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Jede fünfte Vokabel im Deutschen hat ihre Wurzeln woanders: Insgesamt umfasst unsere Sprache rund eine halbe Million Wörter
Bild: ShutterstockJede fünfte Vokabel im Deutschen hat ihre Wurzeln woanders: Insgesamt umfasst unsere Sprache rund eine halbe Million Wörter

Von der Wanderung der Vokabeln

Manches, was urdeutsch klingt, ist es in Wahrheit gar nicht

Lehnwörter aus fremden, ja selbst toten Sprachen haben sich massenhaft in unserem Idiom festgesetzt. Sie bereichern damit einen ohnehin verblüffend umfangreichen Wortschatz

Wolfgang Kaufmann
27.09.2026

Königsberger Marzipan und Königsberger Klopse sind weltweit bekannte kulinarische Spezialitäten aus Ostpreußen. Allerdings weiß kaum jemand, dass die Wörter „Marzipan“ und „Klops“ weder dem ostpreußischen Dialekt noch der deutschen Sprache entstammen.

Die deutsche Sprache ist voll von Lehnwörtern, die oft aus fremden Sprachwelten herübergeschwappt sind. So geht die Bezeichnung für den Kloß aus Hackfleisch auf das altenglische „Collope“ zurück, aus dem später das schwedische „Kalops“ wurde, welches man dann in Ostpreußen übernahm. Noch verzwickter ist die Sache beim Marzipan. Unsichere Herleitungen verweisen unter anderem auf das mehrdeutige arabisch-persische Wort „Mauthaban“ und die burmesische Stadt Martaban. Dabei handelt es sich hier keineswegs um zwei seltene Einzelbeispiele.

Der Duden verzeichnet rund 150.000 Stichwörter – insgesamt soll die deutsche Sprache einschließlich der Zusammensetzungen und Fachbegriffe sogar bis zu 500.000 Wörter haben. Und immerhin rund 20 Prozent davon sind Lehnwörter aus anderen Sprachen – wie eben „Klops“ und „Marzipan“. Am häufigsten stammen solche adaptierten Wörter aus dem Lateinischen und Griechischen sowie dem Französischen, Englischen, Italienischen und Spanischen. Manchmal scheint es allerdings so, als ob man urdeutsche Schöpfungen vor sich hätte, doch der Eindruck täuscht: Beispielsweise basiert „Fenster“ auf dem lateinischen „Fenestra“, das seinerseits wahrscheinlich in einem noch älteren etruskischen Ausdruck wurzelte.

Nicht mal die „Semmel“ ist deutsch

Ansonsten stand nicht selten sogar das Arabische Pate, wenn der deutsche Wortschatz einen Zuwachs erfuhr. Das dürfte im Falle von „Beduine“, „Haschisch“, „Kaffee“, „Minarett“, „Moschee“ und „Sultan“ kaum jemanden verwundern. Doch „Arsenal“, „Havarie“, „Razzia“, „Tarif“ und „Ziffer“ sind gleichermaßen arabischer Herkunft.

Von den Türken übernahmen wir hingegen „Harem“, „Joghurt“, „Turban“ und „Dolmetscher“, wobei „Dilmaç“ aber ein Wort aus dem längst vergangenen nordsyrischen Reich Mitanni war, das bereits zur Mitte des 13. Jahrhunderts v. Chr. verschwand. Die alten Perser wiederum hinterließen uns Wortschöpfungen wie „Karawane“, „Kiosk“, „Paradies“ und „Schach“. Ebenso adoptierte das Deutsche etliche hebräische oder jiddische Begriffe, darunter „Ganove“, „Knast“, „Reibach“, „Schlamassel“ und „Tacheles“. Nahezu unbekannt ist, dass es sogar Übernahmen aus dem Aramäischen gab – einer einstigen Weltsprache, die heute vor dem schleichenden Aussterben steht. Zu deren Beiträgen gehört etwa der „Mammon“. Angesichts der geographischen Verhältnisse wimmelt das Deutsche ebenso von Lehnwörtern vom Balkan sowie aus alten und modernen nordischen oder slawischen Sprachen. Als Beispiele hierfür seien genannt: „Berserker“, „Geysir“, „Grenze“, „Hai“, „Halunke“, „Krake“, „Krawatte“, „Paprika“, „Pistole“, „Ski“, „Skorbut“, „Slalom“, „Steppe“ und „Vampir“ – nicht zu vergessen die russischen Klassiker „Datsche“, „Sputnik“ und „Troika“. Aber auch das eher griechisch oder lateinisch anmutende „Roboter“ ist eine Ableitung aus dem Alttschechischen.

