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In Mainz wurde der Weiße Ring am 24. September 1976  gegründet: Der Mitbegründer und erste Bundesvorsitzende der Opferschutzorganisation bis 1994, Eduard Zimmermann
Bild: imago images / United ArchivesIn Mainz wurde der Weiße Ring am 24. September 1976 gegründet: Der Mitbegründer und erste Bundesvorsitzende der Opferschutzorganisation bis 1994, Eduard Zimmermann

Als das Opfer endlich gesehen wurde

Vor 50 Jahren gründete Eduard Zimmermann mit Mitstreitern den Weißen Ring

Bernhard Knapstein
22.09.2026

Wenn alle den Täter jagen, wer bleibt dann beim Opfer?“, fragte vor 50 Jahren Eduard Zimmermann, bekannt als „Mister Aktenzeichen XY ... ungelöst“. Die Frage traf einen blinden Fleck der Bundesrepublik: Straftaten wurden vor allem aus Sicht von Polizei, Staatsanwaltschaft und sogar aus der Perspektive des Täters betrachtet. Das Opfer erschien im Strafverfahren häufig lediglich als Zeuge oder als Beweismittel – und musste zusehen, wie es mit dieser marginalisierten Position zurechtkam.

Am 24. September 1976 wurde in Mainz der „Weiße Ring“ ins Vereinsregister eingetragen. 17 Männer und Frauen standen am Anfang einer Organisation, die von einem kleinen Kreis engagierter Bürger zur größten deutschen Hilfsorganisation für Kriminalitätsopfer werden sollte. Heute gehören ihr rund 40.000 Mitglieder an, etwa 3.000 Menschen arbeiten ehrenamtlich mit, hinzu kommen rund 120 Hauptamtliche und etwa 400 Außenstellen. In einem halben Jahrhundert hat der Verein nach eigenen Angaben rund 684.000 Kriminalitätsopfer betreut und rund 170 Millionen Euro an Opferhilfen ausgezahlt.

„Bringschuld der Gesellschaft“

Zimmermann war durch seine ZDF-Fernsehsendung „Aktenzeichen XY ... ungelöst“ bekannt, welche die Schrecken mörderischer und noch unaufgeklärter Verbrechen in die Wohnzimmer von Millionen Deutschen brachte. Doch seine Idee ging über die bloße Fahndung nach Tätern hinaus. Er wollte Menschen helfen, die nach einer Straftat häufig mit materiellen Schäden, Angst, Scham und einem Gefühl der Hilflosigkeit zurückblieben.

Wie groß die Lücke damals war, zeigt ein Schreiben des baden-württembergischen Ministerialdirigenten Alfred Stümper aus dem Jahr 1974. „Um das Opfer kümmert sich hingegen – sofern es selbst oder etwaige Hinterbliebene sich nicht allein zu helfen wissen – niemand“, schrieb Stümper, der selbst zum Mitbegründer des Weißen Rings wurde. Die geplante Organisation könne „eine echte, unverständlicherweise seit langem bestehende Lücke schließen“. Zimmermann formulierte den Anspruch noch grundsätzlicher: „Hilfe für Verbrechensopfer ist kein Almosen, sondern Bringschuld der Gesellschaft.“ Der Satz trägt bis heute, denn er macht aus Opferhilfe keine bloße Wohltätigkeit, sondern eine gesamtgesellschaftliche Pflicht.

Der Verein wuchs schnell, eröffnete Außenstellen und baute ein Netz ehrenamtlicher Helfer auf. Bereits Mitte der 80er Jahre hatte die Organisation 20.000 Mitglieder und 200 Anlaufstellen. Ehrenamtliche wurden systematisch aus- und weitergebildet. Der Verein kümmerte sich nicht nur um finanzielle Zuwendungen, sondern um persönliche Betreuung, Begleitung, Beratung und Unterstützung im Umgang mit den Behörden und der Justiz.

Dabei blieb es nicht bei der Einzelfallhilfe. Der Weiße Ring wollte die Regeln verändern, nach denen Opfer behandelt wurden. 1987 trat das Opferschutzgesetz in Kraft und stärkte die Stellung von Opferzeugen im Strafverfahren. Schon zuvor hatte der Verein begonnen, sich mit rechtspolitischen Forderungen einzumischen, wurde zum politischen Interessenvertreter und holte damit das Opfer aus dem Schatten des Täters.

