05.03.2026

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Zeitwahrnehmung

Ob uns die Jahre „davonrasen“, liegt auch an uns selbst

Unser Gehirn misst nicht in objektiven Zeiträumen. Dies hat zur Folge, dass das Leben in ganz unterschiedlichen Geschwindigkeiten an uns vorbeizurauschen scheint

Wolfgang Kaufmann
19.01.2026

Um den Jahreswechsel stöhnen Zeitgenossen oft: „Wie die Zeit rast – schon wieder zwölf Monate vergangen!“ Anderen kam das alte Jahr hingegen unendlich lang vor, sei es aus Einsamkeit oder mangelnder Beschäftigung, oder sei es auch wegen der Häufung unerwünschter Ereignisse. Das zeigt die Subjektivität des Zeitempfindens, denn objektiv gesehen ist ein Jahr für alle von uns genau 31.536.000 Sekunden lang. Wie sehr bei der Zeitwahrnehmung persönliche Einstellungen dominieren, spiegelt sich nicht zuletzt Formulierungen wie „Zeit gewinnen“, „Zeit verlieren“, „Zeit verschenken“, „Zeit rauben“ oder „Zeit totschlagen“.

Mittlerweile steht fest, dass das menschliche Gehirn Zeit nicht in Sekunden, Minuten und so weiter misst, sondern als Gesamteindruck bewertet. Denn wir besitzen kein Sinnesorgan und auch keine spezielle Hirnregion für die Zeitwahrnehmung. Deswegen sind viele verschiedene Areale im Groß- und Kleinhirn an der Verarbeitung von Zeitsignalen beteiligt. Dabei ist die Fähigkeit hierzu angeboren. Dieser komplizierte Prozess kann durch verschiedene Faktoren beeinflusst werden.

Eine wichtige Rolle spielt das Aufmerksamkeitsniveau. Wenn wir uns auf den Zeitverlauf konzentrieren, zum Beispiel durch ständige Blicke auf die Uhr, dann muss das Gehirn sehr viele Zeitsignale verarbeiten, wodurch die Zeit langsamer zu fließen scheint. Im umgekehrten Falle „rennt“ die Zeit, wenn Ablenkung im Spiel ist und das Gehirn die Zeitsignale mehr oder weniger ignoriert.

Routine – der heimliche Zeitraffer
Entscheidende Bedeutung hat zudem das Situationsempfinden. Als unangenehm erlebte Momente „dehnen“ die Zeit. Angst führt oft dazu, dass Menschen glauben, ein Ereignis laufe in Zeitlupe ab. Die Zeit verlangsamt sich selbst dann subjektiv gesehen, wenn man lediglich andere Menschen mit Furcht im Gesicht beobachtet. Das Gefühl, unter Zeitdruck oder Stress zu stehen, bewirkt hingegen ein Schrumpfen der wahrgenommenen Zeitspanne. Den gleichen Effekt erzeugen positive Emotionen: „Dem Glücklichen schlägt keine Stunde“, heißt es in Anlehnung an Schillers „Wallenstein“. Hier löst sich die Zeit manchmal vollkommen im Nichts auf, wonach dann irgendwann der Sturz in die aktuelle zeitliche Realität erfolgen muss.

Darüber hinaus wird das Zeitgefühl durch körperliche Zustände beeinflusst. So können Hirnverletzungen die Zeitwahrnehmung empfindlich stören. Manchmal reicht dazu aber auch nur ein Anstieg der Körpertemperatur. Anfang der 1930er Jahre entdeckte der US-amerikanische Neurowissenschaftler Hudson Hoagland, dass die Zeit für seine grippekranke Frau deutlich schneller verlief, wenn ihr Fieber stieg. Wichtig sind des Weiteren Stoffwechselprozesse und physiologische Rhythmen. Ob wir gerade Fett oder Zucker aus der Nahrung in Energie umwandeln oder nicht, beschleunigt oder verlangsamt sich die wahrgenommene Zeit. Ebenso steuert auch die sogenannte Innere Uhr, die uns unter anderem sagt, ob es Tag oder Nacht ist, das Empfinden für die Geschwindigkeit von Zeitabläufen. Und dann wäre da noch das Alter.

Im Alter scheint die Zeit eher zu rasen als in der Kindheit und Jugend. Eine Erklärung hierfür fanden Hirnforscher um Selma Lugtmeijer vom Centre for Human Brain Health der Universität von Birmingham. Sie zeigten Probanden zwischen 18 und 88 Jahren Filmausschnitte und beobachteten dabei deren Gehirnaktivität. Bei jüngeren Menschen kam es bei jedem Szenenwechsel zu abrupten Übergängen zwischen den einzelnen Aktivitätszuständen. Dadurch entstand ein Gefühl der Vielfalt beim Ansehen der Filme, welches die Zeit „dehnte“. Im Falle der Älteren verliefen die Übergänge hingegen fließend, weil ihnen aufgrund ihrer Lebenserfahrung schon viele Situationen in den Streifen bekannt vorkamen, obwohl sie die Filme bislang noch nie gesehen hatten. Die daher rührende Stabilität der Aktivitätsmuster ließ die Zeit „schrumpfen“.

Was hilft: Mehr Abwechslung
Dass man im Alter immer weniger Dinge zum ersten Mal aufnimmt oder tut, fördert Routinen, welche zu einem weniger intensiven Erleben der Zeit führen. Auch dadurch scheinen Tage, Wochen und Jahre schneller zu vergehen. Zudem ändert sich bei älteren Menschen das Verhältnis zwischen den aktuell durchlaufenen Zeitabschnitten und der Gesamtheit der in der Erinnerung präsenten Zeitspanne: Ein Jahr macht im Alter einen immer geringeren Teil des bereits erfahrenen Lebens aus, was ebenfalls zur subjektiven Verkürzung der wahrgenommenen Zeit beiträgt.

Allerdings ist es durchaus möglich, die Zeit wieder zu „dehnen“ – auch und gerade im Alter. Wenn das Erlebte mehr Struktur und Dichte erhält, dann eilt die Zeit weniger schnell dahin. Reisen an unbekannte Orte, das Erlernen neuer Fertigkeiten, interessante herausfordernde Hobbys und Kontakte mit inspirierenden Menschen schaffen Markierungspunkte, die den Zeitfluss bremsen, weil es permanent etwas zu verarbeiten gilt, was man bisher nicht kannte. Dieser Effekt wird durch emotionale Intensität weiter verstärkt. Gleichzeitig kann das Zeiterleben im Alter aber auch ohne solchen Aufwand in positiver Weise verändert werden, weil selbst kleinere Umstellungen im Alltag Wunder wirken. Selbst wenn das Geld für weite Reisen und teure Freizeitvergnügungen fehlt oder vernünftige Gesprächspartner rar sind, muss niemand immer die gleichen Wege gehen und den gleichen Routinen folgen.

Ansonsten sollte man bedenken: Zwar ist es heutzutage essentiell, sich bei der Digitalisierung nicht abhängen zu lassen, andererseits sorgt die neue Technik für eine ungesunde Beschleunigung vieler Abläufe, was Auswirkungen auf das Zeitempfinden hat. Hier ein vernünftiges Mittelmaß bei der Nutzung zu finden, zählt zu den größten Herausforderungen für Jung und Alt. Auf jeden Fall wird der Widerstand gegen die Digitalisierung aller Lebensbereiche wachsen, wenn die Menschen erkennen, dass diese ihre subjektive Zeitwahrnehmung beeinflusst und die kostbaren Lebensjahre noch schneller als bislang verfliegen lässt.


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