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Zwei jüdische Brüder gründeten in Suhl Simson, Deutschlands größten Hersteller motorisierter Zweiräder
Simson-Kleinkrafträder in der Version der bis 1986 gebauten „Schwalbe“, des bis 1980 produzierten S 50 oder dessen anschließend hergestellten Nachfolgers S 51 sind gerade bei jungen Leuten beliebt. Viele haben ein solches motorisiertes Zweirad von Oma oder Opa geerbt. Es ermöglicht eine erste Mobilität für die Heranwachsenden, die dazu nur den Führerschein der Klasse AM für Mopeds, umgangssprachlich „Fleppe“, brauchen.
Die Jugendlichen profitieren dabei von einer Sonderregelung im deutsch-deutschen Einigungsvertrag. Grundsätzlich dürfen mit dem AM-Führerschein nur Fahrzeuge mit einer Höchstgeschwindigkeit von 45 Kilometern in der Stunde gefahren werden. Eine Ausnahme gilt jedoch für in der DDR hergestellte Mopeds wie die von Simson. Diese dürfen mit dem AM-Führerschein bis zu 60 Kilometer pro Stunde schnell sein.
Bodo Ramelow (Die Linke), bis 2024 Ministerpräsident Thüringens, brachte es kürzlich in einem Grußwort zu einem Motorradtreffen auf den Punkt: „Das rostet sich schon weg“, habe die Politik damals geglaubt. „Aber das Gegenteil war der Fall.“ Es ist eben reizvoll, mit 3,5 PS und etwas schneller als mit vergleichbaren Nicht-DDR-Produkten unterwegs zu sein.
Mit einem Hammer fing es an
Vor 170 Jahren gründeten die beiden jüdischen Brüder Löb und Moses Simson im damals preußischen Suhl die Firma Simson & Co. Zwei Jahre zuvor hatten die beiden einen Stahlhammer, mit dem Eisenerz zu Schmiedeeisen verarbeitet wurde, zu einem Drittel erworben. Die Brüder stellten dann zivile und militärische Schusswaffen her, letztere hauptsächlich für die Armee Preußens, zu dem Suhl seit der Neuordnung Europas nach den napoleonischen Kriegen auf dem Wiener Kongress gehörte. 1918 zählte die Firma dreieinhalbtausend Mitarbeiter.
Ab 1896 produzierte der Betrieb in Suhl auch Fahrräder, von 1911 bis 1934 zudem Personenkraftwagen. 1924 begann die Produktion des bekanntesten Pkw-Modells, des Supra. Bis 1934 wurden etwa 1520 Exemplare dieses Typs gefertigt, der auch im Rennsport erfolgreich eingesetzt wurde.
1933 sah sich der ebenfalls jüdische Geschäftsführer der Simson & Co KG Arthur Simson genötigt, das Unternehmen an eine neu gegründete Berlin-Suhler Waffen- und Fahrzeugwerke GmbH zu verpachten. Nach gerichtlichen Auseinandersetzungen flohen die jüdischen Geschwister Arthur, Julius, Rosalie und Minna 1936 zunächst in die Schweiz und später in die USA. Die Familie ist ein Beispiel dafür, wie jüdische Firmeninhaber mit politisch motivierten Zwangsmitteln aus ihrem Besitz verdrängt wurden.
Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde das Unternehmen 1952 zum VEB Fahrzeug- und Gerätewerk Simson Suhl. Die DDR verbarg den jüdischen Namen also nicht. Der volkseigene Betrieb war mit dreieinhalbtausend Beschäftigten der größte Arbeitgeber in der Stadt Suhl. Man produzierte Mopeds, Mokicks und Roller. 1964 startete die Produktion des Kleinkraftrades „Schwalbe“, und ab 1975 wurde das Moped S 50 gebaut. Zweihunderttausend Mopeds verließen zu DDR-Zeiten das Werk in Suhl. Schon bald waren die Kräder aus dem sozialistischen Mobilitätsalltag nicht mehr wegzudenken.
Nach der friedlichen Revolution 1989 verzichteten die Simson-Erben gegenüber der Treuhand auf eine Rückführung ihres Eigentums. 2002 musste die Produktion wegen mangelnden Absatzes eingestellt werden. Ein ikonisches Zweirad mit einfacher Technik und dem charakteristischen Zweitakt-Fahrgefühl kam an sein Ende.
Reimporte werden aufgearbeitet
Auf einem Simson-Treffen in Frankfurt an der Oder erzählt eine Frau, dass sie ihre „Schwalbe“ (KR 51) von ihrer Großmutter geerbt habe. „Viele hängen an diesen Fahrzeugen, weil es Familienstücke sind“, sagt sie. „Sogar die ältere Generation fiebert mit den heutigen Jugendlichen mit“, wenn es diese Treffen gibt. Es gehe aber nicht darum, gesellschaftspolitische Gegensätze zu zelebrieren. Ein anderer Fahrer gesteht: „Ja, ich habe erst vor kurzem von der jüdischen Vergangenheit der Simson-Motorräder gehört.“ Motorrad-Enthusiast Dieter Müller erinnert sich: „1968 habe ich mir vom Konfirmandengeld die erste Maschine in Berlin bestellt. Die Wartezeit war nur ein paar Monate. Zu Weihnachten war sie da.“ Seine anschließende Lehre als Landmaschinen- und Traktorenschlosser habe es ihm ermöglicht, alles selbst zu reparieren. Heute gebe es allerdings immer wieder Probleme mit dem Bioanteil im Spritgemisch.
Für die Simson S 50/51 hat sich sogar der Landtag Brandenburg eingesetzt. Als „Aspekt der ostdeutschen Jugendkultur“ gelte es, „die Kultur des Miteinanders, der Kreativität und der technischen Leidenschaft aktiv zu würdigen und zu fördern“, heißt es in einem Beschluss des Landtags aus dem Jahr 2025. Von den Fraktionen der SPD, des BSW und der CDU gab es den Antrag, die Simson-Historie zu würdigen. Die AfD drängte auf eine Anerkennung durch die UNESCO. Dem dürfte allerdings kein Erfolg beschieden sein. Die Kriterien der Weltorganisation geben das nicht her.
Mehr Erfolg ist derweil einem Potzlower Zweirad-Importeur beschieden, der fast weltweit Simson-Motorräder aufspürt, nach Deutschland reimportiert und aufarbeitet. Allerdings gilt die zu Beginn dieses Artikels genannte Sonderregelung des Einheitsvertrages, dass man mit dem AM-Führerschein bis zu 60 Kilometer in der Stunde schnelle Mopeds fahren darf, sofern sie denn in der DDR hergestellt wurden, nur dann, wenn diese vor dem 28. Februar 1992 erstmals in den Verkehr gekommen sind.