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So bedeutend die Schlacht von Stalingrad war, so groß ist das ihr vor Ort gewidmete Denkmal
Es gibt wohl kaum eine andere europäische Stadt, die sich so intensiv in die Geschichtsbücher des Zweiten Weltkrieges eingeschrieben hat wie das damalige Stalingrad. Die Frage, ob die Schlacht um Stalingrad den großen Wendepunkt des Krieges bedeutet hat, mag unter Historikern umstritten sein. Herfried Münkler erwähnt in seinem Beitrag „Russland definiert sich über den Krieg. Die Verklärung der Schlacht um Stalingrad zeigt Putins Geschichtsklitterung“ die unterschiedlichen Ereignisse, die als Wendepunkt des Krieges genannt werden, nämlich „das Steckenbleiben der deutschen Offensive vor Moskau zusammen mit dem Kriegseintritt der USA“, „die Panzerschlacht von Kursk im Sommer 1943“ und „die Landung in der Normandie im Sommer 1944“. In der Tat entschied sich das Kriegsgeschehen in einer Abfolge von vielen Ereignissen zu Lande, auf dem Wasser und in der Luft. Tatsache ist aber auch, dass die Schlacht um Stalingrad von besonderer Bedeutung war und heute noch ist: Spätestens mit Stalingrad beginnt das Ende der NS-Herrschaft.
In Kurzform referiert: Vom 9. bis 12. November 1942 gelang es der 6. Armee unter General Friedrich Paulus, die Stadt weitgehend einzunehmen; aber bereits am 23. November waren die deutschen Streitkräfte und die ihrer rumänischen Verbündeten von der Roten Armee eingeschlossen. Weil Adolf Hitler einen Ausbruchsversuch untersagte und ein Entsatzversuch scheiterte, war das Schicksal der 6. Armee besiegelt. Die letzten im nördlichen Kessel von Stalingrad noch Widerstand leistenden deutschen Streitkräfte kapitulierten am 2. Februar 1943. Ca. 90.000 deutsche Soldaten gerieten in Gefangenschaft, von denen nur etwa 6.000 zurückkehrten. Die fünfeinhalb Monate währenden Kämpfe von Mitte Juli 1942 bis Februar 1943 um die völlig zerstörte Stadt hatten zu immensen Verlusten unter den Soldaten beider Seiten und der Zivilbevölkerung geführt; allein die Wehrmacht verlor mehr als 140.000 Gefallene. Eine von mehreren literarischen Darstellungen des blutigen Geschehens findet sich bei Theodor Plivier „Stalingrad“ (erschienen 1945, Aufbau Verlag, Berlin).
Eröffnung 1967 durch Breschnew
Für die Wehrmacht bedeutete der 2. Februar 1943 in Stalingrad nicht nur eine militärische Niederlage, sondern eine Katastrophe. Für militärische Katastrophen werden keine Denkmäler errichtet – wohl aber für gloriose Siege. Der ruhmreiche Sieg der Roten Armee in Stalingrad war, wie der Vorsitzende des regionalen Veteranenrates äußerte, „für die Sowjetunion nicht nur ein militärischer, sondern auch ein moralischer Sieg gewesen, der die geistige Kraft gestärkt und alle inspiriert habe, die auf dem Schlachtfeld und an der Heimatfront die Niederlage des Faschismus herbeigeführt hätten“.
Dem großen Sieg in der großen Schlacht im „Großen Vaterländischen Krieg“ ist im früheren Stalingrad, der sog. „Heimat des Sieges“ (seit 1961 in Wolgograd umbenannt), eine monumentale Gedenkstätte gewidmet. Als Ort und für deren Namensgebung bot sich der „Mamajew-Kurgan“ (Mamajew-Hügel) an – eine 102 Meter hohe Erhebung, um die wegen ihrer strategischen Bedeutung als „Höhe 102“ besonders erbittert und verlustreich 140 Tage lang gekämpft worden war. Die einzelnen Bestandteile der aus einem Park und dem Gedenkkomplex bestehenden und am 15. Oktober 1967 von Breschnew feierlich eröffneten Gedenkstätte sind ausführlich dargestellt von Sabine Rosemarie Arnold in ihrem Beitrag „,Das Beispiel der Heldenstadt wird ewig die Herzen der Völker erfüllen.' Gedanken zum sowjetischen Totenkult am Beispiel des Gedenkkomplexes in Volgograd“. Eine Beschreibung der Gedenkstätte „Der Mamajew-Kurgan“ zusammen mit praktischen Hinweisen findet sich zudem in dem Reiseführer „Wolgograd heute“.
