Preußische Allgemeine Zeitung Zeitung für Deutschland · Das Ostpreußenblatt · Pommersche Zeitung
Die ostpreußische Zuwanderung ins Ruhrgebiet rührte aus der Sehnsucht nach einem besseren Leben für Männer und Frauen
Die allerersten Zuwanderer kamen um 1800 in das ursprüngliche Ruhrgebiet oder Ruhrrevier, das sich damals im 19. Jahrhundert von etwa Kamen (östlich von Dortmund) bis an den Rhein im Westen und von der Ruhr im Süden bis an die Lippe im Norden erstreckte. Sie stammten vornehmlich aus Schlesien, Posen, Westpreußen sowie Ostpreußen. Hier gab es vor allem eins: Arbeit. Denn aus der im Revier abgebauten Kohle wurde zur Roheisen- und Stahlerzeugung in den Hochöfen der Eisen- und Stahlhütten der Ruhr-Zechen Koks erzeugt. Davon entstanden immer neue an der Emscher und der Lippe. Die fortschreitende Industrialisierung und wirtschaftliche Expansion erforderte zudem den Bau von Eisenbahnstrecken, darüber hinaus den Ausbau der Kanäle – z.B. den Dortmund-Ems-Kanal, den Wesel-Datteln-Kanal und den Rhein-Herne-Kanal. Und im Zeitraum um 1867 bis 1871 sowie um 1914 hatte die Anwerbung neuer Arbeitskräfte regelrecht Hochkonjunktur.
Etwa 1867 schickten die Zechen sogar Werber in die deutschen Ostprovinzen, um hier endlich die ersehnten, weil dringend benötigten neue Arbeitskräfte zu erhalten. Den Arbeitern wurden eine Wohnung, regelmäßig fester Verdienst und klar definierte fixe Arbeitszeiten versprochen.
Ostpreußische Männer bevorzugten ostpreußische Frauen im Revier
In der vom ZDF im Herbst 1982 ausgestrahlten Serie „Die Pawlaks“ ist dies wunderbar anschaulich filmisch umgesetzt worden. Dabei wandert im Jahr 1872 die masurische, von ihrem Gutsherren ausgebeutete Familie Pawlak als zukünftige Bergarbeiter ins Ruhrgebiet aus, wo sie von den dortigen Bergleuten allerdings mit viel Ablehnung empfangen werden.
Die historische Realität sah nicht anders aus. Denn die überwiegend aus Masuren stammenden jungen Männer ländlich-bäuerlicher Herkunft bauten sich im Ruhrgebiet eine neue Existenz in den neuen Zechenkolonien auf, holten sich aus ihrer alten Heimat ihre Frauen und heirateten diese im Kreis der meist mitgezogenen Familienmitglieder und Freunde. Eine neue Gemeinschaft, was man heute gern als „Community“ beschreibt, entstand und wuchs.
Trotz harter Arbeit ging es den Menschen aus dem Osten hier im Westen des Reiches wirtschaftlich und von den Lebensumständen her erheblich besser als in der alten östlichen Heimat. Zu den Zechenwohnungen gehörten beispielsweise Schrebergärten, wo die Ostpreußen Kleintierhaltung und -zucht betrieben. Wer trotz klammer Portemonnaies etwas Kleingeld sparen konnte, schickte einen Betrag in die Heimat. Die Zugewanderten hielten allerdings an ihrer Sprache, an ihrem Brauchtum sowie an den Sitten und Eigenheiten des kirchlichen Lebens fest und gründeten eigene Arbeitervereine. Bereits 1896 gab es fünf von der Landeskirche angestellte ostpreußische Pfarrer, die in Gelsenkirchen, Bochum, Wanne, Herne und in Lütgendortmund ihr Amt ausübten.
Ein attraktiver Heiratsmarkt entsteht im Westen
Ab den 1890er Jahren wurden die neuen Arbeitsplätze immer mehr von Ostpreußen eingenommen, denn auch im Osten sprach sich herum, welche Chancen man im Westen des Reiches hatte. So ergab es sich, dass bis heute bestimmte Städte des Ruhrgebiets entsprechend starke Bindungen zu manchen ostpreußischen Städten und Kreisen zeigen und die Zechen zudem keine Werber mehr nach Ostpreußen schicken brauchten. Die Menschen kamen auch so, in der Hoffnung auf ein besseres Leben. Am 1. Dezember 1900 wohnten laut belegter amtlicher Statistiken 166.733 und am 12. Juni 1907 ca. 235.000 zugewanderte Ostpreußen im Ruhrgebiet. Bis zum Jahr 1925 stieg ihr Anteil um weitere 70.000. Gelsenkirchen als Zentrum der masurischen Migration, vor allem aus dem Kreis Ortelsburg, wurde die Stadt mit dem höchsten ostpreußischen Bevölkerungsanteil (zwischen 1885 und 1910 160.000 Zuwanderer) und gehörte 1907 neben Duisburg, Dortmund, Essen und Bochum zu den fünf größten Städten im Ruhrgebiet.
Die Zuwanderer aus Neidenburg und Soldau zogen vornehmlich nach Wattenscheid und Lötzener nach Wanne. Bochum wurde die bevorzugte Stadt für Zuwanderer aus dem Kreis Osterode. Auffallend war der hohe Anteil weiblicher Zuwanderer. Das wiederum ist mit den hohen Heiratschancen zu begründen, welche die jungen Frauen im Westen vorfanden. Hier warteten junge Männer mit einem festen Einkommen und einem Dach über dem Kopf, was für damalige Verhältnisse – trotz aller widrigen Umstände und der extrem harten Arbeit – fast schon als gesicherte Lebensumstände bezeichnet werden konnte. Insbesondere im Vergleich zu den wirtschaftlichen Chancen in der Heimat, wo für die meisten Frauen nur eine beschwerliche Zukunft als Magd oder Bäuerin in landwirtschaftlichen Betrieben wartete.