Zwei große Bewährungsproben

Die Geschichte des Vereins kennt allerdings auch Konflikte und Krisen – und traf auch den Gründer selbst. Im Jahr 2000 kam es zu einem heftigen Streit um den damaligen Bundesvorsitzenden Max Herberg und Vorwürfe im Zusammenhang mit Spenden, die Herberg und der Verein zurückwiesen. Herbergs Wiederwahl scheiterte. Zugleich wurden Zimmermann und Stümper wegen „vereinsschädigenden Verhaltens“ aus dem Vorstand ausgeschlossen. Zimmermann verließ daraufhin für einige Jahre den Verein. Zum 30-jährigen Bestehen verlieh der Weiße Ring Zimmermann und weiteren Gründungsmitgliedern die Ehrenmitgliedschaft. Nach Zimmermanns Tod im Jahr 2009 würdigte der Weiße Ring ihn erneut als den Mann, der einen „Meilenstein in der deutschen Rechtsgeschichte“ gesetzt habe.

Die zweite große Bewährungsprobe ergab sich aus die Frage, wie professionell ehrenamtliche Opferhilfe sein kann und muss. Denn die Stärke des Weißen Rings ist zugleich seine Verwundbarkeit. Das Fundament bilden Menschen, die ihre Zeit freiwillig zur Verfügung stellen. Sie hören zu, fahren zu Betroffenen, begleiten sie zu Behörden oder vor Gericht und helfen bei den ersten Schritten nach einer Straftat – eine solche Opferhilfe braucht klare Regeln, Ausbildung und Kontrolle.

Opferhilfe erfordert Vertrauen, das auch schon einmal angeschlagen wird. 2024 wurde ein ehemaliger Außenstellenleiter wegen Vergewaltigung zu einer Haftstrafe verurteilt. Der Weiße Ring hatte ihn zuvor von seinen Aufgaben entbunden und Anzeige erstattet.

Auch die gesellschaftlichen Krisen der vergangenen Jahrzehnte spiegeln sich in der Vereinsgeschichte wider. Nach dem rechtsextremen Anschlag auf das Münchner Oktoberfest 1980 kümmerte sich der Verein um die Betroffenen und zahlte mehr als eine Million D-Mark an Opfer aus. Nach den rassistischen Anschlägen in Hoyerswerda, Rostock-Lichtenhagen, Mölln und Solingen setzte er sich für eine bessere Absicherung ausländischer Opfer ein. 1996 führte eine Grundsatzentscheidung des Bundessozialgerichts dazu, dass ausländische Mitbürger auch für länger zurückliegende Taten Ansprüche nach dem Opferentschädigungsrecht geltend machen konnten.

Neue Herausforderungen

Mit der Kriminalität im Netz und im privaten Wohnumfeld steht der Weiße Ring vor neuen Herausforderungen. Seine Zukunft wird nicht darin liegen, einfach weitere Außenstellen zu eröffnen und immer mehr Geld auszuzahlen. Entscheidend wird sein, ob es ihm gelingt, die klassische persönliche Opferhilfe mit adäquaten Antworten auf moderne Deliktsformen zu verbinden, aber auch auf Distanz zum Staat zu bleiben.

Die Organisation finanziert sich bewusst nicht aus staatlichen Zuschüssen. Gerade deshalb kann der Weiße Ring die Politik kritisieren, wenn staatliche Hilfen versagen. Und Anlass dazu gibt es weiterhin. Bei der Opferentschädigung etwa bestehen erhebliche Schwierigkeiten. Verfahren dauern lange, Betroffene müssen ihre Schädigung und ihre Ansprüche nachweisen, und längst nicht jeder Antrag wird bewilligt. Der Verein hat deshalb auch nach der Einführung des Sozialgesetzbuchs (SGB) XIV darauf gedrängt, dass die gesetzlichen Verbesserungen tatsächlich bei den Betroffenen ankommen.

Das ist vielleicht die eigentliche Lehre aus 50 Jahren Weißer Ring: Fortschritt auf dem Papier bedeutet noch keinen Fortschritt im Leben eines Opfers.


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Kommentare

sitra achra am 03.10.26, 17:26 Uhr

Leider hat Zimmermanns vorbildliches Wirken kaum zu einer Verbesserung der Situation der Opfer durch konsequente Verbrechensprävention geführt. Mit pseudorechtsstaatlichem Stursinn wird weiterhin Täterschutz statt Opferschutz betrieben. Ich möchte nicht in der Haut der dafür verantwortlichen Politiker und Juristen stecken. Ich müßte mich dann abgrundtief selbst hassen, auch wenn ich mir vormache, daß alles nach Recht und Gesetz durchgeführt wurde.

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