21.04.2026

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Start der neuen PAZ-Serie

Denk mal wieder ans Denkmal

Ihr Bedeutungswandel und ihre geistige sowie physische Demontage – in Monumenten stecken Geschichten voller Geschichte

Prof. Ingo v. Münch
07.03.2026

Fast täglich gehen wir an ihnen vorüber. Gedankenlos, ohne große Beachtung. Und dennoch sind sie da: stumme Zeugen von Geschichte, Tragödien, Heldentum, Siegen und Triumphen. Denkmäler prägen Plätze und Landschaften in aller Welt, erzählen von Ruhm und Schuld, von Erinnerung und Vergessen. Manche mahnen, andere verherrlichen, wieder andere geben Rätsel auf. In dieser neuen PAZ-Serie begeben wir uns auf Spurensuche. Der Autor führt zu bekannten und vergessenen Monumenten, erzählt ihre Geschichten, all die Streitpunkte und geht dabei ebenso der wichtigen Frage nach, was sie uns heute noch sagen ...

Der Zweite Weltkrieg hinterließ unzählige Tote, Verletzte, Flüchtlinge, Vertriebene, Vermisste, Ruinen. Doch kann eine Ruine auch ein Denkmal sein? Die Antwort ist ja, wie zwei – von nicht wenigen – Beispielen zeigen: Die Ruine der Kirche St. Nikolai in Hamburg als Denkmal gegen die Luftangriffe auf die Stadt und das von der NATO 1990 bombardierte Hauptquartier der serbischen Armee in Belgrad. Wie aktuell ein Denkmal in seiner Wirkung und in seinem Dasein ist, zeigt folgende Episode: Der unter Denkmalschutz stehende als „Generalstab“ bezeichnete Belgrader Gebäudekomplex sollte übrigens zugunsten eines von US-Präsident Donald Trumps Schwiegersohn Jared Kushner geplanten Immobilienobjekts – einem weiteren klobig-protzigen „Trump-Tower“ – abgerissen werden, was jedoch im Jahr 2025 heftigste Proteste der Belgrader Bevölkerung zum Glück verhinderten.

Entwicklungsgeschichtlich gesehen stammt das Wort „Denkmal“ aus einer Zusammensetzung von „denken“ (= sich erinnern) und „Mal“ (= Zeichen). Konkret geht es also um ein Zeichen der Erinnerung. Deshalb überrascht es auch nicht, dass das Wort „Denkmal“ auch in weitgehender Bedeutung gebraucht wird, etwa wenn Albert Schweitzer sagt: „Das schönste Denkmal, das ein Mensch bekommen kann, steht in den Herzen seiner Mitmenschen.“ Von Goethe stammt der Satz: „Briefe gehören zu den wichtigsten Denkmälern, die der einzelne Mensch hinterlassen kann.“ Über den Bereich des Individuums hinaus bieten sich für das Erinnern vielfältige Möglichkeiten, etwa die namentliche Benennung von Straßen, Plätzen, Museen, Hochschulen, Unternehmen, Stiftungen sowie Informationstafeln und anderes mehr.

Monumente kollektiver Identität
Der Denkmalsbegriff im eigentlichen Sinn ist allerdings enger: Das jedenfalls in der europäischen Denkmaltradition typische und häufige Werk ist ein sichtbares – im Fall von Bauwerken oder ganzen Stadtteilen begehbares – Monument im öffentlichen Raum, also eine Erscheinung dessen, was auch als „Kunst im öffentlichen Raum“ bezeichnet wird. Soweit es dabei um eine ehrende Erinnerung an eine bestimmte Person oder um eine allegorische Darstellung (z.B. Figur des Roland für Recht, Figur der Frau mit Waage für Gerechtigkeit) handelt, wird das Denkmal in der Regel als Nachbildung geschaffen.

Traditionelles Material für die Herstellung solcher Denkmäler war Stein – weil überall reichlich vorhanden und (anders als z. B. Bronze) verhältnismäßig leicht zu bearbeiten. Der Literaturwissenschaftler Manfred Schneider erinnert in diesem Zusammenhang in seiner Abhandlung „Wenn Menschen fallen und Werte taumeln“ an die altrömische Erkenntnis: „Saxa loquuntur“ (= Steine sprechen). Unübersehbare Beispiele für steinerne Denkmäler sind der „Arc de Triomphe“ in Paris, die „Siegessäule“ in Berlin und die „Paulskirche“ in Frankfurt am Main.

