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Sieht nicht aus wie Plattenbau, ist aber einer: Splanemann-Siedlung. Martin Wagner, Architekt aus Königsberg, überzeugte einst den Reichsbund für die neue Bauweise
Bild: ShutterstockSieht nicht aus wie Plattenbau, ist aber einer: Splanemann-Siedlung. Martin Wagner, Architekt aus Königsberg, überzeugte einst den Reichsbund für die neue Bauweise

Ein ostpreußischer Architekt entwickelte die modulare Bauweise

Das erste Leben in der Platte

Für die Splanemann-Siedlung wurden vor 100 Jahren erstmals in Deutschland Betonplatten im Wohnungsbau verwendet. Mit dem Sewanviertel wurde vor 60 Jahren die erste Großsiedlung der Hauptstadt der DDR fertiggestellt.

Steffen Adam
13.09.2026

Gegenüber der Eingangsseite des Berliner Tierparks Friedrichsfelde liegen, beidseitig der heutigen Sewan- und früheren Hans-Loch-Straße, zwei Siedlungen, die nach dem ersten, flüchtigen Eindruck offenbar keine Gemeinsamkeiten verbinden.

Die größere der beiden ist das in den sechziger Jahren des letzten Jahrhunderts errichtete heutige Sewan- und frühere Hans-Loch-Viertel – die erste Großsiedlung der Hauptstadt der DDR. Mit den typischen Fugen zwischen den Betonplatten repräsentiert sie eine klassische Großtafel- oder Plattenbausiedlung, wie man sie aus dem gesamten Ostblock zu kennen glaubt – auch wenn der Westen zu gleicher Zeit mit identischen Baukonstruktionen aufwarten konnte.

Wie ein Kontrapunkt wirkt dazu die rund vierzig Jahre ältere Siedlung mit ehemals 138 Wohneinheiten in zwei- und dreigeschossigen Häuserblöcken, die um einen Innenhof gegliedert sind. Die Häuser wurden in freundlichem Rot bzw. einem sehr lichten Himmelblau verputzt. Mit ihren risalitartigen Eingängen folgen ihre Geschossbauten einer expressionistisch-konservativen Architekturauffassung. Diese Anmutung war gewollt.

Konservative Ästhetik auf modernem Fundament

Unter dem Putz verbergen sich indes ebenfalls Beton-Großtafeln. Die seit 1951 nach dem Kommunisten Herbert Splanemann benannte ehemalige Kriegerheimsiedlung zeugt von der ersten Verwendung von Betonplatten im Wohnungsbau.

Nach der Hyperinflation des Jahres 1923 hatte sich der Reichsbund der Kriegsbeschädigten, Kriegsteilnehmer und Kriegerhinterbliebenen zum Bau einer Kriegsversehrtensiedlung auf dem ehemaligen Laubengelände am damaligen Triftweg entschlossen. Mit Wilhelm Primke und Jakob Goettel wurde um 1925 ein traditionelles Architekturbüro verpflichtet, das eine ebenso traditionelle Architektur aus herkömmlichem Mauerwerk lieferte. Dann aber war Martin Wagner, ein Architekt aus Königsberg, an den Reichsbund herangetreten und hatte mit einer „neuen“ Bauweise erhebliche Einsparungen bei den Baukosten in Aussicht gestellt.

Das Wort des Ostpreußen hatte Gewicht: Zusammen mit dem Gewerkschafter August Ellinger hatte Wagner 1919 die Sozialen Baubetriebe gegründet und daraus die deutschlandweit agierende Bauhüttenbewegung ins Leben gerufen. Finanziert vom Allgemeinen Deutschen Gewerkschaftsbund (ADGB) und dem Allgemeinen freien Angestelltenbund (AfA-Bund) waren ab 1920 die Freien Baustoffbetriebe hinzugekommen.

Dann aber sozialisierten Ellinger und Wagner ab 1924 durch den Verbund von reichsweit tätigen Wohnungsunternehmen zum gemeinnützigen Kleinwohnungsbau die Bauherrschaft. Von diesen Unternehmungen ist besonders die Gemeinnützige Heimstätten-, Spar- und Bau-Aktiengesellschaft (GEHAG) mit ihrem Chefarchitekten Bruno Taut bis heute im Bewusstsein geblieben, weil schon eines von deren ersten Projekten, die Hufeisensiedlung im Berliner Ortsteil Britz des Bezirks Neukölln, heute zum Welterbe der UNESCO gehört.

Gewerkschaftlicher Starrsinn bremste den Fortschritt

Allerdings hatte die GEHAG bei aller progressiven Architektur für Wagner auch einen Schönheitsfehler. Die richtungsweisend neue Baukunst konnte die GEHAG nur in Städtebau, Grundrissen und Ansichten verwirklichen. Bei der Baukonstruktion gab ein wesentlicher Gründungsaktionär, der Vorsitzende des Deutschen Baugewerksbundes – einer der Vorgängerorganisationen der heutigen Industriegewerkschaft Bauen-Agrar-Umwelt (IG BAU), Friedrich Paeplow, vor: „Aussehen könne es, wie es wolle, aber der deutsche Arbeiter mauere Ziegelstein auf Ziegelstein.“

Wenn Wagner also Bauablauf und Baukonstruktion ebenso modernisieren wollte wie die Gestaltung, dann musste er sich nach Auftraggebern außerhalb der GEHAG umsehen. Da kamen die Wohnungsbauambitionen des Reichsbundes gerade recht.

