Preußische Allgemeine Zeitung Zeitung für Deutschland · Das Ostpreußenblatt · Pommersche Zeitung
Der Journalist Holger Stark plädiert für mehr gemeinsame Anstrengungen der EU-Staaten
Zwischen Berlin und Washington ist das politische Band dünn geworden. Aber das, schreibt Holger Stark, stellvertretender Chefredakteur der „Zeit“ und lange Zeit USA-Korrespondent, biete Chancen, dass Deutschland und Europa auf eigene Füße kommen und unabhängiger von den USA werden, was im eigenen Interesse so schnell wie möglich auch geschehen sollte.
In zwei Abschnitten geht Stark am Beispiel der USA und Deutschlands das Thema durch. Es sind mit viel Hintergrundwissen und exzellenten Analysen geschriebene Kapitel, die in einem historischen Abriss die jüngste Geschichte beider Länder spiegeln. In Trump und der ihn stützenden MAGA-Bewegung sieht der Autor eine neue politische Elite, konzentriert auf sich selbst und voller Hybris, ja Verachtung besonders der Europäer. In Personen wie Vizepräsident Vance verkörpert sich dieser neokonservative Typus besonders augenfällig; Trumps scheinbar irrwitzige Zollpolitik hat aber einen durchaus realen Hintergrund, nämlich die enorme, aus dem Ruder laufende Staatsverschuldung.
Mit Blick auf Deutschland erinnert Stark an das Auf und Ab seit der Jahrtausendwende. Unter Schröder geriet das deutsch-amerikanische Verhältnis zur Eiszeit; unter Merkel, so Stark, war das Verhältnis nie freundlicher, fast auch noch unter Scholz mit dessen enger Anlehnung an Präsident Biden. Heute rangieren für den amerikanischen Präsidenten dagegen persönliche Beziehungen an zweiter Stelle; ihm wie der neuen Elite geht es zuerst um Deals – an einem Tag Freund, am anderen Feind.
Trumps erratische Politik zwang Europa zu Überlegungen, unabhängiger von den USA zu werden, ohne deren Schutz zu verlieren. Den vielen Schlagworten wie „unabhängiger“, „mutiger“, „selbstbewusster“ fehle es aber bislang an realer Substanz. Krassestes Beispiel die Rüstung: Noch immer werkelt nahezu jede Nation eigens vor sich hin. Gemeinsame Vorhaben sind Mangelware, ein prestigeträchtiges Kampfflugzeugprojekt zwischen Deutschland und Frankreich ist gescheitert.
Stark ist am Ende auf „Goodbye, America“ eingestimmt, weiß aber auch nicht so recht, was zu tun ist. Unter ehemaligen und aktiven Spitzenpolitikern macht er ambitionierte Neuerer (Baerbock, Maas), Realisten (Fischer, Gabriel) und Traditionalisten (Scholz) aus. Vor allem vor der Gretchenfrage drückt er sich: Russland hat rund 6500 atomare Sprengköpfe; deren Vernichtungskraft würde den ganzen Erdball zur Wüste machen. Einer atomaren Bedrohung wäre Westeuropa ohne den atomaren Schutz der USA fast hilflos ausgeliefert. Ist es da erwachsen?