27.02.2026

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Christlicher Dreikönigsumzug statt heidnischer Raunächte

Mit der Vertreibung der Deutschen aus ihrer Heimat starb auch die pommersche-pomerellische Geisterwelt

Chris W. Wagner
13.01.2026

Für Menschen in den Dörfern waren die Tage zwischen Weihnachten und dem Dreikönigsfest am 6. Januar über Jahrhunderte kein bloßer Kalenderabschnitt. Dieser Zeitraum wurde als Periode betrachtet, in der die Grenzen zwischen der Welt der Lebenden und jener des Unsichtbaren durchlässiger waren. Die Volkskundler ordnen diese Tage häufig den Raunächten oder Zwölfnächten zu, also einer Zeit, die im europäischen Brauchtum als Übergang vom alten ins neue Jahr gilt. In dieser Zeit glaubte man, dass Geister oder Mächte der Natur in besonderer Weise wirken könnten. Nach alten Überlieferungen sei in den Raunächten das sogenannte Geisterreich offen, und die Seelen der Verstorbenen hätten „Ausgang“ in die Welt der Lebenden.

Der Begriff Raunächte wurde vom Mittelhochdeutschen „rûch“, also haarig, wild oder im Sinne von Rauch abgeleitet. In ihnen wurden allerlei Räucherbräuche durchgeführt. Schutzrituale und Verbote bestimmter Arbeiten, Orakelpraktiken und religiöse Handlungen wurden abgehalten. Zugleich wurden sie als eine Phase verstanden, in der Vergangenheit und Zukunft, Leben und Tod, sichtbar miteinander verbunden waren.

Das Blatt „Ostpommersche Heimat“ beschrieb einst einige pommersche Bräuche der Zwölfnächte, also der Räuchernächte, als aus der heidnischen Zeit überlieferte Traditionen. Bis ins 19. Jahrhundert waren solche weit verbreitet. Damals durften keine Erbsen und Bohnen gekocht werden, weil man sonst Ausschlag bekäme, glaubte man. Dafür stand Kohl und insbesondere Grünkohl mit Lungwurst auf dem Tisch. Diese traditionelle Kochwurst wurde aus Schweinelunge, Speck, Zwiebeln und Getreide- oder Brotzusatz hergestellt und herzhaft gewürzt. Sie wurde gekocht und eben als Grünkohlbeilage kredenzt. Generell wurden dem Kohl Heilkräfte zugeschrieben. Besonders wirksam sollte gestohlener Kohl sein.

Auch war in den Zwölfnächten das Brotbacken verboten. Denn es würde schimmeln. Am Silvestertag musste der Backofen ausgebacken werden, damit die Geister der Unterwelt nicht mitessen konnten. Sämtliche Ackergerätschaft durfte in den Raunächten nicht draußen stehenbleiben, sonst käme Unglück oder der Tod über die Familie. Deshalb sollten Haus und Hof in besondere Weise aufgeräumt sein. Die Tiere bekamen reichlich Futter. Für Vögel wurde eine ungedroschene Garbe aufgestellt, damit sie geschützt und genährt sein konnten. Wäsche durfte nicht zum Trockenen draußen aufgehängt werden. Denn das bedeutete Leichenwäsche, also den Tod eines Angehörigen. Gezogene Wäscheleinen bedeuteten, dass sich einer im Hause erhängen würde. Wer den Stall ausmistete, lief Gefahr, dass sein Vieh stirbt oder von bösen Geistern krankgemacht wird.

Doch was tun, während der langen Abende? Da es reichlich Federn von geschlachteten Gänsen gab, wurden diese geschlissen. Dabei wurden Gruselgeschichten von Feuerreitern, Irrlichtern, dem vergrabenen Schatz im Burgwall oder dem Doppelgänger erzählt. Die Knechte taten währenddessen ihren Schabernack und verkleideten sich, um die Menschen zu kräftig erschrecken.

Fischerbräuche in Pommern und Pommerellen waren primär auf das Meer bezogen. Fischer passten ihre Rituale an die Jahreszeiten an. Winter- und Raunächte waren für sie oft Arbeitsruhezeit.

Nach der Vertreibung der Deutschen 1945 brachten die Polen dann ihre eigenen Bräuche mit. So wird heute in den ländlichen Gegenden Pommerellens zwischen Weihnachten und dem Dreikönigstag an den Połaźnik geglaubt. Das ist der erste Haus- oder Hofbesucher, der nach Weihnachten Glück, Wohlstand und Gesundheit ins Haus bringt.

Bis heute ist das polnische „kolendowanie“ verbreitet, also das Weihnachtsliedersingen, das mit Hausbesuchen und Haussegnungen verbunden ist. Eine neue Tradition ist der Dreikönigsumzug. Auch wenn dieser erst 2009 ins Leben gerufen wurde, so findet er inzwischen polenweit einen festen Platz im Veranstaltungskalender. Zu Epiphanias ziehen dann Straßenumzüge durch die Ortschaften. Zu den zentralen Figuren des Umzugs gehören die heiligen drei Könige, die von Hirten, Engeln und dem Hofstaat begleitet werden. Dabei werden Weihnachtslieder gesungen und oft auch die Weihnachtsgeschichte dargestellt.


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