04.11.2026

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Rund 90 Sekunden stand Audi-Chef Döllner bei Trump auf der Bühne, um einen erfolgreichen Deal zu verkünden. In Deutschland löste es das aus, was derzeit fast immer bei jeglicher Ankündigung ausgelöst wird: Empörung
Bild: picture alliance / AP Photo/Mike StewartRund 90 Sekunden stand Audi-Chef Döllner bei Trump auf der Bühne, um einen erfolgreichen Deal zu verkünden. In Deutschland löste es das aus, was derzeit fast immer bei jeglicher Ankündigung ausgelöst wird: Empörung

Künstliche Aufregung

Falsche Empörung um Audis Amerika-Pläne

Ein Manager muss tun, was nötig ist: Jobs erhalten, Absatzmärkte sichern und Vorteile für sein Unternehmen generieren – Genau das hat Döllner getan

Peter Entinger
04.11.2026

In Deutschland werden Industriearbeitsplätze abgebaut, in den USA entstehen neue. Für Gewerkschaften und Politiker ist das normalerweise ein Grund zur Sorge. Wenn ein deutscher Automobilhersteller allerdings Milliarden in ein neues Werk investiert, könnte man zunächst nach den wirtschaftlichen Gründen fragen. Im Fall von Audi ist das anders. Weil Vorstandschef Gernot Döllner seine US-Pläne ausgerechnet an der Seite von Donald Trump präsentierte, überbieten sich Politiker und Gewerkschaftsvertreter in diesen Tagen mit Empörung – Rücktrittsforderungen inklusive. Die Frage, ob sich das Geschäft für Audi überhaupt noch rechnet, spielt dabei zunächst keine Rolle.

Dabei hat das Vorhaben eine beachtliche wirtschaftliche Dimension. Rund vier Milliarden Dollar will Audi in sein erstes amerikanisches Werk investieren. Im Bundesstaat Georgia sollen etwa 4.500 Arbeitsplätze entstehen und langfristig bis zu 200.000 Fahrzeuge jährlich produziert werden. Baubeginn ist 2027, die Fertigung soll Anfang der 2030er Jahre anlaufen. Die endgültige Zustimmung des Aufsichtsrats des VW-Mutterkonzerns steht noch aus.

Der Zeitpunkt der Ankündigung war politisch brisant. Am 3. November fanden in den USA die Kongresswahlen statt. Trump nutzte die Nachricht aus Ingolstadt prompt als Beleg für den Erfolg seiner Zoll- und Industriepolitik. Döllner bedankte sich auf der Bühne für die Unterstützung des Präsidenten. Für Linken-Chef Luigi Pantisano war damit eine Grenze überschritten. Der Audi-Vorstandsvorsitzende müsse „seinen Hut nehmen“, verlangte er. SPD-Generalsekretär Tim Klüssendorf sprach von einem „Skandal“. Statt den deutschen Automobilstandort zu stärken, belohne Döllner Trumps Zollpolitik.

Bigotte Aufregung

Besonders heftig fiel die Reaktion der Gewerkschaften aus. IG-Metall-Chefin Christiane Benner bezeichnete den Auftritt als „politisch inakzeptabel“. VW-Konzernbetriebsratschefin Daniela Cavallo warf dem Management vor, sich zur „Marionette“ einer politischen Inszenierung gemacht zu haben. Döllner habe gegen die eigenen Regeln des Unternehmens verstoßen. Tatsächlich schreiben die Konzernrichtlinien parteipolitische Neutralität vor. Ein Vorstandsvorsitzender muss sicher nicht auf einer Wahlkampfbühne stehen, um über Investitionen zu verhandeln. Die Zusammenarbeit mit der US-Regierung ist jedoch etwas anderes als die Unterstützung einer politischen Partei. Beides wird in der deutschen Debatte zunehmend vermischt.

Bemerkenswert ist dabei die Rolle der Arbeitnehmervertreter. Dass sie angesichts des geplanten Stellenabbaus im Volkswagen-Konzern Milliardeninvestitionen im Ausland kritisch hinterfragen, ist nachvollziehbar. Allerdings wissen auch die Gewerkschaften, dass Audi auf dem US-Markt erhebliche Probleme hat.

Cavallo räumte dies ausdrücklich ein. „Rein betriebswirtschaftlich kann die Lokalisierung der Audi-Fertigung in den USA Sinn ergeben“, erklärte sie. Hohe Zölle verteuerten die Einfuhr von Fahrzeugen aus Europa und Mexiko erheblich. Zugleich sei der US-Markt einer der größten und lukrativsten weltweit.

Damit beschreibt ausgerechnet die Konzernbetriebsratschefin den wirtschaftlichen Kern des Vorhabens. Audi verdient nach eigenen Angaben in den USA derzeit kein Geld. Allein die amerikanischen Importzölle belasteten das Unternehmen im letzten Jahr mit 1,2 Milliarden Euro. BMW und Mercedes produzieren längst in den Vereinigten Staaten.

Hinzu kommt ein Umstand, der in der öffentlichen Diskussion kaum Beachtung findet. Die geplante Fabrik soll große Premium-SUVs bauen, die speziell für nordamerikanische Kunden entwickelt werden. Diese Fahrzeuge werden bislang nicht in deutschen Werken hergestellt. Es handelt sich somit nach den gegenwärtigen Plänen nicht um die Verlagerung bestehender Fertigung aus Ingolstadt oder Neckarsulm nach Georgia.

Fatale Folgen grüner Politik

Baden-Württembergs grüner Ministerpräsident Cem Özdemir lenkte immerhin den Blick auf eine Frage, die in der Empörung über Trump häufig untergeht: „Warum erscheinen Milliardeninvestitionen in Amerika für Unternehmen derzeit attraktiver als in Deutschland?“, fragte er. Hohe Energiepreise, steigende Arbeitskosten, Bürokratie und langwierige Genehmigungsverfahren belasten den Industriestandort. Hinzu kommt eine Wirtschaftspolitik, die den Unternehmen jahrelang einen kostspieligen technologischen Umbau abverlangt hat. Gerade die Grünen haben diese Entwicklung politisch mitgestaltet. Nun beklagen sie die Folgen einer Investitionsentscheidung, die zumindest teilweise auf ungünstige Standortbedingungen reagiert.

Trump dagegen verfolgt seine industriepolitischen Interessen mit großer Konsequenz. Er will ausländische Konzerne dazu bewegen, in Amerika Fabriken zu bauen und Arbeitsplätze zu schaffen. Dass seine Zölle den internationalen Handel belasten, steht außer Frage. Er feiert deshalb die Aussicht auf 4.500 neue Arbeitsplätze. In Deutschland wird darüber gestritten, ob der Audi-Chef mit ihm auf einer Bühne stehen durfte. Diese Frage erscheint angesichts der Dimension als „typisch deutsch“.


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