01.06.2026

Preußische Allgemeine Zeitung Zeitung für Deutschland · Das Ostpreußenblatt · Pommersche Zeitung

Suchen und finden
Setzt sich für das klassische Lied in Schlesien ein: Eleni Müller hier in der einstigen Kirche in Giersdorf (Żeliszów), wo am 8. August ein Konzert stattfindet.
Bild: WagnerSetzt sich für das klassische Lied in Schlesien ein: Eleni Müller hier in der einstigen Kirche in Giersdorf (Żeliszów), wo am 8. August ein Konzert stattfindet.

Östlich von Oder und Neiße

Die Besten werden in Hirschberg gekürt

Ein Liedwettbewerb in Schlesien interessiert sich nicht für die Grenze

Chris W. Wagner
01.06.2026

Heinz Müller hat gerade Besuch von zwei Freunden. Gläser werden auf Ehefrau Eleni Triada Müller und Bolko von Hochberg gehoben. Das Telefon in der Gründerzeitwohnung klingelt, dran ist die Leiterin der Niederschlesischen Philharmonie zu Hirschberg [Jelenia Góra]. Kosten für die Miete von vier Proberäumen für den diesjährigen „Lied Wettbewerb Bolko von Hochberg“ müssen überschlagen werden. Eleni verhandelt, dieser Posten übersteige das Budget. „Wir werden eine Lösung finden“, versichert sie.

Sie führt mich durch die Wohnung. In jedem Raum stehen Instrumente, Notenständer. Das Haus sei eine Residenz für bis zu zehn Musiker des Lausitz-Ensembles, die während ihrer Proben bei den Müllers wohnen. Das Barockensemble hatten die Müllers vor zehn Jahren gegründet. Damals pendelten die Sopranistin sowie der Musiker und Tontechniker zwischen Heinz' Heimatstadt München und Breslau, wo die Halbgriechin und Halbpolin Helena (Eleni) Triada eine Wohnung besitzt. Es sei ein großer Schritt für Heinz gewesen, sein geliebtes München zu verlassen. Deshalb strandeten sie in Görlitz. Dort entdeckte die Sopranistin Eleni die Stadthalle und dessen Erbauer, Bolko von Hochberg. Der schlesischen Komponist, Kunstmäzen, Intendant und Diplomat hat die Müllers inspiriert.

1843 auf Schloss Fürstenstein [Zamek Książ], heute Waldenburg [Wałbrzych], zur Welt gekommen und vor 100 Jahren in Bad Salzbrunn [Szczawno-Zdrój] verstorben, rief er vor 150 Jahren die Schlesischen Musikfeste ins Leben. „Sänger waren für ihn ganz wichtig. Wer an der Stadthalle vorbeigeht, sieht oben im Giebel ein Relief mit Orpheus als Sänger“, schwärmt sie. Man müsse sich vorstellen, dass man vor zehn Jahren überlegte, die Stadthalle abzureißen, so Eleni entsetzt. Doch sie darf aufatmen, 2030 sollen in der Görlitzer Stadthalle mit der, wie sie sagt, perfekten Akustik wieder Lieder erklingen. Für 2030 hat Eleni Müller Großes vor, nämlich ihren fünften „Lied Wettbewerb Bolko von Hochberg“ dort stattfinden zu lassen.

Bis es so weit ist, arbeitet sie am dritten Liedwettbewerb. Dessen erste Runde findet vom 30. Mai bis 1. Juni im Görlitzer Jugendstilkaufhaus statt, das Halbfinale am 3. Juni und das Finale am 4. Juni in der Niederschlesischen Philharmonie zu Hirschberg. Gelder dafür akquirierte sie mittels eines polnisch-sächsischen EU-Projekts, für den Eigenanteil musste sie Klinken putzen.

Das Lied ist Eleni besonders wichtig. „Im Lied haben wir Poesie, die Interpretation von Texten – also auch Schauspiel. Es ist diese Art, wie ein Gedicht gesungen wird. Es ist nicht alles laut wie in der Oper. Im Lied musst du bestimmte Worte mit einer anderen Farbe betonen, damit es im Publikum ankommt: leiser, lauter, dramatischer, lyrischer. All das hat ein Lied. Es ist etwas ganz Besonderes und es gibt sehr viele Künstler in der Welt, die das lieben“, sagt sie.

Den ersten Wettbewerb hatte Eleni 2021 ins Leben gerufen, „weil ich die griechische Revolution irgendwie bekannter machen wollte. Vor 200 Jahren wurden hier in Preußen wahnsinnig viele griechische Lieder zur Unterstützung der Griechischen Revolution gesungen. Unter den Preußen gab es sehr viele Freunde der Hellenen. Allein Schubert hatte diesbezüglich 30 Lieder geschrieben“, erzählt sie begeistert.

Die Griechische Revolution von 1821 bis 1829 war ein Kampf der Griechen gegen die Herrschaft der Osmanen und für ein unabhängiges Griechenland. Der 25. März 1821 markiert den Beginn des Aufstands und ist ein Nationalfeiertag in Griechenland.

Das Besondere an Elenis Wettbewerb ist, dass er für Sänger-Musiker-Duos ausgeschrieben ist. Beim ersten Liedwettbewerb half der Zufall, da 2021 die Musiker wegen der Corona ohne Arbeit waren. „Sie wussten nicht, was sie tun sollten, also suchten sie im Internet nach Beschäftigung und stießen auf meine Ausschreibung. Es haben sich damals 100 Duos gemeldet! Niemand wusste, wer ich überhaupt bin oder wo Schlesien liegt.“

Schlesien sei für sie eine Landschaft, wo es wie einst „eine ganz wichtige Kultur für Musik gibt. Damals war es Preußen, heute ist es Polen. Aber der Geist ist da.“ Deshalb holte sich Eleni keine Partner aus Warschau, sondern die Musikprofessorin Ewa Biegas aus Kattowitz [Katowice]. Was sie freut ist, dass es „einen hohen Bedarf für Gesang gibt. Die junge Generation will singen wie verrückt und sucht solche Gelegenheiten. Menschen aus aller Welt suchen eine Bühne, um ihr Talent zu zeigen.“

• www.lied-competition-goerlitz.net


Hat Ihnen dieser Artikel gefallen? Dann unterstützen Sie die PAZ gern mit einer

Anerkennungszahlung


Kommentar hinzufügen

Captcha Image

*Pflichtfelder

Da Kommentare manuell freigeschaltet werden müssen, erscheint Ihr Kommentar möglicherweise erst am folgenden Werktag. Sollte der Kommentar nach längerer Zeit nicht erscheinen, laden Sie bitte in Ihrem Browser diese Seite neu!

powered by webEdition CMS