen Ladefläche sich mein Mann befand, umringt von bewaffneten russischen Soldaten. Abends war ich froh und glücklich, wenn er wieder da war.“

An dieser Stelle möchte ich anmerken, mit welcher Courage insbesondere die Großmütter sich bei den Besetzungen durchgeschlagen haben. Meine Oma Klenk versuchte (gemeinsam mit Opa Klenk) ihren Garten hinter dem Turnerheim weiter zu bewirtschaften, um für uns alle ein wenig Obst und Gemüse herbeizuschaffen. Dieses war in unmittelbarer Nähe zu den Soldaten aller Couleur ständig mit Gefahren verbunden.

Meine Großeltern Puls hatten sich irgendwie wieder in ihrem teil-zerstörten Haus eingerichtet. Als der dritte Besatzungs-Wechsel kam, nach Kanadiern und Briten nun die Russen, da hat meine Großmutter Puls durch ein dreistes Auftreten verhindert, dass ihr (großes) Haus geplündert wurde: Sie hängte an die Treppe von der ersten zur zweiten Etage (im Erdgeschoß lag der Schutt des Bomben-Schadens) ein großes weißes Bettlaken mit einem aufgemalten Roten Kreuz. Immer, wenn ein Russe die Treppe rauf kam, stellte sie sich in den Weg und erklärte mit Händen und Füßen fuchtelnd, oben sei „Seuchen-Station“. Es war und ist bekannt, dass die Russen eine panische Angst vor ansteckenden Krankheiten hatten. Das hat die Großmutter Puls dreist und mutig und auch riskant ausgenutzt. Einer der Russen geriet daraufhin in Wut, kam in ihr Wohnzimmer, brüllte herum und schlug mit dem Gewehrkolben auf den Glassturz einer französischen Pendeluhr. Diese Uhr ist jetzt im Besitz meines Cousins Wolfgang in Wismar, und der quer über den gesamten Glassturz laufende Riss ist heute noch zu besichtigen.

Meine Mutter weiter: „In einer ärztlichen Angelegenheit mußte mein Mann mit den Russen nach Dabel, einem kleinen Dorf ca. 40 km südlich von Wismar. Dort gab es im Umkreis von vielen Dörfern keinen einzigen Arzt. Mein Mann sah darin eine Möglichkeit, von den Russen in Wismar weg zu kommen. Der Dabeler Bürgermeister war KPD-Mitglied und hatte gute Kontakte zu den KPD-Verwaltungen in Wismar, die frühzeitig von den Russen eingesetzt waren. Auf diesem Wege gelang es meinem Mann, mit uns allen von Wismar nah Dabel umzuziehen. Ein neuer Lebens-Abschnitt begann – verbunden aber auch mit neuen Herausforderungen, Sorgen und Kummer.“

• Die Ausführungen beruhen maßgeblich auf den Lebenserinnerungen von Klaus Puls und seiner Mutter Käte Puls.


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