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Deutschland trat vor 100 Jahren dem Völkerbund bei

Was Gustav Stresemanns Außenpolitik uns lehrt

Von der weitsichtigen Diplomatie des Nationalliberalen kann die heutige kurzsichtige deutsche UN-Politik noch manches lernen

Bodo Bost
08.09.2026

Der Verlierer beider Weltkriege Deutschland hat ein bemerkenswertes Verhältnis zu den nach den Kriegen von den Siegermächten geschaffenen internationalen Organisationen zur Sicherung der von diesen geschaffenen Friedensordnung. Im Jahr 1920 nahm der Völkerbund seine Arbeit auf; Deutschland gehörte ihm zunächst nicht an. Erst am 8. September 1926 wurde die Weimarer Republik in den Völkerbund aufgenommen. 1949 nahmen als Nachfolgeorganisation des Völkerbundes die Vereinten Nationen ihre Arbeit auf, doch erst 1973 folgte die Aufnahme der beiden deutschen Staaten in diese Organisation. Zwischen beiden Aufnahmedaten liegt fast ein halbes Jahrhundert.

Der Völkerbund war eine unmittelbare Antwort auf die Katastrophe des Ersten Weltkriegs. Seine Satzung wurde Bestandteil des Versailler Diktats. Deshalb war Deutschland nicht unter den Gründungsmitgliedern. Der Völkerbund entstand zunächst wesentlich als Organisation der Sieger des Weltkriegs; Deutschland als besiegte Macht wurde ausgeschlossen.

Das deutsche Verhältnis zum Völkerbund war von Anfang an ambivalent. Die Weimarer Republik wollte international wieder anerkannt werden, empfand aber zugleich die mit den Pariser Vorortverträgen geschaffene internationale Neuordnung als ungerecht. Deutschland hatte Gebiete verloren, musste Reparationen leisten und unterlag militärischen Beschränkungen. Hinzu kam die politische Demütigung, zunächst nicht gleichberechtigt am neuen internationalen System teilnehmen zu dürfen. Damit entstand ein Grundproblem deutscher Außenpolitik, das später immer wieder auftreten sollte: Soll man eine internationale Ordnung akzeptieren, obwohl man sie für ungerecht hält, oder sollte man zunächst versuchen, diese Ordnung von außen zu verändern?

Dritter Weg: Revision von Innen

Der nationalliberale deutsche Reichskanzler und Außenminister Gustav Stresemann entschied sich für einen dritten Weg: Er wollte die internationale Ordnung systemimmanent von innen verändern, sie reformieren, statt sie von außen zu ersetzen. Die Außenpolitik Stresemanns war keineswegs eine Politik bedingungsloser Unterwerfung unter Versailles. Vielmehr wollte er die deutsche Position verbessern, die Reparationsfrage lösen, die Besetzung deutscher Gebiete beenden und langfristig eine Revision der besonders belastenden Bestimmungen des Versailler Diktats erreichen. Aber er kam zu dem Schluss, dass Deutschland diese Ziele nicht durch Konfrontation mit fast allen Nachbarn gleichzeitig erreichen könne.

Der entscheidende Wendepunkt waren die Verträge von Locarno im Jahr 1925. Deutschland akzeptierte gemeinsam mit Frankreich und Belgien die nach dem Ersten Weltkrieg gezogenen neuen gemeinsamen Grenzen und verpflichtete sich zum Gewaltverzicht. Gleichzeitig wurde der Weg für den deutschen Eintritt in den Völkerbund frei. 1926 wurde Deutschland aufgenommen und erhielt sogar einen ständigen Sitz im Völkerbundsrat. Das Entscheidende an Stresemanns Politik war, dass er versuchte, nationale Interessen durch internationale Einbindung durchzusetzen.

Deutschland musste Vertrauen zurückgewinnen, ohne auf eigene Interessen zu verzichten. Frankreich musste überzeugt werden, dass Deutschland keine militärische Revision anstrebte. Großbritannien und die USA mussten für eine Stabilisierung Europas gewonnen werden. Gleichzeitig durfte Deutschland seine Beziehungen zur Sowjetunion nicht abbrechen. Der Berliner Vertrag von 1926 bestätigte deshalb parallel zur Westorientierung die deutsch-sowjetische Zusammenarbeit und gegenseitige Neutralität. Gerade diese Kombination macht Stresemanns Politik bis heute interessant: Westintegration ohne vollständige Abkehr von Russland; Verständigung ohne Aufgabe eigener Interessen.

