24.04.2026

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Schön, schöner, Cranz

Die Badewanne der Königsberger

Wie ein malerischer Ort auf Geheiß des Preußenkönigs und des Medizinalrates Friedrich Christian Kessel zum Seebad wurde

Wolfgang Kaufmann
09.03.2026

Entlang der ostpreußischen Küste reihten sich früher mehr als ein Dutzend Badeorte. Besondere Bedeutung erlangte dabei Cranz auf dem Südausläufer der Kurischen Nehrung, das „Badewanne der Königsberger“ genannt wurde.

Am gleichen Platz lag wohl schon vor mehr als tausend Jahren eine prußische oder kurische Fischersiedlung. Darauf deutet nicht zuletzt der Name des Ortes hin: „Krantas“ oder „Kranta“ war die Bezeichnung der Ureinwohner für „Strand“ oder „Küste“. 1282 ließ der Deutsche Orden hier am Beginn der großen Heeresstraße über die Kurische Nehrung ein Wirtshaus errichten. Dieser „Crantzkrug“ existierte bis ins 20. Jahrhundert, obwohl die Litauer die Region mehrmals angriffen und verwüsteten.

Beliebt bei Preußens Adel
Die weitere Geschichte des bis ins 19. Jahrhundert hinein „Krantzkuhren“ genannten Dörfchens verlief weitgehend unspektakulär – abgesehen vom Wüten der Pest zwischen 1709 und 1711. Dann aber wurde 1793 in der Königsberger Zeitschrift „Preußisches Archiv“ auf die besondere Eignung des Ortes als Seebad hingewiesen. Konkrete Resonanz fanden allerdings erst die gleichgearteten Anregungen des preußischen Königs Friedrich Wilhelm III. im Jahr 1813. Diese bewogen den Königsberger Arzt und Regierungsmedizinalrat Friedrich Christian Kessel 1816 zur Gründung des Königlichen Seebades Cranz. Zu dessen Besuchern gehörte im Juli 1843 auch der neue preußische Monarch Friedrich Wilhelm IV. Im Nachgang hierzu entwickelte sich Cranz zum beliebtesten Badeort des ostpreußischen Adels, während es das Bürgertum eher nach Rauschen oder Neukuhren zog.

Elektrisches Licht als Neuheit
Das änderte sich abrupt, als ab 1852 eine ordentliche Straße von Königsberg in das 28 Kilometer entfernte Cranz führte. Und im Dezember 1885 wurde die Verkehrsanbindung des Seebades sogar noch besser. Denn nun konnten die Bewohner der ostpreußischen Provinzhauptstadt auch mit den Zügen der Königsberg-Cranzer Eisenbahngesellschaft (KCE) direkt in den Badeort an der Ostseeküste fahren – bis zum Ersten Weltkrieg beförderte die KCE fast 900.000 Reisende.

Die fanden in Cranz eine zunehmend perfektere touristische Infrastruktur vor. Zuerst entstanden einfache Badebuden, aus denen später exklusive Badeanlagen für Damen und Herren hervorgingen. Parallel dazu sorgte der Kesselsche Verschönerungsverein für die Schaffung von Grün- oder Parkanlagen sowie das Aufstellen von Ruhebänken. Zur besonderen Attraktion geriet die Uferpromenade, die sich 1.400 Meter am Strand entlangzog und eine durchgängige Breite von fünf Metern aufwies. Sie bestand über weite Strecken aus Holzbohlen, die auf in den Boden gerammten Pfählen ruhten.

Die häufigen Sturmfluten, von denen die von 1899 die heftigste war, richteten hier oft Zerstörungen an, deren Folgen aber immer wieder beseitigt wurden. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts erstrahlte die Promenade abends dann sogar im Licht elektrischer Lampen, was damals ein Novum in den deutschen Ostseebädern darstellte und die vorgehende Errichtung eines Kraftwerkes erforderte. Zu diesem gesellten sich im Laufe der Zeit noch die Gebäude der Düneninspektion und der Seenotrettung.

Darüber hinaus erhielt Cranz 1897 eine repräsentative evangelische Kirche, der 1904 eine kleinere katholische folgte. Außerdem entstand 1911 die Synagoge am Kurhaus. Ihr Bau resultierte daraus, dass auch viele wohlhabende Polen und Russen jüdischer Herkunft in Cranz Erholung suchten. Zum Schluss standen den Übernachtungsgästen allein schon 29 Hotels zur Verfügung – eine beachtliche Zahl für das ehemals so verschlafene Fischerdorf.

Schleichende Vernachlässigung
Im Zweiten Weltkrieg erlitt Cranz, wo der Bade- und Kurbetrieb trotz etlicher Einschränkungen noch lange weiterlief, nur geringe Zerstörungen, wobei die Schäden an der Strandpromenade auf die starke Eisbildung in der Ostsee im Winter 1943/44 zurückgingen. Dann rückte am 4. Februar 1945 die Rote Armee kampflos in Cranz ein. Anschließend wurde der ehemalige ostpreußische Badeort zum Zentrum des Rajons Primorsk in der Königsberger Exklave der Sowjetunion. Dabei erfolgte zum 17. Juni 1947 die Umbenennung in Selenogradsk, was übersetzt „Grünstadt“ bedeutet.

Dem folgte die schleichende Vernachlässigung des früheren Cranz zugunsten des knapp 20 Kilometer weiter westlich gelegenen Rauschen [Swetlogorsk]. Trotzdem erhielt der Ort 1999 den Status eines Kurortes zuerkannt. Danach setzte eine rege Bautätigkeit ein: Neben den schon vorhandenen Sommerlagern für russische Jugendorganisationen entstanden noch weitere Tourismuseinrichtungen, und reiche Moskauer ließen Ferienhäuser errichten.

In der deutschen Erinnerungskultur lebt Cranz heute nicht zuletzt auch als der Geburtsort zweier bekannter Persönlichkeiten fort – nämlich des Schauspielers Volker Lechtenbrink sowie der berühmten Erotik-Unternehmerin Beate Uhse. Allerdings kam die genau genommen in dem kleinen Gutsdorf Wargenau im Kirchspiel Cranz-Sarkau auf die Welt, das etwas westlich von Cranz liegt.


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