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Ein militärischer Showdown in der Ägäis zwischen Griechenland und der Türkei rückt bedrohlich näher
Im historischen Dauerkonflikt zwischen den beiden NATO-Mitgliedern Griechenland und Türkei stehen die Zeichen aktuell wieder auf Sturm, wodurch sogar ein weiterer Krieg an der Peripherie Europas droht. Und der würde auch der Bundesrepublik schweren Schaden zufügen. Deutschland pflegt enge Beziehungen zu den beiden Kontrahenten, müsste sich aber letztlich auf die Seite des EU-Mitglieds Griechenland schlagen. Die Folgen für die hiesige Wirtschaft und auch die innere Sicherheit wären nachgerade verheerend.
Dass jetzt eine militärische Auseinandersetzung zwischen Athen und Ankara immer mehr in den Bereich des Möglichen rückt, resultiert aus permanenten gegenseitigen Provokationen. So will die Erdoğan-Regierung der maritimen Doktrin „Mavi Vatan“ (Blaue Heimat) nun unmittelbare Gesetzeskraft verleihen. Diese sicherheits- und wirtschaftspolitische Strategie sieht eine deutliche Erweiterung der türkischen Territorialgewässer und Wirtschaftszonen in der Ägäis und dem östlichen Mittelmeer vor, was natürlich auf Kosten Griechenlands gehen würde (siehe unten). Andererseits ist die Position Ankaras aber auch nicht wirklich komplett abwegig.
Gemäß dem UN-Seerechtsübereinkommen (UNCLOS) von 1982 steht der Türkei eine Zwölf-Seemeilen-Zone vor ihren Küsten zu. Im Vertrag von Lausanne von 1923, mit dem der türkisch-griechische Krieg endete, wurde der Türkei allerdings nur eine Drei-Meilen-Zone zugebilligt. Obwohl die Türkische Republik inzwischen – wie auch Griechenland – über eine Sechs-Meilen-Zone verfügt, betrachtet die Regierung in Ankara das Ganze heute als „schlechten Deal“, der dringend einer Revision bedürfe. Währenddessen gießt Athen seinerseits kräftig Öl ins Feuer, indem es immer wieder ankündigt, seine Territorialgewässer einseitig auf zwölf Seemeilen auszuweiten, wodurch der türkische Anteil an der Ägäis schlagartig auf weniger als zehn Prozent schrumpfen würde. Der ehemalige türkische Vizepräsident Fuat Oktay sagte hierzu: „Wenn das kein Kriegsgrund ist, was denn sonst?“
Ähnlich verhält es sich mit den Ausschließlichen Wirtschaftszonen (AWZ), die laut UNCLOS bis zu 200 Seemeilen breit sein dürfen. Beide Kontrahenten wollen die offenbar sehr reichlichen Gas- und Ölvorkommen im östlichen Mittelmeer ausbeuten und schlossen daher bereits Verträge zur Abgrenzung ihrer AWZ: Die Türkei mit Libyen und hingegen Griechenland mit Ägypten. Der Haken an der Sache ist aber: Diese bilateralen Abkommen zur „Aufteilung“ des Kontinentalsockels lassen die berechtigten Ansprüche aller übrigen Staaten in der Region völlig unberücksichtigt.
Die Griechen sind zu nah dran
Andererseits trägt zur Eskalation bei, dass Ankara auf die 1923 im Vertrag von Lausanne festgeschriebene Friedensregelung pocht, die eine komplette Entmilitarisierung aller griechischen Inseln vor der Küste der Türkei vorsieht, während Athen das Abkommen in zunehmendem Maße ignoriert. Das wiederum resultiert aus der griechischen Militärstrategie „Agenda 2030“, der zufolge auf Inseln wie Lesbos und Samos Raketenstellungen errichtet werden sollen. Dazu kommen der Bau oder die Modernisierung von insgesamt 315 Verteidigungsanlagen und Befestigungen. Ebenso verlegten die griechischen Luftstreitkräfte mehrere Kampfjets auf die Insel Karpathos zwischen Kreta und Rhodos. Ein weiterer Vertragsverstoß ist die Stationierung sogenannter „autarker“ griechischer Armee-Einheiten auf Inseln, die teilweise nur anderthalb Kilometer vor der türkischen Küste liegen. Dazu sagte der ehemalige Stabschef der Türkischen Marine, Cihat Yaycı: „Griechenland hat genau das Abkommen verletzt, mit dem ihm seinerzeit die Souveränität über die Inseln übertragen wurde“, was „ein direktes Zeichen der Aggression“ sei.
Die Chancen auf eine gütliche Einigung zwischen Athen und Ankara stehen dabei äußerst schlecht. Theoretisch könnten beide Kontrahenten im Einvernehmen mit ihren Nachbarn alle Streitfragen aus der Welt schaffen und beispielsweise eine gemeinsame Ausbeutung der Rohstoffvorkommen vereinbaren, aber Griechenland lehnt entsprechende Verhandlungen strikt ab, weil es sich in einer besseren rechtlichen Position wähnt und auf die Rückendeckung der EU und NATO sowie auch der USA und Israels hofft. Zuletzt scheiterten am 10. Juni sondierende Vorgespräche zwischen den Außenministern der Türkei und Griechenlands, Hakan Fidan und Giorgos Gerapetritis.
