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Ein erfrischend offenes Interview mit einem der erfolgreichsten Podcaster Ben Berndt und direkten, ungeschönten Antworten
Ben Berndt gehört mit seinem Podcast „{ungeskriptet}“ zu den erfolgreichsten seiner Zunft. Sein Prinzip klingt denkbar einfach: Menschen einladen, ihnen zuhören und sie reden lassen. Doch ausgerechnet dieses Prinzip hat ihn inzwischen mitten in eine gesellschaftspolitische Auseinandersetzung geführt. Nach seinem Gespräch mit dem AfD-Politiker Björn Höcke meldete sich die Landesanstalt für Medien Nordrhein-Westfalen bei Berndt. Der Vorwurf: Aussagen Höckes hätten eingeordnet werden müssen. Für Berndt geht es seitdem um weit mehr als eine einzelne Podcastfolge. Es geht um die Frage, wer in Deutschland bestimmen darf, was gesagt werden kann, welche Aufgabe Medien haben – und ob der Bürger noch selbst entscheiden darf, was er für richtig oder falsch hält. Die PAZ sprach mit ihm über Meinungsfreiheit, staatliche Medienaufsicht, den Erfolg alternativer Medien und die Frage, warum bloßes Zuhören plötzlich schon als Provokation empfunden wird.
Herr Berndt, Sie haben Ihrem Podcast inzwischen den Zusatz „Der Meinungsfreiheit verpflichtet“ gegeben. Ist Meinungsfreiheit für Sie das wichtigste Grundrecht?
Ich glaube, damit Demokratie überhaupt möglich ist, braucht es Meinungs-, Presse- und Versammlungsfreiheit. Aber wenn ich als Basis nicht sagen kann, was ich denke, dann brauche ich die anderen beiden eigentlich auch nicht. Wofür soll ich mich versammeln, wenn ich nicht sagen kann, was ich denke? Und was soll dann gedruckt werden? Meinungsfreiheit ist für mich deshalb eine absolute Grundlage dafür, wie man überhaupt als Mensch sein kann. Wenn ich nicht sagen kann, was ich denke – wer bin ich dann eigentlich? Bin ich dann einfach nur jemand, der existiert, atmet und isst, seine Gedanken aber nicht teilen darf? Es gibt dieses alte Lied: „Die Gedanken sind frei“. Frei zu denken, ist wichtig. Aber Reden und Denken sind eng miteinander verknüpft. Deshalb halte ich Meinungsfreiheit nicht nur für die Demokratie für wichtig, sondern auch für ein glückliches, freies Leben des einzelnen Menschen.
Hat Meinungsfreiheit für Sie Grenzen?
Natürlich kann man über Grenzen reden. Aber wo beginnen die? Wo fängt eine Beleidigung an? Mir geht es um etwas anderes: Ich würde diese Grenzen nicht von Themen, Meinungen oder politischen Positionen abhängig machen. Wenn jemand eine skurrile Meinung hat und sagt: „Jesus war ein Außerirdischer und die katholische Kirche ist ein Verband von Außerirdischen, der verhindern will, dass wir das rausfinden“, dann halte ich das zunächst für eine skurrile Meinung. Aber warum sollte ich sie verbieten, nur weil ich sie nicht teile? Irgendwo wird vielleicht jemand sagen: „Endlich hat es einer verstanden.“ Das muss eine freie Gesellschaft doch aushalten.“
Im Zweifel also lieber zu viel Meinungsfreiheit als zu wenig?
Ja. Ich glaube, dass das Böse, das passieren kann, wenn wir zu viel einschränken, viel größer ist als das Böse, das passieren kann, wenn wir zu wenig einschränken. Wenn wir uns das vergangene Jahrhundert und die großen Katastrophen ansehen – nicht nur in Deutschland, sondern auch in der Sowjetunion oder in China –, dann gab es bei diesen Katastrophen irgendwann keine Meinungsfreiheit mehr. Früher oder später wurde sie abgeschafft. Wenn wir also wissen, dass bei einigen der größten Katastrophen der Menschheitsgeschichte Meinungsfreiheit nicht existierte, sollten wir besser darauf achten, diesen Fehler nicht zu wiederholen. Meinungsfreiheit scheint mir ein Wert zu sein, der uns vor dem Schlimmsten bewahren kann.
Sie sehen Meinungsfreiheit auch als Instrument, um Erkenntnis zu ermöglichen, oder?
