03.03.2026

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San Marinos UNESCO-Weltkulturerbe: Der Monte Titano mit einem seiner Wehrtürme
Bild: visitsanmarinoSan Marinos UNESCO-Weltkulturerbe: Der Monte Titano mit einem seiner Wehrtürme

Italien

Der Zwergenstaat im Fels

In der ältesten Republik der Welt – San Marino lockt im Winter viele Besucher mit einem vielfältigen Kulturprogramm an

Andreas Guballa
03.03.2026

Während viele europäische Reiseziele die kalte Jahreszeit touristisch ausklammern, nutzt die Republik San Marino den Winter bewusst als Bühne. Öffentliche Staatsrituale, hochkarätige Kunstausstellungen und das Engagement lokaler Unternehmen verschmelzen zu einem Kulturprogramm, das Geschichte nicht konserviert, sondern lebendig hält.

Wer San Marino besucht, kommt selten zufällig. Die Straße windet sich aus der italienischen Romagna hinauf auf den Monte Titano, vorbei an Outlet-Zentren und Küstenverkehr, bis sich plötzlich eine andere Ordnung einstellt. Oben, auf 739 Metern, thront ein Staat, der sich selbst genügt – und der seine Geschichte nicht ausstellt, sondern vollzieht.

San Marino ist die älteste noch bestehende Republik der Welt. Diese Tatsache wird hier nicht als touristischer Superlativ vor sich hergetragen, sondern als politischer Alltag praktiziert. Zwischen Türmen, Mauern und schmalen Gassen ist Staatlichkeit sichtbar: im Palazzo Pubblico, in Uniformen, in Ritualen, die nicht der Folklore dienen, sondern der Selbstvergewisserung einer Gemeinschaft mit knapp 34.000 Einwohnern.

Gerade in den Wintermonaten, wenn der Besucherstrom aus Rimini versiegt, zeigt sich diese Eigenlogik besonders deutlich. San Marino nutzt die Gelegenheit, um dann seine kulturellen Traditionen hochleben zu lassen. Am 5. Februar beging die Republik den Tag der Befreiung und das Fest der Heiligen Agatha. Historische Umzüge und religiöse Zeremonien erinnerten an die Abwehr fremder Herrschaft – nicht museal, sondern als Teil eines kollektiven Gedächtnisses, das bis heute handlungsleitend ist.

Ähnlich verhält es sich mit dem Arengo-Gedenktag am 25. März. Er verweist auf das Jahr 1906, als die Bürger politische Mitbestimmung einforderten und durchsetzten. Dass dieser demokratische Einschnitt auch mehr als ein Jahrhundert später begangen wird, passt zur Logik dieses Staates: Geschichte ist hier kein abgeschlossener Raum, sondern eine fortlaufende Übung.

Zwischen diesen Fixpunkten öffnet sich San Marino zunehmend auch für zeitgenössische Kultur. Die Ausstellung „Francobolli dipinti“ des Künstlers Marco Ventura etwa greift ein Medium auf, das für den Kleinstaat identitätsstiftend ist: die Briefmarke. Seit Jahrzehnten genießt San Marino internationales Renommee als Herausgeber hochwertig gestalteter Marken. Ventura übersetzt dieses Format in die Gegenwart und macht daraus eine Reflexion über Kommunikation, Staatlichkeit und Bildsprache. Zu sehen ist die Ausstellung mitten in der Altstadt im Museo del Francobollo e della Moneta.

Der symbolische Höhepunkt des politischen Jahres folgt am 1. April. Dann werden die Capitani Reggenti eingeführt – zwei gleichberechtigte Staatsoberhäupter, die jeweils für sechs Monate amtieren. Die Zeremonie folgt seit Jahrhunderten demselben Ablauf. Militärformationen, Prozessionen und Reden strukturieren den Übergang, während die Bevölkerung zusieht oder teilnimmt. Macht wird hier nicht personalisiert, sondern geteilt, begrenzt, ritualisiert. Auch das gehört zur san-marinesischen Identität.

Dass diese Identität nicht allein aus Institutionen besteht, zeigt sich abseits der offiziellen Plätze. In einer Seitenstraße der Altstadt produziert das Unternehmen La Serenissima seit 1942 Süßwaren, die längst zu kulinarischen Symbolen des Landes geworden sind. Die Torta Tre Monti, ein mehrlagiger Waffelkuchen mit Schokoladen- und Haselnusscreme, verweist mit ihrem Namen auf die drei Türme des Monte Titano. Handwerk, lokale Zutaten und der Verzicht auf Konservierungsstoffe stehen hier für eine Kontinuität, die prägend für die Menschen hier ist.

San Marino entzieht sich den einfachen Zuschreibungen. Es ist kein Freilichtmuseum und auch kein bloßer Aussichtspunkt über die Adria. Die Republik fordert Aufmerksamkeit für die Tiefenschichten ihrer Existenz. Wer sich auf diesen „Staat im Fels“ einlässt, entdeckt einen Ort, an dem Europa noch einmal ganz anders erzählt wird: kleinräumig, widersprüchlich und von einer bewundernswerten Beharrlichkeit.

www.visitsanmarino.com 


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