Die genannten Beispiele sind weniger Aufforderungen zum Erinnern der Einzelnen als Momente kollektiver Identität. Es geht um kollektives Bewusstsein (ein Forschungsgebiet von Aleida Assmann), wofür die Gedenkstätte Yad Vashem in Israel und die Stelen in der Mitte von Berlin an herausragender Stelle stehen.

Ungeschützt vor Verfall und Beseitigung
Auch die Denkmalkultur per se unterliegt Wandlungen. Am Beispiel des Löwendenkmals in Luzern, errichtet zum Gedenken an die in Paris während der französischen Revolution bei der Verteidigung der Monarchie in „Treue und Tapferkeit“ getöteten Schweizer Soldaten, schreibt der Schweizer Historiker Georg Kreis unter der Überschrift „Das traurigste und bewegendste Stück Stein der Welt“: „Innerhalb von 200 Jahren wurde das Löwendenkmal vom reaktionären Manifest zum unpolitischen Touristenmagnet.“

Der Wandel in der Denkmalkultur zeigt sich auch im Zurückdrängen glorifizierter einzelner Kriegshelden zugunsten von Kriegsmaterial: In Berlin dient dafür ein ausgemusterter Panzer des sowjetischen legendären Typs T 34, während in Kiew ausgebrannte russische Panzer als Denkmäler zur Schau gestellt werden.

Die Errichtung von Denkmälern ist, was ihre Bestandsdauer betrifft, kein bloßes „Termingeschäft“: Steinerne Denkmäler sollen eigentlich unbefristet Zeiten überdauern. Diesem Anliegen dient in der Moderne das juristische Instrument der Unterschutzstellung wie auch die vielfältigen Aktivitäten staatlicher Stellen und nichtstaatlicher Organisationen auf dem Gebiet des Denkmalschutzes; zu nennen sind hierzulande vor allem die segensreiche Tätigkeit der Deutschen Stiftung Denkmalschutz und das von ihr herausgegebene Magazin für Denkmalkultur in Deutschland „Monumente“ sowie beispielsweise die Freunde der Preußischen Schlösser und Gärten e.V.

Dennoch sind selbst steinerne Denkmäler nicht vor Verfall oder Beseitigung geschützt. Schon für das Gemeinschaftsleben im 3. und beginnenden 2. Jahrtausend vor Chr. konnte festgestellt werden, dass Stelen „eine beschränkte Lebensdauer hatten – sie wurden nach einer Weile bewusst zerbrochen und als Baumaterial wiederverwendet“.

Im derzeitigen beginnenden 3. Jahrtausend nach Chr. werden Denkmäler regelmäßig nicht zur Gewinnung von Baumaterial abgetragen, sondern sie werden aus anderen Gründen beseitigt oder angegriffen. Die Motive für einen Denkmalsturz sind vielfältig; einstige Wertschätzung kann in Missbilligung umschlagen, oder es ändern sich einfach die politischen Verhältnisse. So ließ der Bürgermeister des 6. Prager Bezirkes, in welchem die russische Botschaft ihren Sitz hat, im Zuge der tschechisch-russischen Spannungen im Jahre 2020 das Denkmal des einst als Befreier von Prag gefeierten sowjetischen Marschall Konew entfernen. Entfernt worden ist, auf Drängen der Leitung der University of Hongkong, die auf deren Campus 1997 – kurz vor der Rückübertragung der bis dahin britischen Kronkolonie Hongkong an die Volksrepublik China – aufgestellte „Säule der Schande“. Die von dem dänischen Bildhauer Jens Galschiot geschaffene acht Meter hohe und zwei Tonnen schwere Betonskulptur sollte an die Opfer des Massakers auf dem Tiananmen-Platz von 1989 erinnern und gilt als das einzige öffentliche Denkmal für die chinesische Demokratiebewegung auf chinesischem Boden.

