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Der Grimnitzer Vertrag und was man darüber wissen sollte
Seit drei Generationen wird pommersche Landeskunde und -geschichte nicht mehr vermittelt. Da wundert es nicht, dass viele von Grimnitz, einem kleinen Ort in Brandenburg, noch nie gehört haben, obgleich der hier 1529 geschlossene Vertrag – bestätigt auf dem Reichstag in Augsburg 1530 – gleich mehrere Kriege, Denkmäler, eine Infrastruktur und Ausrichtung zur Folge hatte, die bis heute wirkt.
Rückblick: Von Grimnitz, der alten Grenzburg der Askanier, deren bekanntester Vertreter im Mittelalter Albrecht der Bär (1100–1170) war, sind heute nur noch Gewölbe und Fundamente geblieben. Für die pommersche Geschichte ist hier jedoch die Stätte, wo Joachim I. von Brandenburg (1484–1535) vertraglich auf die Lehnshoheit über Pommern verzichtete und im Gegenzug die Erbfolge seiner Nachfahren über Pommern sicherte.
Durch Vermittlung der Braunschweiger Herzöge erhielten die pommerschen Herzöge damals die lange umkämpfte Reichsunmittelbarkeit und akzeptierten – im Falle ihres Aussterbens – die Erbfolge und das Anfallsrecht der Brandenburgischen Markgrafen. Was zunächst Theorie war, sollte 108 Jahre später mit dem Tod des letzten Herzogs Bogislaw XIV. (1538–1637) eintreten: Kurfürst Georg Wilhelm I. wurde Herzog von Pommern.
Allerdings konnte der Kurfürst Pommern nicht einfach in Besitz nehmen, da es im Dreißigjährigen Krieg mit der Landung Gustav Adolfs 1630 in Peenemünde von Schweden besetzt war. Erst nach dem Friedensschluss von Osnabrück 1648 war dies auch nur zur Hälfte möglich: Schweden erhielt Vorpommern und Rügen sowie von Ostpommern Stettin, Damm, Gartz, Greifenhagen, Gollnow, die Insel Wollin und das Stettiner Haff.
Ostpommern wurde aber erst am 6. Juni 1653 übergeben. Die mit dem Tod des letzten pommerschen Herzogs erledigten Lehen Lauenburg und Bütow fielen zunächst wieder an die polnische Krone. Dann, 1657, einigte sich Brandenburg mit Polen in Bromberg auch darüber: Als freies Lehen gingen Lauenburg und Bütow nun ebenfalls an den Brandenburger Kurfürsten Friedrich Wilhelm (1620–1688) – dazu Draheim mit Tempelburg.
Schwedische Besetzung
Den noch unter schwedischer Fremdherrschaft stehenden Teil Pommerns zurückzuerobern, wurde nun Teil des politischen Handelns für weitere Jahrhunderte. Bereits im Jahr 1659 unternahm der Kurfürst einen Versuch zur Befreiung Vorpommerns: Als die Schweden von Kaiserlichen Truppen in Pommern angegriffen wurden, eroberte er Triebsees, Loitz und Demmin. Doch im Frieden von Oliva (1660) verlor er alles wieder. 1674 zogen Schweden unter Wrangel plündernd durch Pommern, besetzten Stargard und drangen auch in Brandenburg ein. Doch der Große Kurfürst, der in Eilmärschen seine Truppen heranführte, schlug die Schweden erneut – nun in der Schlacht bei Fehrbellin 1675 – und besetzte nicht nur die Inseln Usedom und Wollin, sondern nahm auch Anklam, Demmin, Stettin, Stralsund und Greifswald und beherrschte 1678 sogar ganz Pommern.