Preußischer Blick über den Atlantik

Wagner hatte 1924 eine Studienreise in die USA unternommen. Dabei lernte er eine kostensparende Baukonstruktion kennen, die der Architekt Grosvenor Atterbury ab 1902 entwickelt hatte. 1913 realisierte Atterbury diese in verbesserter Form in Forest Hills Gardens, einer Gartenstadt in Queens, New York City. Wirklich neu war die Verwendung von Großtafeln aus bewehrtem Beton im Wohnungsbau indes nicht.

Schon 1875 erprobte der britische Bauunternehmer W. H. Lascelles eine Blockbauweise, in der die bewehrten Elemente Abmessungen von 61 mal 91 mal vier Zentimetern hatten. 1878 erhielt er zusammen mit dem englischen Architekten Richard Norman Shaw eine Goldmedaille auf der Weltausstellung in Paris. Der US-Oberst Robert Aiken verbesserte während des Spanisch-Amerikanischen Krieges 1898 ein System für geschosshohe Betonplatten. Schließlich patentierte der Pariser Architekt Édouard Bérard 1908 ein Konstruktionssystem aus vorgefertigten Betonteilen in einer Kombination aus Stabwerk mit flächigen Füllungen.

Das Konstruktionsprinzip Atterbury wurde durch den niederländischen Ingenieur und Patentinhaber Johan Bron weiter optimiert. Der holländische Architekt Dick Greiner realisierte es 1921 im Betondorp, Amsterdam-Oost, erstmals in Europa.

Wagner kannte alle diese Baustellen. Er gründete 1925 die Occident Deutsche Bauindustrie, G.m.b.H. als Tochterfirma der Berliner Bauhütte, die auf Grundlage des holländischen Patents, System Bron, zukunftsweisende Plattenbausiedlungen errichten sollte.

Beim Reichsbund der Kriegsbeschädigten, Kriegsteilnehmer und Kriegerhinterbliebenen war man begeistert und wies die Architekten Primke und Goettel an, die Genehmigungsplanung zügig zu ändern und sich mit der Detail- und Ausführungsplanung möglichst zu beeilen.

Die Geburtsstunde des Schnellbaus

Offenbar hat das funktioniert, denn schon am 2. April 1926 konnte die Fachzeitung „Der Bauingenieur“ der Fachwelt zwei Fotos präsentieren. Eines zeigt das Versetzen der Betonplatten mittels Portalkran, das andere den fertigen Rohbau. Es war, wie der Titel der kurzen Mitteilung lautete, in der Tat „Ein neues Schnellbauverfahren“.

Beidseitig der geplanten Wohnhäuser wurden die erforderlichen Betonplatten waagerecht in Stahlrahmen mit Bewehrung gegossen. Dabei setzte man für die äußere Schicht einen wasserdichten Kiesbeton, für die innere einen Schlackenbeton ein. Der Stahlrahmen sorgte dafür, dass das nach zehn Tagen abgebundene Bauteil mit einem Portalkran an seine endgültige Position gehoben und dort über Ösen verankert werden konnte. In den Abmessungen der Betonplatten war man auf die Tragfähigkeit des Hubgerätes angewiesen. Diese lag bei 7,5 Tonnen. Daher war es lediglich möglich, geschosshohe Platten bis zu einer Größe von 40 Quadratmetern herzustellen. Die Aussparung von Türen und Fenstern ermöglichte eine dringend erforderliche Gewichtsersparnis. Die Decken und Dachstühle der Siedlung wurden konventionell als Giebel- bzw. Satteldach in Holz ausgeführt. Die notwendigen Dachgiebel musste man offenbar noch mauern.

Dreh- und Angelpunkt war die Technik auf der Baustelle. Die Grundlagen – Portalkräne, Raupenbagger, Förderbänder – alles das gab es schon, war aber der Wirklichkeit auf dem Bauplatz nur bedingt gewachsen und erforderte eine Logistik, mit der die Akteure kaum Erfahrung hatten. Wagner resümierte: „Vorfertigung und Montageprozess waren inkonsequent, die Seriengröße zu klein, die städtebauliche Lösung zu steif, der Portalkran zu unbeweglich und die Platten zu schwer.“

Plattenbau à la DDR

Ganz anders sah es 40 Jahre später aus: Auf einer 80 Hektar großen Fläche wurden mit Erfolg im damaligen Hans-Loch-Viertel zirka 5.000 Wohneinheiten für etwa 15.000 Einwohner nach Entwürfen der Kollektive Werner Dutschke und Gerd-Heinz Brüning (Städtebau), Leopold Wiel, Günther Kabus, Wolfgang Radtke, Gerhard Hoelke (Hochbau) und Heinz Peldszus (Grünplanung) realisiert. Das Viertel besteht überwiegend aus viergeschossigen Wohnzeilen aus geschosshohen Großplatten vom Typ QX aus der Wohnungsbauserie Q3A.

Die Vorfertigung im Bauwesen ist heute als serielles oder modulares Bauen zur Senkung der Baukosten gerade im Wohnungsbau viel diskutiert. Neben Beton wurden und werden auch andere Baustoffe auf systematische Verwendung geprüft und für gut befunden. Es kommt darauf an, was man aus den Erkenntnissen für künftige Planungen ableitet.


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