Preußische Allgemeine Zeitung Zeitung für Deutschland · Das Ostpreußenblatt · Pommersche Zeitung
Seine Werke sind nach wie vor richtungsweisend für die historische Forschung in Vorpommern
Der vorpommersche Lokalhistoriker und Geschichtsforscher Karl Theodor Pyl wurde am 10. November 1826 in Greifswald geboren. Die Familie stammt aus Stralsund, wobei ein Teil des alten pommerschen Geschlechts seit 1673 seine Wurzeln auch in Greifswald hatte. Sein Vater und Großvater waren Rechtsanwälte. Die Mutter stammte aus Verden an der Aller. Nach dem Unterricht beim Vater ging er ab 1833 auf das Greifswalder Gymnasium und erhielt hier in Geschichte und Literatur Impulse von Hermann Paldamus, die künstlerische Ausbildung vom Zeichenlehrer Anton Gladrow sowie die religiöse und theologische Anregung von Johann Christian Adolf Hasert.
Pyl studierte in Greifswald, Göttingen und Berlin. Die Dissertation erfolgte mit dem Thema „de Medeae fabula particula II“ (Medeasage) am 30. Januar 1850 in Berlin und die Habilitation über Mythologie sowie für alte und neuere Kunstgeschichte am 30. April 1853 an der Königlichen Universität Greifswald unter dem Kanzler Fürst zu Putbus.
Als Privatdozent bot er ein überaus breites Spektrum von Vorlesungen über griechische Mythologie, Alte Kunstgeschichte, Geschichte der Neueren Kunst, Christliche Archäologie und Geschichte der dramatischen Kunst an.
Geschichte und Altertumskunde
Am 7. Juni 1865 übernahm Pyl die Leitung der Rügisch-Pommerschen Abteilung der Gesellschaft für Pommersche Geschichte und Altertumskunde, die 1826 von dem Pfarrer Johann Gotthart Ludwig Kosegarten gestiftet wurde. Ab 1865 war Pyl Vorsteher des Akademischen Münzkabinetts, und am 29. Dezember 1866 übertrug ihm der Rektor der Universität im Nebenamt den Vorstand der Universitätssammlung für Vaterländische und ethnographische Altertümer.
Am 29. Mai 1879 wurde er zum außerordentlichen Professor für kein bestimmtes Fach ohne Besoldung, aber mit dem Zusatz „Professor für neuere Kunstgeschichte“, in Greifswald ernannt. Im Jahr 1882 kam es zwischen Pyl und der Philosophischen Fakultät zu einem akademischen Streit. Die Fakultät beabsichtigte, ihm das Prädikat der „Neueren Kunstgeschichte“ zu streichen, da er in seiner Votation (Ruf) als Professor „für kein bestimmtes Fach“ eingesetzt sei und ferner der Vorsitz des Geschichtsvereins keine Beziehung zur Universität habe. Der Streit konnte nach einem Vergleich beendet werden.
Pyl gilt als der Begründer des Fachgebiets der Kunstgeschichte in Greifswald. Im gedruckten Vorlesungsverzeichnis werden zuerst 1891 kunstgeschichtliche Vorlesungen von Pyl angekündigt. Ein erstes Anzeichen für das Selbstständigwerden des Faches äußert sich 1906.
Pyl war ein überaus produktiver Lokalhistoriker und Geschichtsforscher, der für Pommern, die Stadt Greifswald und seine Umgebung von großer Bedeutung ist. Er gehörte zweifellos zu den eigenartigsten Greifswalder Gelehrten der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Zu seinen umfangreichen Abhandlungen, ohne auf Vollständigkeit Anspruch zu erheben, gehören „Kunstwerke alter und neuer Zeit“ (1857), „Griechische Rundbauten“ im Zusammenhang mit den Götter- und Heroenkultus (1861), „Die Rubenow-Bibliothek“ (1865), „Die Greifswalder Sammlungen – Vaterländische Althertümer und die Kunstwerke des Mittelalters und der Renaissance“ (1869) mit Ergänzungsheft (1897), „Wolgaster Kirchenbibliothek und deren Aufbewahrung mit Gutachten“ (1876), „Vom Hildagestade“ (1876), „Geschichte der Stadt Greifswald“ (1879), „Geschichte des Cisterzienserklosters Eldena“ (1880/82), „Pommersche Genealogien“ (1896) in fünf Bänden mit Siegeln der Greifswalder Patricier-Familien, daher sein Epitheon ornans: „Der Greifswalder Heraldiker“, sein dreibändiges Hauptwerk mit über 3000 Seiten und mehreren Nachtragsheften „Geschichte der Greifswalder Kirchen und Klöster sowie ihrer Denkmäler nebst einer Einleitung vom Ursprunge der Stadt Greifswald“ und „Beiträge zur Geschichte der Stadt Greifswald“ (1899).
