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Thomas Voßbeck und Dawid Smolorz haben die „Zeichen der Zeit“ erkannt
„Ob Brücken, Gebäude oder Mietshäuser, sie haben als historische Elemente eine enorme Bedeutung. Für mich heißt das, dass wir uns in Niederschlesien mit diesem Erbe versöhnen und dieses Erbe wie jedes andere behandeln müssen“, sagt Daniel Gibski, Denkmalschutzbeauftragter der Woiwodschaft Niederschlesien. Eine spezielle rechtliche Regulierung gebe es in Polen diesbezüglich nicht und deutsche oder lateinische Inschriften seien einfach Teil eines historischen Objekts. Obwohl er seit fünf Jahren die Behörde leitet, arbeitet Gibski bereits seit 25 Jahren im Denkmalschutzamt. Und immer schon stünde die Frage im Raum – was soll mit Inschriften passieren, die auf historischen Bauten entdeckt werden? Es gäbe hierbei mehrere Möglichkeiten, „die der vollständigen Rekonstruktion oder die Sicherung des vorgefundenen Zustandes“.
Eine Verdeckung deutscher Schriftzüge, wie es früher üblich war, kommt für Gibski nicht in Frage. Er sei für die Konservierung historischer Inschriften in der Form, in der sie überdauerten. Von einer Rekonstruktion rät er ab, denn eine solche sei dann nur eine Art Kopie.
Viele Breslauer seien für den Erhalt des historischen Erbes, sagt er. „Die Breslauer begeben sich ohnehin gerne auf historische Spurensuche, ob auf Friedhöfen oder überhaupt im öffentlichen Raum.“ Zu der neuerlich entbrannten Diskussion um die Wiederherstellung der deutschen Inschrift auf der Breslauer Kaiserbrücke vermutet Gibski, dass sich manche Breslauer mit dem Wort „Kaiser“ schwertun würden. Schließlich gab es bei der Wiederherstellung der Inschriften im Falle der drei Werderbrücken [Mosty Pomorskie] 2023 keinerlei Widerstand, so der Denkmalschutzbeauftragte, der zur Eröffnung der Ausstellung „Zeichen der Zeit. Deutsche Inschriften in Schlesien“ des Referats für Schlesien am Schlesischen Museum zu Görlitz zur Podiumsdiskussion angereist war. Es ist die erste Ausstellung im doppelten Jubiläumsjahr dieser schlesischen Institution. Denn der Schönhof – der Sitz des Museums – feiert in diesem Jahr seinen 500. Geburtstag. Gegründet wurde das Schlesische Museum in Görlitz vor knapp 20 Jahren.
In der Präsentation, zu dessen Vernissage Gibski angereist war, werden Fotografien von Thomas Voßbeck aus 2018 bis 2025 gezeigt. Diese sind durch Texte des Regionalforschers Dawid Smolorz aus Gleiwitz [Gliwice] ergänzt. Aufgewachsen in den oberschlesischen Großstädten Hindenburg [Zabrze] und Gleiwitz, stieß Smolorz früh auf deutsche Inschriften an alter Bausubstanz: „In den 80er Jahren war ich Teenager und bin auf meinem Weg zur Schule zum Beispiel an Beschriftungen wie: ‚Löschwasserstelle 50 Meter' vorbeigegangen“, erinnert sich der in Gleiwitz lebende Journalist. „Ich empfand das als eine Art Nachricht aus einer früheren Zeitepoche.“ Schon damals empfand er diese Schriftzüge als etwas Schönes: „Die Fraktur, die Buchstaben sind sehr ästhetisch.“ Es interessierte den späteren Germanisten und Übersetzer, welche Geschichten sich hinter diesen Inschriften verborgen haben.
Ähnlich neugierig und auf der Suche nach Geschichten von einst war Voßbeck. Der gebürtige Leipziger lebt seit vielen Jahren in Berlin. Immer wieder musste er feststellen, dass sich die Interessen seiner Freunde ihr Interesse ausschließlich dem Westen Europas widmeten. Nicht aber Voßbeck und seine Ehefrau, die ebenfalls Fotografin ist. Gleich nach der Wende reisten beide nach Danzig und Tschenstochau, wo sie polnische Pilger mit der Kamera begleiteten. „Von dort aus war es nicht weit nach Oberschlesien“, wo Voßbeck die Industriearchitektur in den Fokus seines Objektivs nahm. Und weil er einen Übersetzer brauchte, stieß er auf Smolorz.
„Thomas hatte keine Ahnung, dass in Oberschlesien nach 1945 Deutsche geblieben und noch so viele Überreste des Deutschen in der Region zu finden waren“, erinnert sich der Gleiwitzer. „Nach Jahren des gemeinsamen Reisens und Arbeitens ist Oberschlesien für mich eine zweite Heimat geworden“, bekennt der Fotograf. Die Ausbeute der „Inschriftenarchäologie“, die Smolorz und Voßbeck betreiben, ist auf der Internetplattform „Vergessenes Erbe/Vergessene Inschriften“ [Zapomniane dziedzictwo] im Internet zusammengetragen worden.
Die Frage der Bewahrung historischer deutscher Inschriften bewegt viele Ausstellungsbesucher. Aus dem oberschlesischen Zauche [Utrata] – einem Dorf in der Landgemeinde Stubendorf [Izbicko] – reisten Artur und Sandra Hurek an. Sie engagieren sich im heimatlichen Ortsverband der deutschen Minderheit, dem Deutschen Freundschaftskreis (DFK), und sind derzeit dabei, deutsche Inschriften ihrer Umgebung zu dokumentieren. „Obwohl bei uns noch eine starke deutsche Minderheit lebt, verschwinden deutsche Inschriften dennoch zunehmend aus dem öffentlichen Raum“, bemängelt Hurek, der hofft, dass die Görlitzer Präsentation bald auch in Oberschlesien gezeigt wird. Zunächst ist sie jedoch bis zum 13. September im Schlesischen Museum zu Görlitz zu sehen.