11.06.2026

Preußische Allgemeine Zeitung Zeitung für Deutschland · Das Ostpreußenblatt · Pommersche Zeitung

Suchen und finden
Alltägliches Straßenbild, an das sich viele Deutsche gewöhnt haben: Wenn sich jemand daran stört, gilt er schnell als Rassist
Bild: imago/Stefan ZeitzAlltägliches Straßenbild, an das sich viele Deutsche gewöhnt haben: Wenn sich jemand daran stört, gilt er schnell als Rassist

Warum wir falsch abgebogen sind

Mit seinem Buch „Bastardmoderne“ hat der Journalist Jan Karon eine Kampfansage an die Gegenwart geschrieben: Einem jungen konservativen Deutsch-Polen ist Deutschland zum Fremdland geworden

Holger Fuß
24.05.2026

Ein Leben ohne Nazis ist möglich, aber sinnlos. Seit das US-Nationalarchiv die Mikrofilme der NSDAP-Mitgliederkartei auf seiner Website digital zugänglich gemacht hat, haben die linksgrünen Presse-Flaggschiffe „Zeit“ und „Spiegel“ die Daten mit Suchfunktionen so aufbereitet, dass jedermann nach Nazi-Vorfahren fahnden kann. All das geht nicht ohne Euphorie vonstatten: „Der Spiegel hilft beim Durchsuchen der Daten“, heißt es im betreuungsintensiven Frauenzeitschriften-Sound, „und lässt Sie mit Treffern nicht allein.“ Und: „Im Großen ist die Erinnerungskultur gelungen. Jetzt kann sie auch im Privaten funktionieren.“

Die Besessenheit, die Nazi-Verbrechen bewältigen zu wollen, scheint mit dem Abstand zu den Hitler-Jahren exponentiell anzuwachsen. Längst hat sich zur Schuldscham ein Schuldstolz hinzugesellt, der sich seiner überragenden Tugendhaftigkeit rühmt und die Scham zur Durchsetzung seiner Diskurshegemonie instrumentalisiert.

Dies ist der Grundbass, in den jeder Migrant nach Deutschland einwandert. Eine Grundirritation, die unterschwellig mitläuft, während sich ein Zuwanderer fragt, in welche deutsche Kultur er sich integrieren soll? „Wo rein sollen polnische Handwerker, kemalistische Türken, Russlanddeutsche oder indische IT-Spezialisten sich integrieren? In eine Schlaffkörpergesellschaft, die ihr Eigenes verleugnet und stattdessen mit ,Schule ohne Rassismus', Stolperstein-Ritualen und Selbsthass um den Titel des ,Aufarbeitungsweltmeisters' ringt? Viel Erfolg damit.“ So hebt Jan A. Karon auf den ersten Seiten von „Bastardmoderne“ an und setzt den Ton für ein Pamphlet, das sich auch stilistisch den umgangsüblichen Verdruckstheiten widersetzt.

Das Buchdebüt des 34-jährigen Journalisten gewährt Einblicke in die Mentalität einer jungen migrantischen Community, die sich der Vereinnahmung durch den woken Zeitgeist widersetzt. „Was uns eint, ist, dass wir uns nicht als Opfer sehen. Wir haben keine Lust, in einem weltoffenen Land mit Aufstiegschancen an jeder Ecke Rassismus zu wittern.“ Karon hat polnische Wurzeln, kam 1992 in Ludwigshafen zur Welt, seine Eltern emigrierten kurz zuvor aus Polen nach Deutschland. Mit 23 Jahren erhielt Karon den deutschen Pass. In seiner Brust schlagen zwei patriotische Herzen: Deutschland liebt er inzwischen so sehr wie Polen.

Das war nicht immer so. Aufgewachsen ist Karon bei Eltern, die sich ein antideutsches Lebensgefühl aus ihrer polnischen Heimat mitbrachten. „In meiner Jugend war diese Omnipräsenz der deutschen Kriegsverbrechen in unserem Wohnzimmer quälend, einem Schattenmännchen gleichend, das nicht verschwindet, egal, wohin ich mich bewegte.“

Nach dem Studium zog er nach Berlin. Dort wohnte er in einer Wohngemeinschaft an einer Multikulti-Meile in Neukölln und arbeitete als Journalist für die „Zeit“, den „Stern“, den RBB. Weltanschaulich wähnte er sich „auf der guten Seite, sah mich als politisch links, was auch sonst?“

Ende 2017 machte er eine Erfahrung, die ihn zutiefst irritierte. Er jobbte „bei einer großen Nachrichtenmarke“, suchte Agenturmeldungen und soziale Medien nach relevanten Neuigkeiten ab und formulierte daraus Nachrichten. Als im rheinland-pfälzischen Kandel ein Asylbewerber aus Afghanistan die 15-jährige Mia V. erstach, wollte Karon dazu eine Meldung schreiben. Sein Chef vom Dienst winkte jedoch ab. Nur keine Steilvorlage für die Rechten liefern, so lautete die Ansage. Ein Vierteljahr zuvor war die AfD erstmals in den Bundestag eingezogen. „Der Fall wurde für mich zu einer Art Erweckungserlebnis.“

2021 erregte Karon Aufsehen, weil er in der „Berliner Zeitung“ einen Essay veröffentlichte mit dem Titel: „Warum ich mit der linken woken Generation gebrochen habe“. Er beschrieb, wie sich in Kreuzberger Altbauwohnungen das Justemilieu aus „Juristen, Medienschaffenden, Menschen aus der politischen Bildung und aus Kreativbranchen“ gegenseitig in Schach hielt mit Sprechverboten („Das darfst du als weißer Mensch gar nicht sagen!“) und postkolonialen sowie feministischen Tabus.