Da aber die ins Ruhrgebiet zugezogenen Ostpreußen lieber eine junge Frau aus ihrer Heimat als Braut bevorzugten, fanden hier viele Paare ihr Glück. Zwischen 1895 und 1900 schlossen z.B. in Bochum 408 Menschen aus dem Kreis Osterode den Bund der Ehe.
Umtriebig, fleißig, engagiert – und dazu Mutter von zwölf Kindern
Hier ein historisch belegtes Beispiel einer Ostpreußin, die auszog, um im Revier ihr Glück zu finden: Die 1882 in Groß Nappern in ärmlichen bäuerlichen Verhältnissen geborene Auguste Rekowski fand als Dienstmädchen in Erle eine Arbeitsanstellung, heiratete 1903 den – im Zweiten Weltkrieg gefallenen – Bergmann Friedrich Kinski und wird zwischen 1906 und 1926 Mutter von zwölf Kindern. Nach dem Umzug der Familie nach Gelsenkirchen-Horst handelte sie im Verlauf des Ersten Weltkrieges mit Kurz-, Weiß- und Wollwaren, später mit Obst, Gemüse und Kartoffeln und schließlich mit Fisch. Daneben betrieb sie eine Schweinezucht und vermietete Zimmer. So trug sie immer einen gehörigen Teil zum Einkommen in die Familienkasse bei, was ihr in Ostpreußen wohl kaum gelungen wäre. Auguste Kinski war zeitlebens eine extrem fleißige, unbeirrbare und gestandene Ostpreußen-Frau im Ruhrgebiet. Sie verstarb am 12. Februar 1956.
Am 26. Juli 1956 wird die daraufhin vom Bildhauer Karl August Schreiter geschaffene Brunnenskulptur „Die Fischfrau“, die von vielen als „Oma Kinski“ bezeichnet wird, auf dem Marktplatz in Horst-Süd (heute: Ilse-Kibgis-Platz) eingeweiht und steht bis heute sinnbildlich für die emsige, unermüdliche und vorbildliche Mutter Auguste Kinski.
Vom Hitler-Regime als KPD-Mitglied verfolgt und ermordet
Und noch ein Beleg über die kleine „Ostpreußen-Wanderung“ gen Westen – jedoch ohne glückliches Ende: Der am
30. März 1895 in Rauschken geborene Karl Springer zieht mit seiner seit Ostern 1919 Verlobten Emilie Klimmek aus Usdau wegen der überaus hohen Arbeitslosigkeit und mangelnder Perspektiven nach Weitmar (Landkreis Bochum), wo er 1920/21 auf der Zeche „Prinz Regent“ Arbeit findet und Mitglied des Bergarbeiterverbandes wird. Als Mitglied in der KPD arbeitet er in der von der Partei für das Ruhrgebiet herausgegebenen Tageszeitung „Ruhr-Echo“ in Bochum, die später in Essen erscheint, und gelangt 1926 in den Bochumer Stadtrat.
Nach der Machtübernahme durch das Hitler-Regime werden ab Ende Februar 1933 in Bochum Mitglieder der KPD, SPD, Gewerkschaften und kurz darauf jüdische Bürger verfolgt und von SA-Trupps in SA-Kasernen und Folterkeller verschleppt. Karl Springer, der seinen Arbeitsplatz verliert, wird im Juli 1933 festgenommen und nach Verhören und Misshandlungen bis Mitte Oktober im KZ Esterwegen im Emsland und bis Jahresende in einem Lager bei Bitterfeld inhaftiert.
Nach seinem Eintritt in eine Widerstandsgruppe Anfang 1935 und der erneuten Festnahme zusammen mit seinem Schwager Hermann Senff am 9. Oktober 1936 verstirbt Karl Springer am 18. Oktober 1936 infolge der brutalen Misshandlungen im Bochumer Polizeigefängnis. Zu seinem Gedenken ändert der Bochumer Rat am 27. Juni 1947 einen Platz namentlich in „Springerplatz“ um. Ehefrau Emilie Springer verstirbt 1979 im Alter von 86 Jahren in Bochum.
Schalke 04 gleich sechs Mal zur Meisterschaft geschossen
Unter den Zuwanderern finden sich aber auch prominente Namen wie beispielsweise Kuzorra und Szepan, die wie Tausende andere ebenfalls im Bergbau arbeiten. Familie Kuzorra – Vater Karl stammte aus Roggenhausen, Kreis Neidenburg; Mutter Bertha, geboren im Dezember 1868 in Mörken – wohnt in der Blumenstraße 33 in Gelsenkirchen. Hier wird Ernst Kuzorra am 16. Mai 1905 geboren, ein begnadeter Kicker für Blau-Weiß Schalke 04. Doch bevor er seine Fußballerkarriere begann, arbeitet er zunächst in seiner Geburtsstadt auf der Zeche Consolidation. Die Familie seines bekannten Schwagers Fritz Szepan, geboren am 2. September 1907 in Gelsenkirchen, stammt aus Neidenburg. Zusammen spielen sie bei Schalke 04, machen sich dort zur Legende, als sie gleich sechs Mal mit ihrem Team Deutscher Meister werden und spielen ebenso in der deutschen Nationalmannschaft. Dort verpassen die beiden Ostpreußen leider den größten Triumph, den Weltmeistertitel von 1954, da sie zuvor ihren Rücktritt aus der Mannschaft bekanntgaben.