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Ein Treck britischer Soldaten durchquert 1919 das deutsche Malmedy, das nach dem Ersten Weltkrieg dann an Belgien fiel
Bild: picture alliance / Heritage-Images | The Print Collector/Heritage Images; ChatGPTEin Treck britischer Soldaten durchquert 1919 das deutsche Malmedy, das nach dem Ersten Weltkrieg dann an Belgien fiel

Es ging um ein Stück wahres Deutschland

Vor 100 Jahren verhandelten Deutschland und Belgien über die Rückgabe von Eupen-Malmedy – doch Frankreich intervenierte

Bodo Bost
11.08.2026

Locarno hatte zwar 1925 die Zeichen auf Entspannung gesetzt, aber das Misstrauen blieb. Frankreich wollte Verständigung mit Deutschland, jedoch keine Revision der Versailler Ordnung. Belgien durfte über Eupen-Malmedy verhandeln, aber nicht wirklich frei entscheiden.

Der Versailler Vertrag von 1919 sprach die deutschen und preußischen Gebiete Eupen-Malmedy und Neutral-Moresnet Belgien zu (Artikel 32–34). Die Alliierten begründeten dies mit wirtschaftlichen Argumenten sowie mit Belgiens Anspruch auf Ausgleich für die deutsche Verletzung seiner Neutralität 1914. Die Herausforderung dabei: Die Bevölkerung der Region war mehrheitlich deutschsprachig und kulturell eng mit Deutschland verbunden. Die Eingliederung in Belgien wurde daher von weiten Teilen der Einwohner als Folge der deutschen Kriegsniederlage und nicht als freiwilliger politischer Wechsel empfunden. Umstritten war besonders die Volksbefragung von 1920. Dort sollte die Bevölkerung über ihre Zugehörigkeit entscheiden, doch mussten Gegner des Anschlusses an Belgien ihre Ablehnung öffentlich registrieren lassen. Viele Bewohner verzichteten daher aus Sorge vor Nachteilen auf so eine Stellungnahme.

Locarno-Verträge für Entspannung

Die Bewohner von Eupen-Malmedy-Sankt Vith fanden sich nach dem Übergang an Belgien in einer neuen politischen und gesellschaftlichen Situation wieder. Aus einer ehemals zum Deutschen Reich gehörenden Region wurden sie quasi über Nacht zu einer sprachlichen und kulturellen Minderheit innerhalb des belgischen Staates. Ihre Erwartungen an die neue Staatsmacht unterschieden sich vielfach von denen der belgischen Bevölkerung anderer deutschsprachiger Gebiete – etwa in der Umgebung von Montzen, Buchholz oder Arel/Arlon, wo die deutsche Sprache zwar ebenfalls verbreitet war, jedoch eine andere historische Bindung an Belgien bestand. Für viele Einwohner der neuen belgischen Gebiete war die Eingliederung mit erheblichen Anpassungsschwierigkeiten verbunden. Ein großer Teil der Bevölkerung in Eupen-Malmedy sprach weder Französisch noch Niederländisch – doch das waren nun mal die wichtigsten Verwaltungssprachen des belgischen Staates.

Mitte der 1920er Jahre veränderte sich die europäische Lage. Mit den Locarno-Verträgen von 1925 begann eine Phase der Entspannung zwischen Deutschland und seinen westlichen Nachbarn. Deutschland erkannte zwar seine neuen Westgrenzen an, hoffte aber zugleich, einzelne Bestimmungen des Versailler Vertrags auf friedlichem Weg revidieren zu können. Für Deutschland brachte der Locarno-Vertrag erhebliche außenpolitische Vorteile. Bereits am Tag der Unterzeichnung begann die Räumung der ersten Rheinlandzone.

Darüber hinaus verbesserte sich die internationale Kreditwürdigkeit Deutschlands spürbar. Wichtige Auslandskredite konnten unter anderem mit Unterstützung der USA aufgenommen werden und trugen zur wirtschaftlichen Stabilisierung bei. In diesem politischen Klima entstanden geheime Kontakte zwischen Deutschland und Belgien, über die Zukunft Eupen-Malmedys.