Absolut. Ich würde sogar den Vergleich mit einer Liebesbeziehung ziehen. Wenn beide sich frei die Meinung sagen können, können beide daraus lernen. Wenn einer sagt: „Ich glaube, du bist ganz schön dick geworden und irgendwie stört mich das“, dann ist das hart und eventuell verletzend. Aber ist es nicht besser, darüber einen Streit zu haben und vielleicht herauszufinden, was dahintersteckt, als gar nicht miteinander zu reden? Für mich ist die Wahrheit ein hohes, fast religiöses Gut. Und ich glaube nicht, dass irgendein Mensch die Wahrheit gepachtet hat, oder wirklich weiß, was die Wahrheit ist.
Und dazu braucht es möglichst viele unterschiedliche Perspektiven?
Genau. Sich der Wahrheit zu nähern bedeutet, unterschiedliche Perspektiven zuzulassen, sie abzuwägen und irgendwann zu sagen: Mir scheint es eher so zu sein als so. Und dann kommt vielleicht jemand und sagt: „Blödsinn. Du hast das und das nicht bedacht!“ Dann muss man darüber nachdenken. Menschen müssen offen sagen können: Ich sehe X, ich fühle Y, ich habe Z gehört. Dann gehen wir in den Austausch. Daraus können spannende Dinge entstehen. Ob in einer Liebesbeziehung, bei einer Gruppe von Ingenieuren oder im politischen Diskurs – das Prinzip ist immer dasselbe. Nur leben wir inzwischen in einer Zeit, in der das unüblich geworden ist. Und das finde ich verrückt.
Warum ist das unüblich geworden?
Das weiß ich selbst nicht genau. Vielleicht habe ich auch ein etwas paralleles Leben geführt. Für mich ist das, was ich mache, vollkommen normal. Ich stehe morgens nicht auf und denke: Heute musst du mutig sein. Ich bin einfach so, wie ich bin. Erst der Erfolg des Podcasts und die Reaktionen darauf haben mir gezeigt, dass offenbar etwas fehlt. Mir sagen viele Menschen: „Das ist ganz wichtig, was du machst.“ Nicht: „Mir gefällt dein T-Shirt“ oder „Du bist ein guter Typ“, sondern: „Es ist wichtig, was du tust.“ Manche sagen sogar: „Du gibst mir Hoffnung, dass noch nicht alles verloren ist.“
Was meinen diese Menschen damit?
Häufig erzählen sie mir, dass sie das Gefühl haben, von Menschen umgeben zu sein, mit denen sie bestimmte Dinge nicht mehr offen diskutieren können. Wenn sie sagen, was sie selbst sehen oder denken, werden sie untergebuttert oder möglicherweise aus einer Gruppe ausgeschlossen. Es scheint dann eine universelle Wahrheit zu geben, und wenn man davon abweicht, ist man eben ein Querdenker. Irre, denn dabei war Querdenker die längste Zeit positiv konnotiert. Unternehmen haben explizit Querdenker gesucht.
Sie haben auch in den USA gelebt. Hat das Ihren Blick auf Deutschland irgendwie verändert?
Aber sicher. Ich habe viele gesellschaftliche Veränderungen in Deutschland gar nicht unmittelbar mitbekommen. Gleichzeitig habe ich im Ausland viele amerikanische Podcasts gehört. Dort war die Auseinandersetzung mit dem Wokismus schon wesentlich weiter. Als ich nach Deutschland zurückkam, hatte ich teilweise das Gefühl, Entwicklungen zu erleben, die in den USA bereits einige Jahre vorher stattgefunden hatten. Ich habe vieles zunächst ignoriert, weil ich dachte: Das ist eh Quatsch, das setzt sich nicht durch.
Sie unterscheiden stark zwischen öffentlicher und veröffentlichter Meinung.
Das ist auch ein ganz entscheidender Unterschied. Ich nehme die deutsche Bevölkerung überhaupt nicht als besonders „woke“ wahr. Teile der Medien dagegen sehr stark. In der wirklichen Welt reagieren Menschen häufig vollkommen anders als das, was man medial erlebt. Es gab lange eine sehr laute Minderheit, die insbesondere online sehr präsent war. Aber inzwischen zeigt sich meiner Ansicht nach immer deutlicher, dass diese Minderheit eben nicht die Mehrheit der Bevölkerung ist.
Ändert sich das Gesellschaftsklima gerade?
