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Digitale Arbeitswelt

Wer den Quellcode kontrolliert

Schluss mit der Abhängigkeit von den US-Internetriesen – Die deutsche Verwaltung sucht als Alternative freie Softwarelösungen

Stefan Piasecki
07.03.2026

Eine fraktionsübergreifende Parlamentskommission des Bundestages will die Abhängigkeit von US-Firmen wie Microsoft & Co. beenden und auf sogenannte Open-Source-Lösungen setzen. Was steckt dahinter?

Deutschlands Verwaltungen stehen unter Druck. Bürger erwarten funktionierende Online-Dienste, sichere IT-Systeme und effiziente Abläufe, während Budgets knapp bleiben und die Abhängigkeit von großen Internetkonzernen wie Microsoft oder Apple zunehmend kritisch gesehen wird. In dieser Lage gilt frei verfügbare Open-Source-Software vielen als Hoffnungsträger: transparent, flexibel, vielleicht langfristig günstiger. Auf den ersten Blick. Denn jenseits der Kostenvorteile stellen sich heikle Fragen, die in der politischen Debatte oft zu kurz kommen.

Der Preis ist der offensichtlichste Vorteil: Lizenzkosten entfallen oder sind deutlich geringer, und der Staat behält prinzipiell die Kontrolle über den Quellcode, der bei Google und Co. Betriebsgeheimnis und daher für Nutzer nicht einsehbar ist. Gerade vor dem Hintergrund digitaler Souveränität ist das ein starkes Argument. Doch günstiger bedeutet nicht automatisch besser – und schon gar nicht wartungsfrei. Software in der Verwaltung muss über Jahre stabil laufen, regelmäßig aktualisiert werden und höchsten Sicherheitsanforderungen genügen. Open Source als Werk räumlich unabhängig wirkender, aber gemeinschaftlich geplanter IT-Kollektive liefert den Code, aber nicht automatisch dessen Pflege.

Hier liegt der Kern des Problems: Wer ist verantwortlich für Updates, Sicherheitswartung und Weiterentwicklung? Während Anbieter von urheberrechtlich geschützter Software vertraglich zur Wartung verpflichtet sind, hängt Open Source von externen, nicht selten freiwillig mitarbeitenden Communities, Dienstleistern oder eigenen IT-Abteilungen ab. Gut gepflegte Projekte wie Linux zeigen seit Jahrzehnten, dass dieses Modell hervorragend funktionieren kann – allerdings nur mit klaren Zuständigkeiten und ausreichenden Ressourcen. Ohne diese drohen veraltete Versionen, nicht gestopfte Sicherheitslücken und technische Schulden, die sich über Jahre aufbauen.

Ein weiteres oft unterschätztes Thema ist die Schulung der Mitarbeiter. Der Umstieg auf neue Systeme bedeutet Umstellung im Alltag, Veränderungsresilienz und Produktivitätsverluste, wenn keine Begleitung erfolgt. Teilweise ist die Aktenführung doppelt zu erledigen, noch auf Papier oder in Office-Formaten und zudem mit neuen Open-Source-Lösungen. Open Source ist hier nicht schlechter als kommerzielle Software, aber auch nicht automatisch besser. Entscheidend ist, ob es verlässliche Ansprechpartner gibt: interne Kompetenzzentren, externe Dienstleister oder landesweite Supportstrukturen. Fehlen diese, wird aus der vermeintlich günstigen Lösung schnell ein organisatorisches Risiko.

Positive wie negative Fallbeispiele zeigen, wie schmal der Grat beim Einsatz von Open Source in der Verwaltung ist. Häufig genannt wird die Stadt München, die mit ihrem Linux-basierten Projekt lange als Vorreiter galt. Technisch funktionierte vieles, doch organisatorisch und politisch scheiterte der Ansatz zeitweise an wechselnden Mehrheiten, unklaren Zuständigkeiten und fehlender strategischer Rückendeckung. Der spätere Teilrückbau wirkte bundesweit abschreckend und prägte die Debatte bis in die Bundeshauptstadt, wo Open Source seither oft als Risiko statt als Infrastruktur wahrgenommen wird.

