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Hinter deutschem Putz verstecken sich noch tiefere historische Überraschungen
Die schlesische Metropole Breslau birgt viele Zeugnisse der jahrhundertelangen deutschen Vergangenheit. Spuren im Stadtbild erzählen davon, doch längst nicht jeder kennt ihre Geschichte. Maciej Wlazło aber schon. Der gelernte Jurist und Bankangestellte spürt dem deutschen Breslau nach und zeigt, wie die Stadt heute mit diesem Erbe umgeht. „Warum zeigen Sie uns diese deutschen Inschriften? Warum sind diese überhaupt hier?“, mit solchen Fragen wird Wlazło oft konfrontiert, wenn er in seiner Freizeit Führungen durch Breslau macht. Wenn solche Fragen kommen, weiß er: Diese Besucher kommen aus Ost- oder Zentralpolen. Breslau-Besucher aus dem Westen Polens seien an deutsche Überbleibsel gewöhnt und man müsse ihnen nicht erklären, dass die Geschichte Breslaus nicht 80, sondern 1.000 Jahre alt ist, so Wlazło. „Deutsche Inschriften und andere Artefakte erzählen, wie sich die Stadt veränderte, wie sich Breslaus Identität wandelte“, sagt er.
Wlazło gehört zur zweiten Generation der in Breslau Geborenen. Der 41-Jährige wuchs in einem deutschen Haus auf, zu dessen einstigen Eigentümern er Kontakte pflegt. „Ich betrachte die Geschichte der Stadt als etwas Gemeinsames. Für mich gibt es keine weißen Flecke, die es noch für meine Großeltern gab. Sie kamen nach Kriegsende aus der heutigen Westukraine nach Breslau und mussten ihre Zukunft neu gestalten.“
2020 rief er das Projekt „Unter dem Putz schaut Breslau hervor“ ins Leben. Er dokumentierte mehr als 200 deutsche Inschriften in Form eines Stadtplans. Die Papierfassung dieses Stadtplans ist längst vergriffen, aber im Internet findet man die elektronische Variante. Wlazło kommuniziert seine Entdeckungen in sozialen Medien, denn er glaubt fest daran, dass „soziale Medien auch einen Bildungswert haben können“. Im Netz bekannt als „Beard of Breslau“ berichtet er über den Zustand des deutschen Kulturerbes in Niederschlesien, hält Vorträge und Lesungen und führt Besucher an Orte, die von alten Zeiten zeugen.
Dabei zeigt er gerne die Überbleibsel eines bestimmten Schriftzugs an einer einstigen Gaststätte in der einstigen Belltafelstraße [ul. Biskupa Tomasza Pierwszego]. Die Inschrift heißt: „Balltafel Gastwirtschaft“ und wurde dank seiner Intervention während der Renovierung des Gebäudes nicht übertüncht. Balltafel, oder auch Belltafel, war ein in Schlesien beliebtes Mannschaftsspiel. „Das Gesellschaftsspiel soll in Schweidnitz [Świdnica] entstanden sein“, berichtet Wlazło. In Breslau soll es bereits 1565 eine Belltafel-Gesellschaft gegeben haben. 1865 feierte sie deshalb ihr 300-jähriges Jubiläum. „Es war eine elitäre Gemeinschaft, die 300 Mitglieder zählte, und man wurde erst dann neu aufgenommen, wenn eines der Mitglieder verstorben war.“ Wlazło fand auch heraus, dass es in der Breslauer Balltafelgastwirtschaft einen 17 Meter langen und 70 cm breiten Tisch gab, der mit Graphit und Wachs beschichtet war und an einem Ende eine Schublade hatte.
Gespielt wurde mit runden, schweren Eisenscheiben, die auf beiden Seiten glatt und gehärtet waren. Diese trugen Namen und Symbole. Überliefert sind etwa Rose, König Salomo, Adler, Napoleon, Herz, Fortuna, Schlüssel, Elefant, Schwan, Venus und Victoria. Der Spieler wurde während der Partie nach dem Namen seiner Scheibe gerufen. Es traten zwei Mannschaften gegeneinander an. Die Spieler schoben die mehrere Kilogramm schweren Metallscheiben möglichst weit über die Bahn, ohne dass sie am Ende in die Schublade gerieten. Gleichzeitig versuchte man, gegnerische Scheiben wegzuschlagen oder die eigenen näher an das gegenüberliegende Ende zu bringen.
Und es gab eine geradezu feierliche Spielkultur. „Man durfte nicht fluchen oder mit dem Schiedsrichter diskutieren“, so Wlazło. Verlor jemand eine Partie, wurde ein Glockenzeichen gegeben. Beim letzten Spiel des Tages läutete man drei kleine Glockenzeichen und erklärte mit den Worten „Feierabend des Herrn!“ das Spiel für beendet. Wer danach die Kopfbedeckung nicht abnahm, musste eine Geldstrafe zahlen.
Die Breslauer Belltafelgesellschaft war weit mehr als eine Kneipenrunde. Nur ein angesehener Breslauer Bürger konnte Mitglied werden. Die Gesellschaft hatte einen Inspektor, Vorsteher und mehrere Kanzler. Belltafel gespielt wurde auch außerhalb Schlesiens. 1927 wurden vier Belltafeln in Deutschland genannt: zwei in Schweidnitz, eine in Breslau und eine in Königsberg.
Das wohl letzte Belltafelturnier in Schlesien soll 1940 in Schweidnitz stattgefunden haben. Wlazło weiß, dass damit die Geschichte der schlesischen Belltafel zu Ende ging. Doch es gibt andere Beispiele einer historischen Kontinuität: „Wir können in Breslau wieder Schlesischen Streuselkuchen oder das Himmelreich verzehren. Ich träume davon, dass auch das einst berühmte ‚Königin-Luise-Gedeck' nach Breslau zurückkehrt. Dieses Gedeck bestand aus Kaffee und einem Törtchen, das an den verschneiten Gipfel der Schneekoppe erinnerte, und das Rezept stammte vom Schweizer Conrad Perini, der es für die ins Riesengebirge verliebte Königin Luise erfand.“
Wlazło sucht bereits nach Konditoren in Breslau, die das Gedeck ins Programm nehmen möchten – man darf gespannt sein.
sitra achra am 03.10.26, 17:30 Uhr
Tausendjährige deutsche Besiedlung nur noch in Form von Palimpsesten nachweisbar. Den Polen ist zur gründlichen Zerstörung der deutschen Kultur herzlichst zu gratulieren. Quod erat demonstrandum.