Massiv. Ich glaube beispielsweise, dass das Wokismus-Thema zumindest in großen Teilen der Bevölkerung weitgehend vorbei ist. Gleichzeitig verändert sich politisch etwas. Wir leben in einer Zeit mit einer enormen politischen Unzufriedenheit. Das ist kein stabiler Zustand. Es wird sich etwas verändern müssen. Deshalb halte ich die gegenwärtige Zeit für historisch spannend. Ich frage mich manchmal: Was werde ich meinen Kindern später erzählen, wenn sie fragen, wie diese Jahre gewesen sind?
Sie sagen, Politik sei inzwischen im Alltag der Menschen angekommen.
Das ist ein entscheidender Punkt. Ich habe mich früher kaum mit Politik beschäftigt. Meine Haltung war: Politik hat wenig Einfluss auf mein Leben – warum sollte ich mich ständig damit beschäftigen? Inzwischen merke ich: Sie hat gewaltigen Einfluss. Und so politisch wie heute habe ich die Gesellschaft noch nie erlebt. Politik ist kein Randthema und auch kein intellektuelles Thema mehr. Sie ist für sehr viele Menschen emotional geworden. Das sehen wir auch an unserem Podcast. Politische Gespräche erzeugen ein enormes Engagement.
Ihr Talk mit Björn Höcke hat dabei eine Dimension erreicht, die weit über bisherige Reaktionen auf Ihre Sendungen hinausging.
Da muss ich etwas korrigieren, was medial immer wieder falsch dargestellt wird. Höcke hat unseren Podcast nicht groß gemacht. Das war ungefähr Folge 320. Wir waren vorher bereits der größte deutschsprachige Interview-Podcast, soweit wir das anhand der verschiedenen Plattformen messen können. Wir hatten schon vorher Millionen von Wiedergabestunden und Millionen Views. Das Höcke-Gespräch hat nur dazu geführt, dass wir für Teile der klassischen Medien plötzlich sichtbar wurden.
Warum funktionieren so lange Gespräche überhaupt? Drei oder vier Stunden Interview widersprechen doch eigentlich allen Regeln der modernen Aufmerksamkeitsökonomie. Wie kann das sein?
Weil es ein Überangebot an Medien gibt, aber offenbar ein Unterangebot an echten menschlichen Gesprächen. Vieles wirkt künstlich. Gleichzeitig gehen Menschen weniger in die Kneipe oder in den Fußballverein, sondern sitzen häufiger zu Hause. Vielleicht wollen sie deshalb das menschliche Gespräch auf den Bildschirm bekommen. Das ist übrigens kein deutsches und erst recht kein „Ben-Berndt-Phänomen“. Wenn wir uns die international erfolgreichen Podcasts ansehen, finden wir viele lange, nahezu ungeschnittene Gesprächsformate. Zwei Menschen sitzen an einem Tisch und reden miteinander. Das ist im Grunde alles.
Sie sehen sich also eher als Teil eines internationalen Medienwandels?
Genau. Es gibt einen globalen Megatrend weg von traditionellen Radio- und Fernsehsendern und von anonymen Medienmarken hin zu Personen. Die Menschen wollen wissen, wer etwas sagt. Sie wollen ein Gesicht dazu sehen. Und wenn sie etwas als Video sehen und hören können, ist das für viele leichter zu konsumieren, als einen langen Text zu lesen. Ich habe einfach das Glück, im deutschsprachigen Raum relativ weit oben auf dieser Welle zu surfen.
Trotzdem wehren Sie sich, als Journalist bezeichnet zu werden. Warum?
Weil ich nicht weiß, wann ich Journalist geworden sein soll. Wenn ich mit 18 gesagt hätte: ,Ich möchte Journalist werden', hätte man mir vermutlich erklärt: Du brauchst gute Noten, vielleicht eine Journalistenschule, musst dich bewerben, hart arbeiten, Volontariat machen und mit etwas Glück bekommst du irgendwann einen Job bei einer Zeitung. Ich habe nichts davon gemacht. Ich habe Menschen eingeladen und gesagt: Erzähl aus deinem Leben. Warum hast du das gemacht? Warum siehst du das so? So, wie Menschen seit ewig miteinander sprechen. Bei mir stehen eben nur Kameras und Mikrofone daneben.
Vermuten Sie hinter der Bezeichnung „Journalist“ eine strategische Absicht?
Teilweise ja. Denn plötzlich heißt es: Sie sind Journalist, also gelten für Sie bestimmte Regeln und Sorgfaltspflichten. Ich werde gewissermaßen ungewollt und ungefragt zum Journalisten befördert, damit man anschließend bestimmte Anforderungen an mich stellen kann. Das halte ich für schwierig. Ich bin also irgendwann abends als Nicht-Journalist ins Bett gegangen und offenbar am nächsten Morgen als Journalist wieder aufgewacht. Den genauen Tag habe ich allerdings verpasst. Das ist doch irre.