Diese Schriftenreihe wurde von dem Historiker und Greifswalder Bürgermeister Dr. Carl Gesterding initiiert. Durch das Gutachten von Pyl wurde die Zersplitterung der Wolgaster Kirchenbibliothek verhindert.
Pyl schrieb darüber hinaus historische Novellen und Dramen, so u. a. „Heinrich Rubenow“– ein Drama in fünf Aufzügen (1853), „Pontius Pilatus“ – ein Drama in fünf Aufzügen (1854), „Petrus von Ravenna“ (1864), „Albrecht Dürer“– ein Schauspiel in fünf Aufzügen (1865), „Margaretha von Ravenna – pommersches Lebensbild aus dem fünfzehnten Jahrhundert“ (1865), „Lieder und Sprüche des Fürsten Wizlaw von Rügen“ (1872) und „Raphaels Brautfahrt“ (1876).
Für die biographische Enzyklopädie „Allgemeine Deutsche Biographie“ verfasste er mehr als 80 Beiträge, zumeist über Personen mit Bezug zu Pommern und Rügen. Seine Briefwechsel mit Bertha Balthasar von 1884 bis 1886 und mit seinem Freund, dem Schriftsteller Theodor Storm, von 1869 bis 1877 sind zugänglich gemacht worden. Seine Gedichte sowie die zehn Tagebücher und die Selbstbiografie in sieben Teilen befinden sich u.a. im Stadtarchiv Greifswald.
Orden und Ehrungen
Pyl war Träger des Roten Adlerordens 4. Klasse sowie des Kronen-Ordens 3. Klasse, Ehrenmitglied des mecklenburgischen Geschichtsvereins, der rügenschen-pommerschen Gesellschaft, der Gesellschaft für pommersche Geschichte in Stettin und korrespondierendes Mitglied des Geschichtsvereins in Berlin und Lübeck. Der königliche Kronen-Orden dritter Klasse mit der Zahl 50 (50. Doktorjubiläum) wurde Pyl im Jahr 1900 im Auftrag des Kaisers vom Minister der geistlichen, Unterrichts- und Medicinal-Angelegenheiten verliehen.
Die im Jahr 1929 angelegte Theodor-Pyl-Straße in Greifswald, die von der Mühlenstraße zum Müntergrund am Wall führt, trägt seinen Namen. Am Wohnhaus in der Fischstraße 10 findet sich seine Gedenktafel, die das erste Mal im Greifswalder Adressbuch von 1914 erwähnt wird.
Pyl heiratete am 19. September 1853 in Stralsund die Schwester seines Freundes, des Malers Georg Friedrich Bolte, Elise Bolte aus Verden an der Aller, die bei der Geburt des Kindes am 4. April 1855 verstarb. Der Säugling überlebte nur kurzzeitig. In zweiter Ehe heiratete Pyl am 16. Oktober 1855 in Greifswald Louise Lucee aus Verden. Die Eheleute hatten zwei Kinder, Agnete (1856–1885) und Paul Gottfried Theodor (1860–1935), der im Raum Anklam Forstmeister wurde.
Pyl starb am 13. Dezember 1904 im Alter von 78 Jahren in Greifswald. In der postum erschienenen Festschrift zum 450. Gründungsjubiläum der Universität 1906 werden noch einmal schlaglichtartig der enzyklopädische Überblick und die akribische Arbeitsweise des Greifswalder Wissenschaftlers Theodor Pyl gewürdigt. Er ist im Mausoleum der Familie Hagemeister/Pyl auf dem Alten Friedhof in Greifswald beigesetzt.