Als selbstständig denkender Mensch, so stellte Karon fest, „lebe ich inzwischen in einem Paralleluniversum, in dem es politisch wenige bis gar keine Schnittmengen mit meiner Generation gibt“. Sein Bekenntnisessay kann auch als Abschiedsbrief an die linksgrünen Redaktionswelten gelten, im selben Jahr heuerte er bei einem konservativen Medium an und wurde Redakteur bei der Nachrichtenplattform „Nius“.

Man „ertrinkt in Fremdheit“

Zur Ironie des woken Migrationsfetischismus gehört, dass die Linksprogressiven das Land mit den Einwanderern viel konservativer machen, als es ihnen lieb sein kann. Menschen aus Polen, der Ukraine, den Balkanstaaten, Zentralasien, Nahost, Arabien, Afrika und Lateinamerika sind im Schnitt religiöser als der gemeine progressive Deutsche, sie sind traditionsfreudiger, familienloyaler und patriotismusanfälliger. Mit dem teutonischen Selbsthass, dem Schuldstolz und dem kompensatorischen moralischen Strebertum können die meisten wenig anfangen. Eine Minderheit nutzt diese Schwachstellen als Einfallstor für eigene aktivistische Interessen, etwa um als postkolonialistische Wiedergutmachungsgeste zu verlangen, dass deutsche Straßen afrikanisch umgetauft werden. In München wurde die Von-Trotha-Straße zur Herero-Straße, aus dem Gröbenufer in Berlin-Kreuzberg wurde das May-Ayim-Ufer.

Just diese kulturelle Selbstaufgabe und Geschichtsvergessenheit lässt viele Zugewanderte mit dem Deutschland der Gegenwart fremdeln. Türken, Süd- und Osteuropäer, die bisweilen in dritter Generation hier leben, sehnen sich nach der alten Bundesrepublik zurück, in der verhüllte Frauen im Straßenbild noch nicht selbstverständlich waren, in der Minarette selten zu sehen und ein Muezzin nur selten zu hören war, in der in Schulklassen mehrheitlich deutsche Kinder unterrichtet wurden und das Kita-Essen nicht muslimischen Speisevorschriften genügen musste. Und in der die Adventszeit und die Weihnachtsmärkte ohne Rücksicht auf andere Kultur zelebriert werden konnten. Sogar gut integrierte Migranten aus muslimischen Ländern stören sich an der fortschreitenden Islamisierung Deutschlands.

Karon ist katholisch sozialisiert und blickt im Buch fassungslos auf den Niedergang seiner Heimatstadt Ludwigshafen, die nie schön war, aber doch lebendig und ihm wohlvertraut. „Das Stadtbild – das Rathauscenter, die Buchhandlung, die Drogerie, Kleiderläden –, wie ich es aus meiner Kindheit kannte, alles weg. Ersetzt durch Hinterhofmoscheen, Sportwettstätten, bulgarische Bäckereien, türkische Fahrschulen. Alles in zwei, drei Jahrzehnten.“ Die Stadt habe ihr „genuin Eigenes verloren, zersetzt in arabischen Schriftzeichen und unbekannten Sprachen, du ertrinkst in Fremdheit, du bist ein Requiem auf das, was einmal war und nicht mehr ist.“

Vielleicht hat jemand wie Karon, der zwei Heimatländer spazieren trägt, eine größere Empfindsamkeit für den Verlust von Vertrautheiten und leichtfertig preisgegebene Identitäten. Wenn Karon von Ludwigshafen als „Fremdland“ spricht, eine Stadt, die pars pro toto für viele Orte steht, die ihr Gesicht verloren haben, dann spricht hier einer, der sich in zweiter Generation soeben eingehaust hat und dem die wärmende Decke der Zugehörigkeit sogleich wieder weggerissen wurde. Womöglich unterscheidet sich dieses Feingespür Karons von der Wahrnehmung vieler „Menschen, die schon lange hier leben“, wie es Kanzlerin Merkel mal formulierte, die ihre Kraft darauf verwenden, ihr Wegschauen und Beschweigen immer wieder rundzuerneuern.