Genau das ist beim Streit mit der Landesanstalt für Medien Nordrhein-Westfalen entscheidend geworden? Wie begann diese Auseinandersetzung?
Mit einem Brief. Das Interessante war: Von ungefähr dreieinhalb Seiten beschäftigten sich meiner Erinnerung nach etwa drei Seiten damit, warum ich als Journalist zu behandeln sei. Vielleicht eine halbe Seite betraf den eigentlichen Vorwurf. Und wenn eine juristische Mitarbeiterin drei Seiten für die Frage benötigt, warum ich Journalist sein soll, und eine halbe Seite für den eigentlichen Vorwurf, dann frage ich mich natürlich: Was ist an diesem Schreiben eigentlich die wichtigste Botschaft?
Und wie lautete die Botschaft einer Landesmedienanstalt an Sie?
Sinngemäß so: ,Mein lieber Ben, wir sind jetzt für dich zuständig. Wir schauen, ob du alles richtig machst, und wir haben Möglichkeiten, auf dich einzuwirken.' So habe ich das gelesen. Der konkrete Anlass war eine Aussage Höckes, die ich nicht entsprechend eingeordnet hatte. Gleichzeitig entstand für mich daraus die Frage, ob ich künftig jede Aussage jedes Gesprächspartners überprüfen und einordnen müsste.
Und was würde das in letzter Konsequenz für Ihr Format bedeuten?
Der Sinn eines Gesprächs ist doch, dass ich jemanden einlade und frage: Was glaubst du? Was weißt du über dieses Thema? Ich möchte klüger aus einem Gespräch rausgehen, als ich reingegangen bin. Wenn ich aber jede Aussage meines Gegenübers unmittelbar als richtig oder falsch einordnen muss, dann muss ich ja bereits vorher viel mehr wissen als mein Gast. Nehmen wir einen Arzt, der seit 40 Jahren praktiziert und Tausende Patienten behandelt hat. Der äußert eine neue medizinische These. Ich bin kein Arzt. Warum sollte ausgerechnet ich in diesem Moment dem Publikum erklären können, ob das stimmt oder nicht? Das Gleiche gilt für einen Historiker wie Höcke einer ist, der über einen historischen Sachverhalt spricht. Wenn mein Gegenüber in seinem Fachgebiet eine Aussage macht und ich sie unmittelbar abschließend bewerten soll, müsste ich schlauer sein als der Gast. Dann könnte ich nur noch Menschen einladen, die weniger wissen als ich. Aber genau das Gegenteil ist der Sinn meines Podcasts.
Sie verwenden dabei den harten Begriff „Wahrheitsministerium“, wieso?
Weil ich die Vorstellung problematisch finde, dass eine Institution gewissermaßen sagt: Das stimmt und das stimmt nicht – und Sie hätten das während des Gesprächs richtigstellen müssen. Natürlich verstehe ich, dass es emotional aufgeladene Themen gibt. Aber das Grundproblem bleibt. Ein Expertengespräch dient doch dazu, etwas zu erfahren, was man vorher nicht wusste.
Ihre Reaktion auf das Schreiben war jedenfalls alles andere als defensiv.
Wir haben mit anwaltlicher Unterstützung seitens des Anwalts Joachim Steinhöfel sehr deutlich geantwortet. Und dann habe ich mir zusätzlich den Slogan „Der Meinungsfreiheit verpflichtet“ genommen. Den habe ich auf dem Briefbogen der NRW-Landesmedienanstalt gesehen. Ich fand die Ironie einfach zu groß. Seitdem heißt es bei uns „{ungeskriptet} – der Meinungsfreiheit verpflichtet“. Passt perfekt.
Haben Sie inzwischen wieder von der Anstalt gehört?
Zum Zeitpunkt unseres Gesprächs nicht. Die Frist für unsere Antwort war meines Wissens der 30. Juni, und seit mehreren Wochen haben wir nichts mehr gehört. Warten wir mal ab.
Sie sagen, dass Sie diesen Konflikt notfalls sehr weit führen würden, richtig?
