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Schlabbershirt und Jogginghose haben längst Einzug gehalten, wo früher schon etwas förmlicher aufgetreten wurde: Das sagt auch etwas über unser Verständnis von Gesellschaft und Respekt aus
Kürzlich sorgte der Tampa International Airport in Florida mit der Bekanntmachung für Aufsehen, er wolle nach der Untersagung des Tragens von Hausschuhen auf dem Flughafen nun auch noch ein Pyjama-Verbot verhängen. Das war zwar nur ein Scherz in Reaktion auf den Appell des US-Verkehrsministers Sean Duffy, Flugreisen stets angemessen bekleidet anzutreten. Viele Menschen nahmen das Ganze jedoch für bare Münze, was zeigt, wie weit der Dresscodeverfall in den USA und anderen Ländern der westlichen Welt bereits fortgeschritten ist.
Jogginghosen, grotesk überdimensionierte „Baggypants“, ausgeleierte Achselshirts, unter Umständen gar bauchfrei, Kapuzenpullover oder eben pyjamaähnliche Schlabberteile und an Hausschuhe gemahnende Latschen – mittlerweile alles kein Problem mehr in der Öffentlichkeit und auch an immer mehr Arbeitsplätzen. Das Verdikt des Chanel-Modeschöpfers Karl Lagerfeld, wer eine Jogginghose außerhalb des Sports trage, habe die Kontrolle über sein Leben verloren, wird heute vielfach bloß noch als weltfremde Wortmeldung eines aus der Zeit gefallenen alten weißen Mannes belächelt. Tatsächlich gehört die Kleidungsauswahl zu den sichtbarsten Folgen der Erosion der Umgangsformen, die wiederum ein Zeichen für massive gesellschaftliche Verwerfungen mit mannigfachen Ursachen ist.
So hat in den vergangenen Jahrzehnten eine deutliche Werteverschiebung stattgefunden. Durch den Siegeszug des Individualismus blühte auch der Egoismus, der zu wachsender Respektlosigkeit im Miteinander führte. Das Gespür für die Bedürfnisse anderer Menschen, das Mitdenken, welches das Gegenüber einbezieht, sowie die Achtung der Würde aller wich einer drastischen Verengung des Wahrnehmungskorridors auf die eigenen Befindlichkeiten und Bedürfnisse. Vor diesem Hintergrund ging das Gefühl für das, was sich gehört und was nicht, spürbar zurück.
Häuslicher Komfort überall
Ebenso litt das Verständnis für Symbolik: Kleidungs- und Umgangsnormen sind keine überholten Konventionen, sondern sichtbare Zeichen unseres Menschenbildes, so auch die zutreffende Aussage des Vorsitzenden des Deutschen Knigge-Rats, Jonathan Lösel. Darüber hinaus vermitteln sie Orientierung und Sicherheit – zwei Dinge, welche oft gerade von jenen Leuten am schmerzlichsten vermisst werden, die im gesellschaftlichen Miteinander verbissen auf ihrer ganz speziellen „Individualität“ beharren.
Und dann wäre da noch die persönliche Freiheit, die fast jeder für sich reklamiert. Diese kann – wenn falsch verstanden – schnell zu Grenzenlosigkeit, Unsicherheit und endlosen Reibungsverlusten führen, weil selbst banale Details wie die angemessene Kleidung im Flugzeug ständig neu ausgehandelt werden müssen. Da wir alle Wichtigeres zu tun haben als das, ist etwas mehr Klarheit in sozialen Situationen zweifellos hilfreich.
Eine weitere Ursache für den Dresscodeverfall liegt in der schleichenden Auflösung der Grenze zwischen dem Privaten und Öffentlichen. Früher wurden bestimmte Kleidungsstücke nur zu Hause getragen und keineswegs bei der Arbeit oder zu gesellschaftlichen Anlässen. Seit man durch die sozialen Medien so eng wie nie zuvor am Privatleben anderer teilhaben kann, verliert diese Trennung ihren Sinn. Dazu kommen die Nachwirkungen der Heimarbeit während der Corona-Zeit. Damals störte sich niemand an legerer Kleidung in Online-Meetings, solange bloß die vertrackte Technik mitspielte. Allerdings haben es etliche Menschen danach versäumt, wieder zu ihren Alltagsgewohnheiten zurückzukehren.