Doch im Frieden von St. Germain musste Brandenburg abermals Teile seines pommerschen Erbes wieder an Schweden abgeben: Zugesprochen wurde ihm zusätzlich zum bisherigen Besitz lediglich ein schmaler Streifen östlich der Oder. Enttäuscht über den erneuten Gebietsverlust und das Verhalten seiner Bündnispartner, die ihn im Stich gelassen hatten, drohte er: „Aus meinen Gebeinen wird einst ein Rächer entstehen ...“
Und: So sollte es kommen! Denn: Sein Enkel, der Soldatenkönig Friedrich Wilhelm I. (1713–1740) griff als Verbündeter Russlands in den Nordischen Krieg (1700–1721) ein und erhielt nach seinem Sieg über die Schweden im Frieden von Stockholm nun endlich Stettin und Vorpommern bis zur Peene, sowie die Inseln Usedom und Wollin gegen Zahlung von zwei Millionen Talern. Auch sein Sohn Friedrich der Große folgte dem verpflichtenden Erbe.
Doch der Siebenjährige Krieg von 1756 bis 1763 schlug Pommern erneute Wunden: Russen und Schweden plünderten pommersche Städte und Dörfer. Im Zuge der sogenannten ersten Teilung Polens 1772 wurde jedoch in den Warschauer Verträgen 1773 auch in Sachen Pommern festgelegt, dass Lauenburg und Bütow sowie Draheim mit Tempelburg – auf die Polen nie vollständig verzichten wollte – erb- und eigentümlich auf alle Zeit an Brandenburg abgetreten werden.
Unter dem Sohn des Neffen von Friedrich dem Großen, Friedrich Wilhelm III., wurde Pommern erneut feindlichen Heeren preisgegeben. Nach der Niederlage von Jena und Auerstedt 1806 besetzten die Franzosen Pommern – bis auf Kolberg. Die Festung hielt aus, bis die Franzosen 1812 aus Russland flüchteten und die Allianz von Russen und Preußen gemeinsam ganz Pommern von der Fremdherrschaft befreien konnte.
Zu den Wegbereitern dieser Befreiung zählte auch Ferdinand von Schill. Er beunruhigte neben Gneisenau und Nettelbeck in Kolberg die Franzosen mit seiner Freischar und fiel 1809 in Stralsund. Nach den Befreiungskriegen schloss dann Preußen mit Schweden am 7. Juni 1815 einen Vertrag, nach dem das bis dahin verbliebene Schwedisch-Pommern nun gegen dreieinhalb Millionen Taler an Preußen abgetreten werden musste.
Verbindung nach Süden
Die pommerschen Einigungskriege ereigneten sich zwischen 1648 und 1815. Erst danach konnte das Brandenburgische Erbe eingelöst werden. Das als preußische Provinz vereinte Pommern nahm nun seinen wirtschaftlichen Aufschwung. In dieser Zeit wurden auch alle wesentlichen Straßen- und Eisenbahnlinien zwischen Pommern und Brandenburg angelegt. Übrigens: Kaiser Wilhelm II. trug als letzter den Titel eines Herzogs zu Pommern.
Pommerns Ausrichtung auf Brandenburg innerhalb Preußens änderte sich erst mit dem Zusammenbruch Deutschlands 1945. Mit der Liquidierung Preußens 1947 wurde der Name (Vor-)Pommerns aus dem 1945 neu gegründeten Land Mecklenburg-Vorpommern gestrichen. Es begann eine breit angelegte Namenstilgung zu Gunsten Mecklenburgs, die bis heute dem Selbstverständnis Vorpommerns einen schweren Schaden zugefügt hat.
Vorpommern hat in dem 1990 gegründeten Bundesland Mecklenburg-Vorpommern noch immer einen schweren Stand: Durch die Schweriner Politik wird seit 30 Jahren vieles unterlassen, was dem pommerschen Landesteil ein Selbstverständnis geben könnte. Wen wundert es da, dass ein Pommersches Landesmuseum Mühe hat zu vermitteln, was Vorpommern ist, und zwei pommersche Landräte erklären müssen, wo es liegt?
Wo genau ist Vorpommern?
Das lässt auch Fragen aufkeimen: Ob Vorpommerns Bildung eines Bundeslandes mit Mecklenburg 1990 eine kluge Entscheidung war. Und: Ob ein Zusammenschluss mit Brandenburg nicht die bessere Option gewesen wäre. Historisch ist die Frage schnell zu beantworten. Aber auch in der Realpolitik muss Vorpommern seiner Ausrichtung nach Osten und Süden mehr nachgeben – dort liegen Einheit und Perspektive der Region.