Unbedingt. Ich streite mich eigentlich ungern. Aber dieses Thema ist mir sehr wichtig, weil ich dabei nicht nur für mich streite. Ich habe eine große Reichweite und die Ressourcen, um mich zu wehren. Viele kleinere YouTuber oder Podcaster können das nicht. Wenn dort ein entsprechender Brief kommt, kann allein die juristische Auseinandersetzung schnell fünfstellig und bei einem größeren Verfahren auch sechsstellig werden. Viele können sich das schlicht nicht leisten und knicken ein. Deshalb sage ich jetzt: Game on. Ihr habt angefangen.
Nach Ihrem Höcke-Gespräch gab es Forderungen, Werbekunden sollten sich von Ihnen distanzieren. Gleichzeitig wurde über stärkere Regeln für reichweitenstarke Online-Angebote diskutiert. Sehen Sie darin einen konkreten Zusammenhang?
Die zeitliche Abfolge fand ich zumindest bemerkenswert. Unser Podcast ging online, dann gab es die große öffentliche Diskussion. Saskia Esken veröffentlichte einen Aufruf, bei dem es auch um Werbekunden ging. Wenige Tage später schrieb Kulturstaatsminister Weimer in der „Welt“ darüber, dass die Landesmedienanstalten künftig stärker auf reichweitenstarke YouTuber schauen sollten. Ich war dort nicht namentlich genannt. Ob das alles unmittelbar zusammenhängt, kann ich nicht beweisen. Aber natürlich beobachte ich solche Entwicklungen sehr aufmerksam.
Besonders kritisch sehen Sie Überlegungen, Plattformen stärker zur Bevorzugung bestimmter als qualitativ eingestufter Angebote zu bewegen.
Ja, weil die Algorithmen für unsere Reichweite enorm wichtig sind. Die meisten Views entstehen nicht dadurch, dass Menschen morgens aufstehen und gezielt unseren Kanal öffnen. Vielmehr sagt YouTube ihnen: „Schau mal, hier ist ein neues Video.“ Der Algorithmus entscheidet also wesentlich mit, was überhaupt gesehen wird. YouTube ist unter anderem deshalb so erfolgreich, weil die Plattform sehr gut darin geworden ist, jedem Nutzer Dinge vorzuschlagen, die ihn interessieren. Wenn der Staat beginnt, bei diesen Empfehlungen anhand eigener Qualitätskriterien mitzuwirken, halte ich das für sehr problematisch.
Einer Ihrer Zuschauer schrieb einmal, Sie seien „wie früher in der DDR das Westfernsehen“. Was löst ein solcher Vergleich bei Ihnen aus?
Ich fand das als Bild überaus interessant. Denn theoretisch könnte eine Entwicklung irgendwann dahin führen, dass bestimmte Inhalte nicht verboten werden, aber schwerer auffindbar sind. Vielleicht findet man eine Folge dann nur noch über einen direkten Link. Vielleicht wird die Monetarisierung erschwert. Wir haben in den vergangenen Jahren erlebt, dass Plattformen Inhalte gelöscht, Livestreams abgebrochen oder bestimmte Inhalte in ihrer Reichweite eingeschränkt haben. Deshalb sollte man solche Mechanismen ernst nehmen.
Haben Sie Angst, dass Ihr Geschäftsmodell so irgendwann unmöglich wird?
Angst ist das falsche Wort. Ich versuche, mich dagegen zu wappnen. Wo Nachfrage besteht, kann ein Anbieter normalerweise auch ein Angebot schaffen. Aber man muss wach sein. Ich glaube nicht, dass ich meinen Podcast die nächsten 20 Jahre vollkommen unverändert machen kann und rein gar nichts passieren wird. Es wird wahrscheinlich immer wieder staatliche, regulatorische Versuche geben, Einfluss zu nehmen. Darauf muss man vorbereitet sein.
Das klingt erstaunlich gelassen.
Ich versuche, das Ganze sportlich zu sehen. Ich möchte mich nicht jeden Morgen hineinsteigern und denken: Um Gottes willen, morgen geht die Welt unter – in was für einer schrecklichen Welt müssen meine Kinder leben? Ich sehe es eher als Spiel. Man muss aufpassen, dass man bei großer öffentlicher Aufmerksamkeit seine mentale Stabilität behält und nicht irgendwann abdreht. Das passiert durchaus. Deshalb versuche ich, diese Welle möglichst entspannt zu surfen. Nicht ständig denken: Das ist jetzt die Killerwelle! Ganz piano. Offenes Visier. Schauen wir, was passiert.