Gestürzt, weil sich der Zeitgeist änderte
Missfallen an Denkmälern nährt sich aber nicht nur aus jeweils aktuellen politischen Beweggründen, sondern resultiert neuerdings öfter aus Forderungen der Political Correctness und Cancel-Culture. Unter der Überschrift „Die westliche Gesellschaft spaltet sich selbst“ schreibt der ehemalige Mitherausgeber der „ZEIT“, Josef Joffe, aus den USA: „Was darf gesagt werden, was ist tabu? Das ist die Frage: Denkmäler werden gestürzt, Straßen umbenannt, Bücher geächtet. Und immer geht es ganz handfest um Vorteile für favorisierte Gruppen, die sich durch Geschlecht, durch Sexualität, Hautfarbe und Identität definieren.

Es sind vor allem die Keulen von behauptetem oder tatsächlichem Rassismus, Faschismus, Kolonialismus und Sexismus, die lautstark auf stumme, aber deshalb natürlich nicht bedeutungsneutrale Denkmäler niedersausen. So wurden in den USA Denkmäler von Repräsentanten der konföderierten Südstaaten wegen deren Rolle zur Sklaverei aus öffentlichen Räumen abtransportiert; über den Gliedstaat Virginia wird berichtet, er sei 2017 „Schlachtfeld des Kulturkampfes um die Robert E. Lee-Statue in Charlotteville“ gewesen. Das vor dem britischen Parlament stehende Denkmal des Kriegshelden Winston Churchill wurde zwar nicht abgeräumt, aber wegen seiner kritisch konnotierten Ansichten zu Rassenfragen mit der Aufschrift „Rassist“ versehen.

Man darf das Erinnern auch mal vergessen
Die Integrität von Denkmälern ist jedoch nicht nur verschiedenen illegalen Attacken von sogenannten Aktivisten ausgesetzt; vielmehr können auch legale Maßnahmen staatlicher Stellen am Denkmalbestand rütteln. In den postsozialistischen Staaten, insbesondere in der Ukraine, geht es um Denkmäler aus der Zeit des Sozialismus, z. B. um Lenin-Statuen. Für die Beseitigung dieser wie auch anderer politisch oder historisch kontaminierter Monumente könnte der Spruch gelten, der vor einigen Jahren als „das kürzeste Umweltschutzprogramm“ bezeichnet wurde: „Der Dreck muss weg.“ Ob ein Monument „Dreck“ ist und „weg“ muss, wird allerdings nicht selten unterschiedlich beurteilt. In Berlin, in Gelsenkirchen und in Schwerin stehen Lenin-Statuen, als ob der Marxismus-Leninismus nicht ein unbestreitbares Zeichen für Unterdrückung gewesen ist. Als Antisemit ist der frühere Bürgermeister von Wien, Karl Lueger, benannt. Zur Neugestaltung – gemeint ist eine klar sichtbare Veränderung – seines Denkmals mitten in der Stadt wurde ein Wettbewerb ausgeschrieben mit dem Ergebnis, dass das Lueger-Denkmal zwar an seinem Platz bleibt, aber um 3,5 Grad gekippt. Somit dürfte der österreichische Kulturjournalist und Literaturkritiker, Paul Jandl, dieses Denkmal nicht zu Unrecht als „eines der berühmtesten aber auch berüchtigtsten Wiener Denkmäler“ bezeichnet haben.

Gefährdet sind schließlich auch Industriedenkmäler wie Kohlezechen und aktuell die denkmalgeschützten Bahnbrücken aus dem 19. Jahrhundert in Köln. Bedürfnisse der Gegenwart können in einen Widerspruch zu Denkmälern der Vergangenheit geraten. Gilt vielleicht eine neutrale Stimme aus der Schweiz wie die von der Schweizer Journalistin Claudia Mäder, die meint: „Man darf das Erinnern auch einmal vergessen. Unsere Gegenwart wendet sich dauernd der Vergangenheit zu. Die Art und Weise, in der das geschieht, ist der Entwicklung eines zukunftsgerichteten Geschichtsbewusstseins wenig dienlich.“

Vernünftig und sinnvoll ist es wohl, hier – wie auch sonst im Leben – einen Kompromiss zu suchen und zu finden.

In der nächsten PAZ-Ausgabe, die am 13. März erscheint, lesen Sie den zweiten Teil der Serie, die dann „Lebende Denkmäler“ thematisiert.

Quelle/Literatur: Ulrich Schlie, Die Nation erinnert sich. Die Denkmäler der Deutschen, München 2002, C.H. Beck Verlag


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