Und so ist die Bequemlichkeit über weite Strecken zum Leitprinzip aufgestiegen. Lange war es üblich, sich den Komfort des Freizeitgewandes durch vorheriges beherrschtes Auftreten im öffentlichen Raum zu verdienen, heute besteht hingegen eine verbreitete Grunderwartung auf maximalen Komfort immer und überall. Deshalb stehen manche Leute nun schon beim Einchecken auf dem Flughafen nicht nur im Jogginganzug in der Warteschlange, sondern zusätzlich auch noch mit Nackenhörnchen am Hals und einer Schlafmaske auf der Stirn.
Es entsteht eine neue Konformität
Wenn die persönliche Bequemlichkeit aber an der Spitze der Wertepyramide rangiert, dann bleiben zentrale Tugenden auf der Strecke – allen voran die Selbstdisziplin. Und das ist ebenfalls eine der Ursachen für den allgemeinen Niedergang hierzulande, den man keineswegs nur der Politik anlasten kann. Insofern tut Umsteuern not.
In Bezug auf die Kleidung und die Umgangsformen im Allgemeinen heißt dies, bewusst zu mehr Stil und Lebensart zurückzukehren, um das Ganze als Kraftquelle für die eigene Person sowie die Gesellschaft zu nutzen und zugleich Brücken zu bauen, die heutzutage nötiger sind denn je, weil die Konflikte immer schärfer werden und die Polarisierung unablässig zunimmt. Darüber hinaus geht es aber auch um Selbstachtung, welche sich aus Selbstdisziplin speist – oder um hier einen Schlüsselsatz des Adolph Freiherrn Knigge zu zitieren: „Die Pflichten gegen uns selbst sind die wichtigsten und ersten.“ Kleidung, die nicht einfach nur „leger“ ist, zeigt den Wert, den wir uns als Person beimessen und den das Gegenüber erkennen soll. Und dann wäre da noch ein weiterer Aspekt, der sich aus der äußeren Erscheinung und den Umgangsformen ergibt: Die Anpassung an das, was die Masse heutzutage immer häufiger zu tun pflegt, nämlich „Lockerheit“ aus Bequemlichkeit oder Nachlässigkeit an allererste Stelle zu setzen, läuft faktisch auf die Orientierung am kleinsten gemeinsamen Nenner hinaus. Oder anders ausgedrückt: Der Verzicht auf „nonkonforme“ Bekleidung ist lediglich Ausdruck einer neuen Konformität. Diese kann man dann wiederum als zwangsläufigen Tribut an die angeblich so progressive und egalitäre „demokratische Gesellschaft“ ansehen und akzeptieren.
Oder aber man vermeidet solche Formen der unterwürfigen Selbstgleichschaltung, um der eigenen Selbstachtung willen – ganz gleich, zu welch dümmlichen Zuschreibungen aus der „Masse“ das möglicherweise führt.
Valentina Selge am 07.06.26, 17:27 Uhr
Tatsächlich sind inzwischen Schuhe, die ein Jahr halten und nicht an der nächsten Hausecke in zwei Teile fallen eine erfreuliche Sache.
Trainingssachen und Turnschuhe sind offenbar in Mode, diese wurden bewusst in islamfeindlichen Videos eingesetzt, um zu suggerieren, es seien Moslems, die das getan hätten.
Meine Empfehlung an Moslems ist, bitte schön anziehen und schön sprechen. Dann bleiben die als Kämpfer getarnten Elemente übrig ( in dem Fall, der mir bekannt ist, waren es Österreicher).