Krönung (im echten wie im übertragenen Sinne des Wortes) der Gedenkstätte ist die unübersehbare riesige Statue „Mutter Heimat ruft“, die auf dem Gipfel des Mamajew-Hügels errichtet worden ist. Verkörpert wird die „Mutter Heimat“ durch eine aus nichtrostendem Stahl und Beton hergestellte weibliche Figur mit einem aufrecht stehenden Schwert in der rechten Hand. Die beeindruckenden Maße sind in dem erwähnten Reiseführer wie folgt nachzulesen: „Die Skulptur gehört mit 85 m (von der Unterkante des Sockels bis zur Schwertspitze) zu den höchsten der Welt. Die Figur allein misst 52 m Höhe, das Schwert noch einmal 29 m. Das Gesamtgewicht der Skulptur beträgt 8.000 Tonnen, das Metallschwert allein 14 Tonnen.“ Sabine Rosemarie Arnold bescheinigt der künstlerischen Umsetzung der Aussage „streitbare, starke Sowjetunion“ durch den Bildhauer Jevgenij Vutschetitsch eine „Atemberaubende Monumentalität“, ihre Beschreibung der Figur liest sich so: „Sie hält mit der vorgestreckten rechten Hand ihr Schwert wie zum Angriff erhoben, während sie mit der linken eine weit nach hinten ausholende, auffordernde Geste vollführt, als wolle sie jemanden heranwinken. Oberkörper und Kopf sind nach hinten gedreht, als ob sie über ihren linken Arm in die Ferne schaue. Ihre Gesichtszüge sind herb und fast männlich, ihr Mund ist wie zum Rufen geöffnet, die Haare werden von einem kräftigen Windstoß nach hinten gerafft, der auch in das locker fallende Gewand der Gestalt fährt, so dass sich Brust und Beine abzeichnen und zwei Tuchenden über ihre Schulter nach hinten wehen.“
Interpretation des Denkmals
Jedes Denkmal – so auch „Mutter Heimat ruft“ – enthält Aussagen, die durch Interpretation zu erschließen sind. Eindeutig ist in diesem Fall die Symbolkraft des erhobenen Schwertes, nämlich der bedingungslose Wille zum Kämpfen. Die gigantischen Maße der Statue können als Größe des Heldentums und der Macht und Kraft der siegreichen Sowjetunion interpretiert werden. Weniger eindeutig ist der ausgestreckte, nach hinten zeigende linke Arm zu verstehen: Die Geste könnte den Ruf von „Mutter Heimat“ ausdrücken; nur: Wen ruft sie? Vielleicht die Heimatfront, also die Werktätigen? Was ruft sie? Vielleicht oder sogar wahrscheinlich: Folgt mir in den Kampf?
Stählerne Figuren auf einem steinernen Sockel sprechen nicht und bewegen sich nicht; aber jedes Denkmal ist geschaffen um zu sprechen und seine Symbolik kann sich im Laufe der Zeit verändern. Tatsache ist, dass der Inhalt der rhetorischen Kränze, die jeweils am 2. Februar als dem „Tag der Vernichtung der deutsch-faschistischen Truppen in der Schlacht von Stalingrad“ am Fuße von „Heimat ruft“ niedergelegt werden, durchaus variiert und gegebenenfalls aktualisiert wird. So stellte Putin bei den Feiern zum 80. Jahrestag des Endes der Schlacht um Stalingrad seinen Angriffskrieg gegen die Ukraine in die Erinnerung an den „Großen Vaterländischen Krieg“; es ging in seiner Rede, worauf Münkler zutreffend hinweist, also „um Tradition und Legitimation ...“ Einmal mehr also wird die Schlacht um Stalingrad erinnerungspolitisch genutzt, um militärische Aktionen zu legitimieren und dabei die Unterstützung der eigenen Bevölkerung zu bekommen.
Die politische Überhöhung der riesigen Mutter-Heimat-Statue hat zur Folge, dass wer Hand an sie legt, hart bestraft wird. Über ein solches Strafverfahren berichtet der im Exil lebende russische Schriftsteller Sergei Lebedew: Im Sommer 2023 veröffentlichte eine junge Frau ein Video, in dem sie mit der Perspektive spielend, scheinbar die Brustwarzen der „Mutter Heimat“ kitzelt. Die „Täterin“ wurde mittlerweile verhaftet – wegen Verharmlosung des Nationalsozialismus. Das Monument gilt als Gegenstand sakraler Verehrung, und der Versuch, es spielerisch zu vermenschlichen, indem man ihr sexuelle Gefühle und Wünsche zuschreibt, gilt als Staatsverbrechen. Vater Staat versteht keinen Spaß – er schlägt zu.
Ungewöhnlich ist die Pflege der Erinnerung an Stalingrad in Paris, indem eine Metro-Station diesen Namen trägt. Ebenso ungewöhnlich ist die Erwähnung dieses Namens in einem französischen Roman über eine lesbische Frau, die – in deutscher Übersetzung – zum Namen der Metro-Station sagt: „Stalingrad gefällt mir, ich mag die Namen von Schlachten“ (Constanze Debré, Love Me Tender).
sitra achra am 27.05.26, 14:29 Uhr
Statt dieser monströsen Vettel hätte ich eher eine wesentlich bescheidenere Statue vom wahren Mütterchen Rußland präferiert, nämlich eine mollige Olga von der Wolga mit dem Nudelholz in der Hand an Stelle des bedrohlich erhobenen Käsemessers. Die Russen sind in Wahrheit ein friedliches Volk und können auf verlogene theatralische Selbstdarstellung gerne verzichten. Druschba!