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Ferne Probleme: Palästinensischer Demonstrant bei Unruhen am ersten Jahrestag des Hamas-Massakers in New York 2024
Bild: picture alliance / NurPhoto | Meir ChaimowitzFerne Probleme: Palästinensischer Demonstrant bei Unruhen am ersten Jahrestag des Hamas-Massakers in New York 2024

Enge Bande über den Atlantik

Wie der Nahe Osten die USA verändert

Zahlreiche Doppelstaatler: Für viele Amerikaner ist der Palästina-Konflikt mehr als nur Außenpolitik

Bodo Bost
03.10.2026

Wenn in Washington über Israel und Palästina gesprochen wird, erscheint der Nahostkonflikt gewöhnlich als ein außenpolitisches Problem der Vereinigten Staaten. Doch diese Perspektive wird der Realität immer weniger gerecht. Der Konflikt im Westjordanland, in Gaza und in Israel ist inzwischen auch ein Konflikt, der mitten durch die amerikanische Gesellschaft verläuft.

Ein bemerkenswertes Beispiel dafür ist die palästinensische Stadt Turmus Ayya im Westjordanland. 80 Prozent ihrer Einwohner besitzen die amerikanische Staatsbürgerschaft. Für viele Familien ist Amerika nicht nur ein ferner politischer Verbündeter oder Gegner, sondern ein zweites Heimatland. Wenn diese Menschen von Gewalt, Angriffen oder politischen Entscheidungen betroffen sind, stellt sich eine besondere Frage: Was bedeutet amerikanischer Bürgerschutz, wenn amerikanische Staatsbürger auf beiden Seiten eines Konflikts stehen? Diese Frage erhielt neue Aktualität, als der amerikanische Botschafter in Israel, Mike Huckabee, Turmus Ayya besuchte.

Der Besuch war symbolisch bedeutsam. Denn der US-Diplomat traf dort nicht einfach „Palästinenser“, sondern in erheblichem Umfang auf Menschen, die zugleich amerikanische Staatsbürger sind, auch wenn sie immer noch palästinensische Trachten tragen. Damit wird eine Entwicklung sichtbar, die in der internationalen Berichterstattung oft unterschätzt wird: Das Westjordanland ist nicht nur ein Konfliktraum zwischen Israelis und Palästinensern. Es ist zunehmend auch ein Raum, in dem amerikanische Identitäten, Pässe, Familien und politische Loyalitäten aufeinandertreffen.

Manche leben in beiden Ländern

Auf der einen Seite stehen palästinensisch-amerikanische Gemeinden wie Turmus Ayya. Auf der anderen Seite gibt es israelische Siedlungen und religiöse Gemeinschaften, wie Gush Emunim oder Tekoa, deren Bewohner oder Unterstützer in der Mehrheit ebenfalls enge familiäre und politische Verbindungen in die Vereinigten Staaten unterhalten.

Manche besitzen die amerikanische Staatsbürgerschaft, andere leben sogar zeitweise in beiden Ländern oder gehören zu Familien, deren wirtschaftliches, religiöses und politisches Leben sich zwischen New York, Jerusalem und dem Westjordanland bewegt.

Gleichzeitig zeigt ein Ereignis in Washington, wie komplex das Verhältnis zwischen Amerika, dem Judentum und Israel inzwischen geworden ist. Präsident Donald Trump empfing kürzlich eine Delegation führender chassidischer Rabbiner und Vertreter orthodoxer Gemeinschaften aus New York und New Jersey. Unter ihnen befanden sich auch Vertreter der Satmarer, Vishnitzer sowie anderer großer chassidischer Gruppen.

Das Treffen war historisch, weil eine solche Zusammenkunft im Weißen Haus seit Jahrzehnten nicht mehr stattgefunden hatte. Doch seine politische Bedeutung liegt nicht allein darin, dass ein amerikanischer Präsident orthodoxe jüdische Führer empfängt. Denn die chassidische Welt in den Vereinigten Staaten ist keineswegs politisch oder ideologisch einheitlich. Gerade die Satmarer stehen traditionell für eine religiös begründete Distanz oder sogar Opposition zum politischen Zionismus. Gleichzeitig sind sie eine der größten und sichtbarsten jüdischen Gemeinschaften Amerikas.

Die Chassiden und Israel

Damit entsteht eine bemerkenswerte Konstellation: Ein ausgesprochen pro-israelischer US-amerikanischer Präsident empfängt Vertreter einer Gemeinschaft, deren Verhältnis zum Zionismus traditionell wesentlich komplizierter ist als das vieler anderer jüdischer Organisationen in den USA.

Das Zentrum dieser Geschichte liegt unter anderem in einem kleinen Ort im Bundesstaat New York: Kiryas Joel. Kiryas Joel wurde Ende der 1970er Jahre als Gemeinde der Satmarer gegründet und entwickelte sich zu einer außergewöhnlichen, chassidischen Stadt. Tausende Familien leben dort in einer Umgebung, in der Jiddisch, eine sonst fast ausgestorbene mittelhochdeutsche Sprache, für 80 Prozent der Menschen die Sprache des täglichen Lebens ist.

Sie bewegen die Politik im Land

Amerika gilt als Land der Integration, der englischen Sprache und der politischen Individualität. Doch nur wenige Kilometer vom Big Apple, von Manhattan entfernt existiert eine hochgradig eigenständige Gemeinschaft, deren religiöses und sprachliches Leben bewusst eine andere kulturelle Welt bewahrt. Dennoch gehören ihre Mitglieder zur amerikanischen politischen Landschaft und können bei Wahlen und politischen Entscheidungen erheblichen Einfluss ausüben.

Immer mehr Menschen tragen mehrere politische und kulturelle Identitäten gleichzeitig. Sie sind amerikanische Staatsbürger und Palästinenser. Amerikaner und israelische Siedler. Amerikaner und chassidische Juden. Sie wählen in den Vereinigten Staaten, leben aber mit den Folgen politischer Entscheidungen im Nahen Osten. Oder sie leben in New York und verfolgen Entwicklungen in Jerusalem und im Westjordanland nicht als Außenpolitik, sondern als Familiengeschichte.

Der Nahostkonflikt ist deshalb für die Vereinigten Staaten längst mehr als eine Frage von Diplomatie, Militärhilfe oder internationalen Verhandlungen. Nicht nur Washington beeinflusst den Nahen Osten. Der Nahe Osten verändert auch Amerika.


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