Frauen tragen gerne ein Kleid oder Rock, aber nicht mehr, wenn sie sich nicht sicher fühlen. Jetzt tragen sie Jeans und Turnschuhe, fast alle. Beliebt sind auch Wanderstiefel oder Arbeitsschuhe mit Stahlkappe.
Georg Feichtner am 04.06.26, 21:53 Uhr
Tja - grübel. - Welche Kleidung legt man sich bei seinem Aldi-Kauf an, nämlich dort, wo neben Lebensmittel auch genau die Kleidungsteile angeboten werden, die in diesem Verriss aufgeführt werden? - Da kommt es wohl auch darauf an, ob man dort hinfährt, hinrollert oder hinradelt. Heutzutage scheint es für so einige auch bedeutender zu sein, mit welchen Tattoos man wo aufkreuzt. Etwa Fräulein Heidi Reichinnek mit aufgekrempelten Ärmeln im Bundestag.
sitra achra am 02.06.26, 15:46 Uhr
Die Schönheit liege im Auge des Betrachters, so Thukydides. Wer aber einen Knick in der Optik hat, dem hilft diese liberale Aussage nicht viel.
Der läuft dann schlampig mit seinem kaum bedeckten Wanst oder mit seinen tätowierten Extremitäten herum.
Auf ästhetische Anmutung legt die Masse ohnehin keinen Wert. Die Bekleidung ist ein Sammelsurium von Stilbrüchen voller Scheußlichkeit.
Im 19.Jh. war das komplett anders, das Bürgertum hatte einen peinlich befolgten Dresscode, die einfacheren Schichten beherzigten die Gebote der Schicklichkeit. Sie waren arm, kleideten sich aber nicht ordinär.
Die liefen auch nicht affig mit ihren Smartphones am Ohr durch die Innenstadt und trugen auch keinen Rucksack mit sich herum. Tempora mutantur...
Gregor Scharf am 01.06.26, 13:42 Uhr
Wer sich selbst nur als Opfer der gesellschaftlichen Verhältnisse betrachtet, seine Achtung vor sich selbst verliert, landet früher oder später in der Gosse. Die äußere Erscheinung ist dabei nur ein Vorläufer. Viel schlimmer sieht es in den Köpfen aus. Es ist kein Trend, wie so oft in der Mode. Es ist viel mehr ein Ausruck von Selbstverachtung und Respektlosigkeit. Es gibt auch legere Kleidung, die etwas hermacht und elegant daherkommt. Allerdings muß man dafür auch die nötige Statur mitbringen. Faulheit, Fettsucht, Freßsucht und Charakterschwäche lassen sich gut kaschieren im Lumpenlook.
Zu meiner Jugendzeit durfte keiner in Turnschuhen oder Jogginghose in den Club. Ich selbst würde mich vor mir selbst schämen, würde ich wie eine abgehalfterte Ratte durch die Gegend rennen und meine Armut vor mir hertragen wie ein depressives Damoklesschwert. Selbst beim Sport müssen es Klamotten sein, die nicht wie ein Sack am Körper hängen. Auf der heimischen Couch ist es etwas Anderes. Den Menschen fehlt der Kampfgeist und der Biss zum Leben und Überleben. Das ist eine Massenseuche bei der Häßlichkeit zu immer abstoßenderer Häßlichkeit führt.
Kersti Wolnow am 31.05.26, 17:46 Uhr
Es ist nicht nur die Kleidung, es sind die Möbel und Gebrauchsgegenstände. Alles ist häßlich, auch die Gärten und die Architektur und Kunst.
David L am 31.05.26, 01:53 Uhr
Volltreffer! Ich war noch nie in den USA, kann dazu also nichts sagen, aber Australien gehört wohl zu den Ländern mit dem Kleidungsstil und den sinkenden Standards. Schade, dass wir da nicht viel schlimmer sind als Europa. :( Wir als Nation haben verlernt, uns angemessen zu kleiden. Die Folge sind egoistischer Individualismus, eine Epidemie des Übergewichts und sinkende Arbeitsstandards.
David
Australien