Wie 1920 der Völkerbund waren 1945 auch die Vereinten Nationen als Konsequenz eines vorausgegangenen Weltkrieges gegründet worden. Wieder gehörte Deutschland zunächst nicht dazu. Anders als das Deutsche Reich waren die 1949 entstandenen beiden deutschen Staaten zumindest zunächst besetzt und nicht souverän. Die Bundesrepublik war allerdings außenpolitisch nicht von den Vereinten Nationen abgeschnitten. Sie trat bereits ab 1950 verschiedenen UN-Sonderorganisationen bei und erhielt 1952 Beobachterstatus bei den Vereinten Nationen. Der eigentliche Durchbruch kam mit der sogenannten Entspannungspolitik der 60er und frühen 70er Jahre. Am 18. September 1973 wurden die Bundesrepublik und die DDR gleichzeitig Mitglieder der Vereinten Nationen. Auch hier zeigt sich ein Muster, das bereits bei Stresemann zu beobachten war: Deutschland gelangte nicht durch einen Alleingang zurück in die internationale Gemeinschaft, sondern durch diplomatische Verständigung, Verträge und die Bereitschaft, mit politischen Gegnern zu verhandeln.

Stresemanns Außenpolitik war außerordentlich strategisch ausgerichtet. Er dachte nicht in einzelnen Abstimmungen oder kurzfristigen diplomatischen Erfolgen, sondern langfristig. Locarno führte zum Völkerbund; die internationale Einbindung erleichterte weitere Verhandlungen über die Rheinlandbesetzung und die Reparationsfrage. Die Rheinlandbesetzung endete 1930, die Reparationsfrage wurde 1932 zurückgestellt. Hätte Stresemann länger als nur 51 Jahre gelebt, wäre vielleicht die NS-Zeit verhindert worden.

Deutschlands Interessen im Blick

Stresemann verstand internationale Organisationen nicht primär als moralische Bühnen, sondern als Macht- und Verhandlungsräume. Deutschland sollte dort nicht lediglich ein „guter Schüler“ der internationalen Ordnung sein, sondern seine Interessen innerhalb dieser Ordnung vertreten. Dafür betrieb Stresemann eine bemerkenswert mehrdimensionale Diplomatie. Er arbeitete mit den Westmächten zusammen und hielt gleichzeitig die Beziehungen zur Sowjetunion aufrecht. Das war keine sentimentale Freundschaftspolitik, sondern der Versuch, Deutschland außenpolitische Bewegungsfreiheit zu sichern. Seine Diplomatie war bereit, Kompromisse mit politischen Gegnern einzugehen, wie mit Frankreich, ohne daraus automatisch eine dauerhafte Freundschaft abzuleiten. Dafür bekam er sogar gemeinsam mit dem französischen Außenminister Aristide Briand den Friedensnobelpreis.

Die heutige Bundesrepublik ist in vielerlei Hinsicht wesentlich stärker in internationale Institutionen eingebunden als die Weimarer Republik. Sie gehört zu den größten Beitragszahlern des UN-Systems und beteiligt sich an Friedensmissionen und internationalen Institutionen. Das Auswärtige Amt bezeichnet Deutschland ausdrücklich als verlässlichen Partner. Aber die heutige deutsche Außenpolitik formuliert ihre Politik häufig sehr stark aus der Perspektive von Regeln, Werten und Normen. Doch die Weltpolitik besteht nicht nur aus Regeln. Sie besteht auch aus Interessen, Macht, Abhängigkeiten und unterschiedlichen historischen Erfahrungen. Genau hier könnte Stresemanns Erfahrung wieder interessant werden.

Im Juni dieses Jahres musste Deutschland eine bemerkenswerte diplomatische Niederlage hinnehmen: Bei der Wahl für den UN-Sicherheitsrat 2027/28 scheiterte die es erstmals gegen die Kleinstaaten Österreich und Portugal. Deutschland hatte seine Kandidatur stark mit seinem Einsatz für eine regelbasierte internationale Ordnung, Völkerrecht und Multilateralismus begründet. Trotzdem entschieden sich die UN-Mitgliedstaaten in der entscheidenden Wahl gegen Deutschland. Die deutsche Diplomatie der 1920er Jahre verstand internationale Einbindung als Instrument, um aus einem isolierten Kriegssieger wieder einen handlungsfähigen Akteur zu machen. Deutschland ist heute in einer anderen Situation. Die Kriegsniederlage liegt Jahrzehnte zurück und es ist nicht mehr isoliert, sondern tief eingebunden und wirtschaftlich weltweit führend. Aber gerade deshalb muss es lernen, hieraus politischen Einfluss zu machen. Der Blick zurück nach Genf könnte dabei hilfreich sein.


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Kommentare

Peter Wendt am 15.09.26, 08:39 Uhr

Deutschland hatte zeitweise Persönlichkeiten in der Aussenpolitik, die langfristig denken konnten, teils sogar weise waren. In neuerer Zeit, z.B. Hans Dietrich Genscher. Dann kam Baerbock, ein Ausbund an Inkompetenz und Impertinenz die alles zerstörte was andere mühsam aufgebaut hatten. Der Schaden den Dummheit und Arroganz anrichtet ist dabei ungleich größer als das was ein Herr Genscher über viele Jahre an Positivem erreichte. Es gilt deshalb immer den Anfängen zu wehren, Blender und Nullen rechtzeitig auszusortieren. Es lebe die Auslese nach Qualifikation und Charakter. Die Quoten haben in Deutschland schrecklichen Schaden angerichtet.

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