Dabei zeigen andere Beispiele, dass es auch besser geht. Das Land Schleswig-Holstein stellt seine Verwaltung derzeit schrittweise auf Linux und offene Standards um – mit klaren Zeitplänen, langfristigen Wartungsverträgen und begleitender Schulung. International gilt die Stadt Barcelona als Vorbild für eine politisch abgestützte Open-Source-Strategie, während die französische Gendarmerie Nationale seit Jahren zeigt, dass offene Software auch in sicherheitsrelevanten Bereichen stabil betrieben werden kann. Ihre IT-Kosten wie Lizenzgebühren wurden drastisch gesenkt und Unabhängigkeit von Herstellern gewonnen.

Für Berlin und den Bund lässt sich daraus eine klare Lehre ziehen: Nicht der Quellcode entscheidet über Erfolg oder Scheitern, sondern vor allem die Bedienung, Verlässlichkeit und Bereitschaft, digitale Infrastruktur als dauerhafte staatliche Aufgabe zu begreifen. Für den Einstieg empfiehlt sich kein radikaler Systemwechsel, sondern ein pragmatischer Anfang. Büroarbeitsplätze lassen sich etwa mit LibreOffice ausstatten, ohne tief in Kernprozesse einzugreifen. Für sichere Dateiablage und Zusammenarbeit bietet sich Nextcloud an, das bereits in vielen Verwaltungen im Einsatz ist. Solche Lösungen sind ausgereift, gut dokumentiert und verfügen über aktive Communities sowie professionelle Supportanbieter.

Am Ende entscheidet nicht die Lizenzform über Erfolg oder Misserfolg, sondern der politische Wille. Open Source in der Verwaltung funktioniert dann am besten, wenn Pflege, Sicherheit, Schulung und Verantwortung von Anfang an mitgedacht werden. Ein haushaltsbedingter Sparzwang dürfte nicht die geeigneten Impulse erzeugen und sowohl zweifelnde wie auch motivierte Mitarbeiter enttäuschen. Wer hingegen strategisch auch in Zeiten knapper Kassen investiert, kann nicht nur Kosten senken, sondern Vertrauen zurückgewinnen – in funktionierende Verwaltung und in staatliche digitale Kompetenz.


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Kommentare

David L am 07.03.26, 00:58 Uhr

Ich habe viele Jahre für Red Hat (ein US-amerikanisches Unternehmen für Linux-Unternehmenssoftware) gearbeitet, bevor es von IBM übernommen wurde.

Die Unternehmenskultur war extrem politisch korrekt, und einige Führungskräfte hatten enge Verbindungen zur US-Demokratischen Partei. Gegen Ende gab es zudem massives Mobbing am Arbeitsplatz, insbesondere in meiner Abteilung in Australien, und die US-amerikanische Führungsebene war nicht bereit, etwas dagegen zu unternehmen.

Ich habe gehört, dass die Situation dort mittlerweile noch schlimmer ist – siehe die von Bryan Lunduke dokumentierten, aufsehenerregenden Leaks zur Unternehmenskultur.

Was die Linux-Nutzung angeht, interessiert sich Red Hat ausschließlich für Serversoftware, nicht für Desktop-Nutzer. Da sie damit ihr Geld verdienen, investieren sie nicht nennenswert in LibreOffice, KDE usw.

Das Sicherheitsmodul SELinux wurde in Zusammenarbeit mit US-amerikanischen Sicherheitsbehörden entwickelt, und angeblich versteht nur eine einzige Person bei Red Hat seine Funktionsweise vollständig. Daher sollten andere Länder trotz des offenen Quellcodes vorsichtig sein, dieses System einzusetzen.

Open Source ist eine gute Methode, die schnell hervorragende Ergebnisse liefert, vorausgesetzt, man verfügt über die nötigen Ressourcen und die Unterstützung einer Community.

Es ist wirklich schade, dass die Unternehmenskultur bei Red Hat zum Zeitpunkt meines Ausscheidens so schlecht war; das hat mir einen bitteren Nachgeschmack hinterlassen.

Wenn Sie konkrete Fragen an mich haben, stellen Sie sie gerne. Ich erzähle Ihnen gerne mehr über meine Erfahrungen mit Open-Source-Software im Allgemeinen.

David
Australien

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