Noch exotischer wurde es dann mit Beginn der europäischen Expansion nach Asien, Ozeanien, Afrika und Amerika. Aus Süd- und Ostasien kamen direkt oder auf Umwegen über andere Sprachen neue Wörter wie „Amok“, „Bonze“, „Bungalow“, „Dschungel“, „Ketchup“, „Tabu“ und sogar „Zucker“. Und dann waren da die spanischen Kolonien in der „Neuen Welt“. Dem Nahuatl der Azteken in Mexiko entlehnte das Deutsche drei wohlklingende Begriffe für drei unterschiedlich wohlschmeckende Dinge, nämlich „Kakao“, „Schokolade“ und „Tomate“, während die Maya und weitere süd- und mittelamerikanische beziehungsweise karibische Indio-Völker ihrerseits noch „Ananas“, „Kautschuk“, „Kokain“, „Mais“, „Tabak“ und „Zigarre“ beisteuerten. Ebenso bediente sich die deutsche Sprache bei den Idiomen vieler Naturvölker in allen Klimazonen der Welt. Dafür stehen der „Anorak“ der Eskimos und der „Zombie“ der westafrikanischen Bantu.

Wie eingangs schon erwähnt, verwenden wir heute manchmal immer noch Wörter aus europäischen und außereuropäischen Sprachen, die schon seit Jahrhunderten oder gar Jahrtausenden nicht mehr gesprochen werden. Zu derart archaischen Lehnwörtern zählen auch „Glocke“ aus dem Keltischen, „Labyrinth“ aus dem Lydischen, einer in Kleinasien während des 1. Jahrtausends v. Chr. verwendeten Sprache, und „Pott“ aus dem Illyrischen, welches auf dem Westbalkan heimisch war, bevor die Römer dort Fuß fassten. Uralt ist zudem der Begriff „Semmel“. In der vom 20. bis zum 7. Jahrhundert v. Chr. gebräuchlichen Sprache der Assyrer in Mesopotamien hieß ein aus feinem Weizenmehl gebackenes Brötchen „Samidu“. Daraus wurde bei den Griechen „Semidalis“ und bei den Römern „Simila“, bevor sich dann in unseren Landen um 800 n. Chr. der althochdeutsche Begriff „Semala“ einbürgerte.

Woher kommt der „Zwerg“?

Alles in allem kommen die im Deutschen enthaltenen Lehnwörter aus mindestens 270 lebenden oder eben auch toten Sprachen – einschließlich regionaler Abweichungen und Dialekte. Allerdings handelt es sich dabei um keine endgültige Zahl. Denn wie beim erwähnten „Marzipan“ ist die Urheimat mancher Wörter noch nicht sicher identifiziert. Das trifft sogar auf recht gebräuchliche Begriffe wie „Reich“, „Spuk“ und „Zwerg“ zu. Insofern könnte uns die etymologische Forschung zur Klärung der Herkunft, Geschichte und ursprünglichen Bedeutung von Wörtern auch künftig noch überraschen.

Auf jeden Fall war das Althochdeutsche, das um 650 n. Chr. entstand, eine Sprache, deren Wortschatz zunächst nur maximal 30.000 Wörter umfasste, die ausschließlich die räumlich begrenzte Lebensrealität des frühen Mittelalters widerspiegelten. Wenn im Gegensatz dazu heute rund 500.000 deutsche Wörter existieren, von denen um die 100.000 Lehnwörter sind, dann besaßen die Deutschen in den vergangenen 14 Jahrhunderten ganz offensichtlich genügend Kreativität, um den „kleinen Rest“ von 370.000 Wörtern selbst hervorzubringen.


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Kommentare

Micha . am 27.09.26, 23:01 Uhr

Eigentlich heißt es, die deutsche Sprache verfüge sogar über 800 000 Wörter und wäre damit - nach Spanisch und Französisch - die drittgrößte Sprache der Welt.
Eine Besonderheit unterscheidet sie von fast allen Anderen: Wir können aus einzelnen Wörtern beliebig viele neue Begriffe bilden. Beispiel für einen Käfer: Krüppelkiefergrünzweigzwergsaugrüsslerweibchen
Oder etwas Gendergerechtes für Idioten:
Innenarchitektinnen...

sitra achra am 27.09.26, 15:06 Uhr

Erstmal danke für die Eloge der deutschen Sprachkultur!
Die deutsche Sprache mit ihren regionalen Dialekten ist sehr komplex und für Ausländer schwer erlernbar im Vergleich zum englischen Idiom, das von deutschen Bewunderern des "Westens" ausgiebig geplündert wird, okay?
Ich selber habe große Sympathien für andere Sprachen wie Französisch, Spanisch, Polnisch und Russisch.
Da sprechen die Gene wohl eine entscheidende Rolle, wer weiß? Jedenfalls läßt die Familiengeschichte diesen Schluß zu.

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