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Die Schorfheide: Wo sich tief im Wald jede Menge brandenburgische Geschichte verbirgt
Mit einer Fläche von 1.291 Quadratkilometern ist die nördlich von Berlin gelegene Schorfheide das größte zusammenhängende Waldgebiet Mitteleuropas. Hier gibt es mehr als 240 Seen, darunter auch den 13 Kilometer langen Werbellinsee. Er ist wohl der bekannteste dieser Gegend.
Seit dem 12. Jahrhundert bildete die Schorfheide das bevorzugte Jagdgebiet der brandenburgischen Landesherren. Ab Mitte des 16. Jahrhunderts war das Jagdrecht dort ausnahmslos den brandenburgischen Kurfürsten, später den preußischen Königen und deutschen Kaisern aus dem Hause Hohenzollern vorbehalten. Deren Spuren sind noch heute an zahlreichen Stellen erhalten.
Bereits die Askanier legten westlich des Werbellinsees eine Burg an. Vornehmlich diente diese ihnen als Wehranlage, aber sie gingen von dort aus auch zur Jagd. Die Hohenzollern, in deren Besitz die Burg dann später überging, ließen an derselben Stelle von 1680 bis 1715 das Jagdschloss Groß Schönebeck im Stile des Barock errichten. König Friedrich Wilhelm I. arbeitete hier im Dezember 1722 die Grundzüge einer neuen Verwaltungsstruktur für Preußen aus. Mit dem Bau des ebenfalls auf der Westseite des Werbellinsees gelegenen Jagdschlosses Hubertusstock von 1847 bis 1849 verlor das Anwesen in Groß Schönebeck an Bedeutung. Der letzte Hohenzoller, der es nutzte, war der spätere Kaiser Wilhelm II. als Prinz bzw. Kronprinz, also vor seiner Thronbesteigung. Nach dem Ende der Monarchie 1918 diente das Schloss den Forstmeistern als Wohnhaus. Auch nach dem Zweiten Weltkrieg wurde es noch bis Mitte der 70er Jahre als Dienst- und Wohngebäude der Oberförsterei Groß Schönebeck genutzt, ehe es dann zu einem Kulturhaus der Forstarbeiter umgebaut wurde. Nach der friedlichen Revolution errichtete man in den Räumlichkeiten das Schorfheide-Museum. Es wurde am 13. Mai 1991 feierlich eröffnet und veranschaulicht auf zwei Stockwerken die Geschichte der Schorfheide und ihrer prominenten Jagdgäste von den Anfängen bis in die Gegenwart.
Weitaus bekannter als Groß Schönebeck ist das schon erwähnte Schloss Hubertusstock. König Friedrich Wilhelm IV., in dessen Auftrag es erbaut wurde, sowie die beiden Kaiser Wilhelm I. und Wilhelm II. nutzten dieses während ihrer Jagdaufenthalte in der Schorfheide. Nach 1918 diente es zunächst den Reichspräsidenten Friedrich Ebert und Paul von Hindenburg als Jagd- und Gästehaus, später dann den Machthabern des Dritten Reiches und anschließend denen der DDR. In den 1970er Jahren wurde das inzwischen marode Gebäude abgerissen und auf den alten Grundmauern ein neuer Bau in verändertem, aber gleichwohl historisierendem Stil errichtet, der nach 1990 einen Hotel- und Gaststättenbetrieb beherbergte.
Wo Wilhelm einen 22-Ender schoss
In der Umgebung des Schlosses erinnern etliche Gedenksteine an die Hohenzollernherrscher und ihr Jagdglück. Schüler und Lehrer der Goethe-Realschule in Eberswalde (Brandenburg) und der Wilhelm-von-der-Heyde-Realschule in Delmenhorst (Niedersachsen), die im Rahmen der Partnerschaft beider Städte miteinander verbunden sind, haben vor Jahren hier einen rund zehn Kilometer langen Wanderweg angelegt, der die Gedenksteine leicht auffindbar und zugänglich macht. Stein Nr. 2 ließ Wilhelm II. aufstellen und widmete ihm seinem Großvater „Wilhelm dem Großen“ zu dessen 100. Geburtstag am 22. März 1897. Stein Nr. 3 weist einfach die römische Zahl „XXV“ auf und erinnert damit an das silberne Ehejubiläum Wilhelms II. mit Auguste Viktoria im Jahre 1906. Stein Nr. 4 weist unter der Kaiserkrone ebenfalls eine römische Zahl auf, nämlich die „XXII“, dazu das Datum „5.10.1896“ und den Namen „Wilhelm II.“. Alles zusammen bedeutet, dass der Kaiser dort an besagtem Tag einen 22-Ender erlegte. Stein Nr. 6 markiert die Stelle, an der Prinz Friedrich Karl von Preußen seinen 500. Hirschen schoss. Und Stein Nr. 7 wiederum ist dem Abschuss des 300. Hirschen durch den letzten deutschen Kaiser am 14. Oktober 1909 gewidmet. Eine Besonderheit bildet der Gedenkstein Nr. 12, der am 12. Juni 1993 unweit des Schlosses aus Anlass des 150. Geburtstages des Geehrten enthüllt wurde: Er erinnert an Balduin von Hövel (1843–1932), der von 1879 bis 1919 als Oberförster in Grimnitz wirkte und waidmännischer Berater des letzten deutschen Kaisers war.
