Preußische Allgemeine Zeitung Zeitung für Deutschland · Das Ostpreußenblatt · Pommersche Zeitung
In „Klarphul“ erzählt Matthias Ries-Wolff die Geschichte seiner Vorfahren vor und nach dem Zweiten Weltkrieg teils in Romanform, teils in Anekdoten
Das Rittergut Klarphul im Kreis Dramburg in Pommern war seit 1836 im Besitz der Familie Modrow. Zu dem Gut gehörten 738 Hektar Wald und das später vom Eigentümer Wilhelm Modrow zugekaufte benachbarte Gut Julienhof.
Im heutigen Dorf Klarphul [Jasnopole] erinnert daran nichts mehr außer den Marmortafeln auf dem Friedhof mit den Namen der deutschen Gutsbesitzer. Im Februar 1945 wurde Klarphul von den Russen geplündert und im Dezember niedergebrannt.
Der letzte Besitzer Walter Modrow erlebte die Tragödie nicht mehr. Er war am 6. Januar 1945 friedlich eingeschlafen. Seit dem plötzlichen Tod seiner Ehefrau Hildegard geb. Blühdorn kurz nach der Geburt ihres dritten Kindes im Frühjahr 1914 war Walter Modrow Witwer. Seine 1884 geborene ledige Schwester Editha sprang seinerzeit ein und übernahm die Haushaltsführung. Dieser Entschluss war ihr nicht leichtgefallen, lebte sie doch komfortabel als Gesellschafterin bei Frau Generalleutnant Eugen von Albedyll in Blankenburg.
Im Zweiten Weltkrieg hielt sie auf Klarphul weiterhin die Stellung. Am 7. Februar 1945 notierte die standhafte Schwester in ihrem Tagebuch, dass der Geschützdonner immer näher rückte und „in nichts mehr Ordnung“ herrschte. Tags darauf, die Russen standen schon in 15 Kilometer Entfernung, verließ der Flüchtlingstreck mit zahlreichen Gespannen Klarphul.
Nach wochenlangem Warten auf eine Gelegenheit zur Elbüberquerung in Schleswig-Holstein endete die Flucht im Juli für Editha, ihre verwitwete Nichte Barbara und deren Kinder Karli und Hillalott auf einem Bauernhof in Velber, einem Dorf in der Nähe von Hannover.
Matthias Ries-Wolff, Richter am Landgericht Chemnitz, ist Karlis Sohn und ein Urenkel von Walter Modrow. In seinem Buch „Klarphul. Anfang und Ende der Familie Modrow“ wirft er Schlaglichter auf zwei Zeitabschnitte mit einschneidenden Ereignissen in seiner pommerschen Herkunftsfamilie mütterlicherseits.
Das junge Glück zerbrach zu schnell
Es sind die Jahre 1909 bis 1914 und 1945. Der erste Teil ist als romanhafte Erzählung gestaltet. Vorgestellt werden Walter und seine Eltern, die noch ganz im Kosmos der althergebrachten Wertvorstellungen von Sitte und Anstand der „besseren Kreise“ verhaftet waren. Im Rückblick erfährt man, dass die männlichen Vorfahren namens Moderow (bevor die pommersche Mundart das „e“ verschluckte) Kapitäne waren, bis ein Jacob Modrow auf Wunsch seiner Ehefrau die Seefahrt aufgab und sesshaft wurde. Drei ihrer Kinder kauften 1836 zusammen die Kallieser Schlossgüter. Walters Vater Gustav übernahm Klarphul.
Walter, der einzige Spross seiner Eltern, lernt 1909 auf einem Fest bei der Familie seines Freundes Georg seine zukünftige Braut Hildegard geb. Blühdorn vom Gut Granow kennen, verliebt sich und macht ihr ohne Umschweife einen Heiratsantrag. Im Frühjahr 1914 endete jedoch das Glück dieser noch jungen Ehe, als Hildegard kurz nach der Geburt ihres dritten Kindes plötzlich und unerwartet starb.
Edithas Tagebucheintragungen
Der weitere Verlauf der Familiengeschichte bis zum letzten Kriegsjahr 1945 wird anhand einiger Anekdoten in knapper Form schnell erzählt. Es folgen im zweiten Teil des Buches ungekürzt und unkommentiert Edithas Tagebucheintragungen vom 1. Januar bis zum 31. Dezember 1945.
Hierzu ist zu bemerken, dass die kommentarlose vollständige Wiedergabe dieser Tagebuchnotizen über mehr als
80 Buchseiten einerseits zwar einen unmittelbaren Eindruck von der schwierigen Situation der Ostflüchtlinge in der Nachkriegszeit in fremder Umgebung ermöglicht. Da sich aber die Einträge doch meist auf belanglose Vorfälle beziehen, ist man als Leser damit rasch überfordert. Dennoch eröffnet das Buch dank des Vorworts und Nachworts vom Verfasser und Herausgeber spannende und wissenswerte Eindrücke vom Leben auf den pommerschen Gütern in dieser untergegangenen Epoche.
Matthias Ries-Wolff: „Klarphul. Anfang und Ende der Familie Modrow“, Notschriften Verlag, Radebeul 2025, broschiert, 152 Seiten, 13,90 Euro