Sein Buch nennt Karon „eine Kampfansage an die Jetztzeit“. Der Westen ist „an bestimmten Punkten falsch abgebogen“. Wir erkennen es an den überfremdeten Innenstädten, im Verlust regionaler Eigenheiten durch globalisiertes Business, in der Verwahrlosung des Fußballs durch exzessive Kommerzialisierung und am „Aufwachsen ganzer Generationen mit Pornografie als Normalität“. Anders als viele einschlägige Schwadroneure legt Karon Wert darauf: „Es sind keine dunklen Kräfte, die den Niedergang betreiben. Es sind hausgemachte Probleme.“ Wir selber sind mitverantwortlich für die Bastardisierung und sei es, indem wir uns nicht rechtzeitig gewehrt haben. Das Bild des Bastards hat Karon mit Bedacht gewählt: „Die gegenwärtige Lage entspricht nicht dem Willen der Mehrheit. Sie wurde den Menschen vielmehr aufgebürdet. Die Bastardmoderne ist, im Bild bleibend, ein ungewolltes Kind.“

Wenn Karon im Buch die Leitfrage stellt, „Wie zum Teufel wurden wir zu dem, was wir nie sein wollten?“, dann wirft uns die Antwort unversehens zurück auf unsere nationalpsychologische Befindlichkeit. Da zittert das Auschwitztrauma nach; das Wissen, dass unsere Demokratie nicht selbst erkämpft, sondern importiert ist durch die Siegermächte; das damit einhergehende Muckertum, das als Institutionenfrömmigkeit bei der heutigen Linken sichtbar ist, sowie eine schwache Abwehrkraft gegen Einflüsterungen, die uns den sprichwörtlichen gesunden Menschenverstand als etwas Zweifelhaftes einprägen.

Genau das empfiehlt Karon als Gegengift gegen die Tristesse und als Erkenntnisneustart, „dass wir falsch abgebogen sind. Eine Rückkehr des gesunden Menschenverstands“. Auffällig ist, wie viele nicht-linke Intellektuelle Anleihen nehmen an bislang links verorteten Maximen. Auch Karon glaubt an „Gandhis Imperativ: Sei die Veränderung, die du in der Welt sehen willst.“ Und an den Sponti-Ruf: „Mach kaputt, was dich kaputt macht – und bau auf, was es aufzubauen gilt!“

Das mag daran liegen, dass viele konservative Intellektuelle früher links standen, so wie Karon. Es mag auch sein, dass Rechtssein das neue Linkssein ist, weil Linke heute die Machtpositionen innehaben und Rechte in der Opposition sind. Dass einzig durch die Brandmauer eine bürgerliche liberal-konservative Parlamentsmehrheit zur Machtlosigkeit zerteilt ist, stellt eine Besonderheit unserer Tage dar. Auch diese demokratische Abstrusität gehört wohl zur Bastardmoderne.


Hat Ihnen dieser Artikel gefallen? Dann unterstützen Sie die PAZ gern mit einer

Anerkennungszahlung


Kommentare

Jan Kerzel am 03.06.26, 19:39 Uhr

"Die gegenwärtige Lage entspricht nicht dem Willen der Mehrheit. Sie wurde den Menschen vielmehr aufgebürdet"
Genauso ist es, von daher kann auch nicht gesagt werden, dass WIR falsch abgebogen sind. Das System "unserer Demokratie" verdünnt bei Bedarf den Volkswillen zum irrelevanten Meinungsrinnsal. Quasi indirektes Repräsentationsverfahren. Eine Hauptursache hierfür ist nach meinem Dafürhalten das Verhältniswahlsystem. Dies sichert die Parteienherrschaft und die Herrschaft der Parteikader. So kann auch ein Parteiaktiver mit nur 3, 10 oder 15 Prozent Wahlkreisquote getrost in den Bundestag kommen. Die Zustimmung der Bevölkerung ist dabei relativ unwichtig, entscheidend ist der Listenplatz. Gesetzt ist gewählt. Der Bundespräsident selbst wird komplett abgehoben in einer abgeschlossenen Repräsentationskammer gewählt (Bundesversammlung). Das Volk darf die Wahl lediglich zur Kenntnis nehmen. Volksabstimmungen zu wichtigen Entscheidungen gibt es auf Bundesebene generell nicht. Das EU-Parlament ist quotiert, die Grundregel : one man, one vote, gilt nicht. Die Kommissionspräsidentin wird in einem exklusiven Verfahren ausgewählt. Ein Volkswille ist hier unerheblich. Auf die gesteuerten und beaufsichtigten Meinungsmachernetzwerke sei hier nur am Rande verwiesen. Das WIR in der bundesdeutschen Politik ist im Rahmen unserer Demokratie eine recht ambivalente Sache. Von daher können wir aber auch sicher sein, dass uns " unsere Demokratie" keiner wegnehmen will.

sitra achra am 02.06.26, 15:32 Uhr

Diese Zusammenfassung des anklagenden Sachbuchs von Jan A. Karon lädt zu dessen vollständiger Lektüre ein.
Karon arbeitet und publiziert auch bei Nius und war Gast der letzten Sonntagsrunde beim Kontrafunk (Podcast auf Youtube, hörenswert).

Kommentar hinzufügen

Captcha Image

*Pflichtfelder

Da Kommentare manuell freigeschaltet werden müssen, erscheint Ihr Kommentar möglicherweise erst am folgenden Werktag. Sollte der Kommentar nach längerer Zeit nicht erscheinen, laden Sie bitte in Ihrem Browser diese Seite neu!

powered by webEdition CMS