Belgien besaß nach dem Ersten Weltkrieg große Mengen an deutschen Papiermark. Diese stammten unter anderem aus der deutschen Besetzung Belgiens und aus finanziellen Forderungen gegenüber Deutschland. Durch die Hyperinflation in Deutschland (1922/23) verloren diese Markbestände jedoch nahezu ihren gesamten Wert. Dadurch erlitt Belgien erhebliche finanzielle Verluste, welche wiederum die Staatsfinanzen belasteten und zur Währungskrise und einer hohen Inflation von 1926 beitrugen. Dies war der Ausgangspunkt von Verhandlungen, wie Belgien für wertlos gewordenen Markbestände entschädigt werden sollte. Bereits 1919 war mit dem sogenannten Francqui-Erzberger-Abkommen ein erster Lösungsversuch unternommen worden, der jedoch nie ratifiziert wurde. Ein weiterer Verhandlungsanlauf erfolgte 1924 im Rahmen der Gespräche mit dem belgischen Finanzexperten Camille Gutt und der deutschen Regierung. Auch diese Verhandlungen wurden lediglich paraphiert und letztlich von der deutschen Regierung in Berlin nicht angenommen.

Deshalb nahm Reichsbankpräsident Hjalmar Schacht 1926 zunächst Gespräche mit dem belgischen Finanzexperten Émile Francqui auf. Verhandelt wurde, um eine finanzielle Entschädigung zu erhalten. Im Gespräch war eine Summe aufseiten Belgiens in Höhe von rund 200 Millionen Goldmark. Der Reichsbankpräsident sollte die finanziellen Möglichkeiten einer Entschädigung prüfen. Am 25. März 1926 trafen sich Schacht und der belgische Finanzexperte Léon Delacroix erstmals zu Gesprächen über das belgische Markenbesitzproblem. Ein zentrales Treffen zwischen Schacht und Delacroix fand am 3. August 1926 im hessischen Bad Wildungen statt. Dort wurden Bedingungen und Höhe der Entschädigung erörtert.

Die belgische Seite wurde danach vor allem durch Außenminister Émile Vandervelde vertreten. Auf deutscher Seite spielte Außenminister Stresemann die Hauptrolle. Doch Ende August brach Belgien die Verhandlungen plötzlich ab, weil Deutschland die Rückgabe der nach dem Versailler Vertrag an Belgien abgetretenen Gebiete Eupen und Malmedy verlangte. Damit war aus einer finanzpolitischen Verhandlung eine politische und territoriale Grundsatzfrage geworden. Für Deutschland war Eupen-Malmedy nicht nur eine territoriale Frage, sondern ein Symbol für die Revision des Versailler Vertrags. Außenminister Gustav Stresemann sah in einer friedlichen Lösung einen möglichen Beweis dafür, dass die Nachkriegsordnung durch Diplomatie verändert werden konnte.

Die Folgen des Scheiterns

Frankreich übte unter Führung seines Außenministers Aristide Briand Druck auf Belgien aus, die Verhandlungen abzubrechen. Briands Haltung zeigt den Widerspruch der Locarno-Politik: Annäherung an Deutschland ja – eine territoriale Revision des Versailler Vertrags jedoch nur, wenn die französischen Sicherheitsinteressen gewahrt blieben. Paris befürchtete, eine Rückgabe Eupen-Malmedys könnte weitere Forderungen nach einer Revision des Versailler Vertrags auslösen.

In Deutschland verstärkte das Scheitern des Rückkaufs von Eupen-Malmedy die Kritik am Versailler Vertrag. Eupen-Malmedy wurde zu einem Symbol der deutschen Forderung nach Grenzrevisionen. Für die Bevölkerung Ostbelgiens bedeutete das Ende der Gespräche eine erneute Phase politischer Unsicherheit. Während sich ein Teil der Bevölkerung zunehmend mit Belgien arrangierte, blieb bei anderen die Hoffnung auf eine Rückkehr zu Deutschland bestehen. Gleichzeitig wurde die Integration der Region in den belgischen Staat fortgesetzt.

Die politischen Spannungen förderten die Entwicklung einer eigenen deutschsprachigen Öffentlichkeit in Ostbelgien. Am 1. Februar 1927 erschien erstmals die Zeitung „Grenz-Echo“ in Eupen, die zu einer wichtigen Stimme der deutschsprachigen Bevölkerung bis heute wurde. Ihre Entstehung zeigt, dass die Menschen der Region zunehmend eigene regionale Interessen entwickelten.


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