1899 wurde im Auftrag Kaiser Wilhelms II. bei Joachimsthal ein Bahnhof errichtet, damit der Monarch schnell und bequem zur Jagd in die Schorfheide reisen konnte, wobei er seinen Wohnsitz dann im Schloss Hubertusstock nahm. Anlässlich des 400. Jubiläums des zwischen dem Grimnitz- und dem Werbellinsee gelegenen Ortes Joachimsthal, der 1604 durch Kurfürst Joachim Friedrich gegründet worden war, wurde auch der in den letzten Jahrzehnten heruntergekommen wirkende Bahnhof Werbellinsee mit großem Aufwand restauriert. Anschließend erhielt er den Namen „Kaiserbahnhof“. Insbesondere die ehemalige kaiserliche Wartehalle (Kaiserpavillon) erstand in neuem, denkmalgerechtem Glanz. Aber auch das einstige Stationsgebäude, in dessen Erdgeschoss sich jetzt eine öffentliche Galerie befindet, die über die Geschichte des Bahnhofs informiert, wurde renoviert. Zudem wird das gesamte Gelände als „Kulturbahnhof“ genutzt, in dem entsprechende Veranstaltungen angeboten werden. Der Kaiserbahnhof Werbellinsee wurde seinerzeit im englischen Landhausstil erbaut. Einer Informationstafel kann man entnehmen, dass die „figürlichen Elemente und Holzverzierungen“ vermuten lassen, „dass der Kaiser, inspiriert von seinen Schiffsreisen nach Skandinavien, architektonische Zitate des Nordens auch an diesem Ort in der Schorfheide wiederfinden wollte.“
Ein unerschöpfliches Areal
Bereits 1893 hatte man mit dem Bau einer Sekundärbahnstrecke begonnen, die von Altstrelitz über Lychen, Templin, Ringenwalde und Joachimsthal bis nach Britz/Eberswalde führen sollte. Vier Jahre später war der erste Abschnitt fertiggestellt. Der eigens für den Kaiser vorgesehene Bahnhof Werbellinsee bildete für dessen repräsentativen Sonderzug die Endstation, wenn der Monarch zu seinen Jagdaufenthalten in die Schorfheide reiste. Seit einigen Jahren wird der Bahnhof von einer privaten Eisenbahngesellschaft angefahren. Das neben dem Bahnhof gelegene Hotel und Gasthaus, das früher den Namen „St. Hubertus“ führte, wurde in „Gaststätte und Pension ‚Zum Kaiserbahnhof'“ umbenannt.
Nahezu unbekannt und auf keiner Karte eingezeichnet ist ein Stein, der „Wilhelm dem Großen“ gewidmet ist und aus Anlass seines 100. Geburtstages aufgestellt wurde. Er steht gegenüber der Revierförsterei „Wildfang“ am Döllner Damm, auf dem die alte Straße entlangführt, die Joachimsthal und Groß Schönebeck miteinander verbindet.
Zuletzt sei noch der „Centenar-Garten“ an der Bundesstraße 109 zwischen Zehdenick und Templin erwähnt, der ebenfalls zum 100. Geburtstag des ersten Hohenzollernkaisers angelegt wurde. Eine dort aufgestellte Tafel verkündet dazu im historischen Wortlaut: „Anläßlich des hundertjährigen (,Centenar') Geburtstages von Kaiser Wilhelm d. I. wurde hier 1897, im Auftrag von Hegemeister Lange, ein kleiner Centenar-Garten errichtet. In Anerkennung der drei deutschen Staatsmänner Kaiser Wilhelm I., Reichskanzler Otto Fürst von Bismarck und Generalfeldmarschall Helmut (sic!) Graf Moltke, (sic!) pflanzte man hier drei Eichen und setzte dazu jeweils einen Gedenkstein. Forstverwaltung Brandenburg“.
Wer sich Zeit nimmt, die Schorfheide ausgiebig zu durchstreifen, wird noch etliche weitere, hier nicht aufgeführte Spuren der Hohenzollern finden können. Immer wieder trifft man bei Wanderungen im Wald ganz plötzlich auf Stätten historischer Ereignisse – ein unerschöpfliches Areal für alle, die an der preußisch-deutschen Geschichte interessiert sind.