Noch einmal zurück zu einem Vorwurf, der Ihnen nach dem Höcke-Talk gemacht wurde. Haben Sie ähnlich kontroverse Gesprächspartner aus dem linken oder grünen Spektrum eingeladen?
Natürlich. Jan van Aken von den Linken war bei mir, Ricarda Lang von den Grünen war da, Melanie Amann war da. Ich hatte Mörder bei mir, Hells Angels, Zuhälter. Ich habe mit vollkommen unterschiedlichen Menschen gesprochen. Und wenn man sich unsere erfolgreichsten Folgen ansieht, erkennt man genau das. Da findet man Höcke, einen migrantischen Comedian, einen Shaolin-Mönch, eine Wahrsagerin – vollkommen unterschiedliche Welten. Deshalb ärgert mich diese Darstellung, „{ungeskriptet}“ sei im Grunde ein rechtspopulistisches Projekt. Das entspricht überhaupt nicht dem Programm und nicht der Wahrheit.
Trotzdem funktionieren bestimmte politische Gäste derzeit extrem gut.
Natürlich. Aber doch nicht wegen mir. YouTube ist in dieser Hinsicht ein sehr demokratisches Medium. Es liefert den Menschen aus, was sie sehen wollen. Das ist auch ein interessanter Unterschied zum linearen Fernsehen. Wenn dort um 20 Uhr etwas läuft, schaltet eine bestimmte Zahl Menschen ein. Auf YouTube muss jemand ein konkretes Video tatsächlich sehen wollen. Wir haben auch versucht, Themen zu bringen, die öffentlich-rechtliche Medien sehr stark beschäftigen. Manche davon funktionieren bei uns überhaupt nicht. Andere Gäste erzeugen dagegen unglaubliches Interesse. Daran kann man zumindest erkennen, welche Themen die Menschen tatsächlich freiwillig anklicken.
Ihr Erfolgsrezept besteht also darin, jemanden hinzusetzen und ihn einfach reden zu lassen?
Im Grunde ja. Bei einem Politiker hatte ich zuvor gehört, dass er in einer Fernsehsendung ständig unterbrochen worden sei. Also habe ich ihn eingeladen und einfach nicht unterbrochen. Ich habe gesagt: Erzähl. Das war's.
Kritiker sehen genau darin das Problem: Sie ließen Menschen monologisieren.
Böse Zungen sagen das, ja. Aber für mich ist das völlig in Ordnung. Ich sehe meine Rolle nicht als politische Opposition gegen irgendjemanden und auch nicht als klassischen kritischen Journalismus. Ich lade Menschen ein, die ich spannend finde. Ich sitze hier und höre ihnen zu. Das ist mein Format.
Ist Zuhören damit zu einem politischen Statement geworden?
Mittlerweile vielleicht. Aber für mich fühlt es sich nicht so an. Das ist ja das Verrückte. Das ist Kindergeburtstag. Zwei Menschen setzen sich an einen Tisch. Wir unterhalten uns. Kameras stehen dabei und nehmen das Gespräch auf. Fertig! Das ist alles. Ich bin nämlich nicht der großartigste Journalist oder der genialste Interviewer. Der kanadische Psychologe Jordan Peterson hat einmal gesagt: „Wenn du auf einer Welle surfst, verwechsle dich nicht mit der Welle.“ Das finde ich einen guten Gedanken. Denn es gibt derzeit eine riesige gesellschaftliche und mediale Welle.
Was sagt es über unsere Gesellschaft aus, wenn Zuhören zu einem derart erfolgreichen Medienmodell wird?
Vielleicht, dass Menschen genau danach eine große Sehnsucht haben. Sie wollen wieder zuhören. Sie wollen einen Menschen drei Stunden reden hören und danach selbst entscheiden: Finde ich den überzeugend? Hat er bei einem Punkt recht und beim nächsten vollkommen unrecht? Das muss doch möglich sein.
Und schon sind wir wieder bei der Meinungsfreiheit. Ich glaube nicht, dass irgendjemand von uns die Wahrheit besitzt. Wir können uns ihr nur annähern. Dafür müssen wir möglichst viele Perspektiven hören dürfen. Wenn wir anfangen festzulegen, welche Perspektiven ausgesprochen werden dürfen und welche nicht, verlieren wir etwas sehr Grundsätzliches. Meinungsfreiheit ist deshalb für mich nicht irgendein abstraktes politisches Recht. Sie ist die Voraussetzung dafür, dass Menschen miteinander leben, voneinander lernen und sich überhaupt als freie Menschen begegnen können.
Danke für das großartige Gespräch!