Geschickter Schachzug Ankaras
Allein deshalb schon hätte der Konflikt nun am 7. oder 8. Juli auf dem NATO-Gipfel in Ankara Thema sein müssen. Das konnte die Erdoğan-Regierung aber wiederum mit einem simplen Schachzug verhindern: Die Abstimmung in der Großen Nationalversammlung der Türkei über das Mavi-Vatan-Gesetz, die im Juni stattfinden sollte, wurde kurzerhand auf Oktober verlegt. Somit besteht die explosive Situation in der Ägäis und dem östlichen Mittelmeer unverändert weiter - und damit auch die Kriegsgefahr in Europa.
Die Mavi Vatan Doktrin
Gefährlicher Masterplan, der für Unfriede und Besorgnis sorgt
Experten weisen auf drei bedrohliche Ansätze hin, welche die angeblichen Ansprüche der Türkei untermauern sollen
Die Republik Türkei steht unmittelbar davor, ihre maritime Doktrin „Mavi Vatan“ (Blaue Heimat) in Gesetzesform zu gießen, womit die Regierung in Ankara entsprechende konkrete Handlungsvollmachten erhalten würde.
Die Vorstellung der Doktrin erfolgte bereits am 14. Juni 2006 bei einem Symposiums im Hauptquartier der Marinestreitkräfte durch den Konteradmiral a. D. und ehemaligen Chef des Minensuchkommandos, Cem Gürdeniz, wobei der Ex-Stabschef der türkischen Marine und spätere Leiter einer Denkfabrik, Konteradmiral a. D. Cihat Yaycı, das besagte Konzept dann 2010 durch detaillierte seerechtliche Ausführungen noch erweiterte.
Im Prinzip ist „Mavi Vatan“ eine großangelegte machtpolitische Vision, die sich besonders gegen die als „maximalistisch“ bezeichneten Ansprüche Griechenlands auf weite Teile des östlichen Mittelmeers und der Ägäis richtet und eine Gegenrechnung auf der Basis der türkischen Interpretation der Rechtslage präsentiert. Daher läuft Athen auch Sturm gegen die Doktrin und alle Versuche, diese mit dem Völkerrecht zu begründen: Es widerspräche sämtlichen Verträgen seit 1923, dass die Türkei die Kontrolle über 152 griechische Inseln und ein Seegebiet von 460.000 Quadratkilometern beanspruche.
Allerdings darf „Mavi Vatan“ nicht bloß als Zielvorgabe für das türkische Militär interpretiert werden, das jetzt immer lauter und kräftiger mit dem Säbel rasselt (siehe rechts oben). Vielmehr verfolgt die Doktrin drei weitere Ansätze. Auf der juristischen Ebene geht es auch um die unmissverständliche Darlegung der Positionen Ankaras und die Verankerung dieser im türkischen Recht, um den Einfluss der Tagespolitik oder personeller Veränderungen in der türkischen Führung jetzt und in Zukunft zu minimieren.
Den eigenen Claim abstecken
Dazu kommen diplomatische Erwägungen: Durch die Doktrin soll sämtlichen Mächten in der Region – neben Griechenland wären dies vor allem Zypern, Ägypten und Israel – signalisiert werden, was sie bei Verhandlungen über die maritime Ordnung im östlichen Mittelmeer beachten müssen, wenn sie keine Konflikte mit der Türkei heraufbeschwören wollen. Und dann wäre da noch zu guter Letzt der strategische Aspekt: Auch wenn „Mavi Vatan“ kaum dazu geeignet ist, schnell neue, international anerkannte Verhältnisse in den Seegebieten rund um die Türkei zu schaffen, würde bereits jedweder kleine Teilerfolg auf dem Wege der Umsetzung Ankara nützen – ganz besonders im Hinblick auf die angestrebte Ausweitung der Operationsgebiete der türkischen Marine und die Suche nach Bodenschätzen auf dem Kontinentalschelf.
Türkisches Muskelspiel
Manöver als frech-dreiste Provokation
Das diesjährige türkische Großmanöver EFES-2026, das vom 11. April bis zum 21. Mai dauerte und im Golf von Izmir unweit der griechischen Inseln Lesbos und Chios stattfand, lief unter dem Motto „Wir sind stark, wir sind mutig, wir sind bereit“. Und tatsächlich demonstrierten die 9.000 türkischen Beteiligten einen beeindruckenden Leistungsstand, von dem sich die 1.300 Beobachter und Mitwirkenden aus 50 Staaten hautnah überzeugen konnten. Dabei führten die See-, Luft- und Landstreitkräfte Ankaras vor allem offensive amphibische Landungsoperationen durch. Dazu kam die demonstrative Zurschaustellung von innovativem Militärgerät aus türkischer Produktion im Beisein von Staatspräsident Recep Tayyip Erdoğan. So starteten erstmals ganze Schwärme der schweren Kampf- und Aufklärungsdrohnen Bayraktar TB3 von Bord des Flugzeugträgers Anadolu. Großes Aufsehen erregte zudem das mobile Allwetter-Luftverteidigungssystem Çelik Kubbe nach dem Vorbild des israelischen Iron Dome.
Teil des Manövers war auch eine Messe, auf der mehr als 50 Unternehmen der türkischen Rüstungsbranche noch mehr ihrer neuesten Erzeugnisse vorstellten, darunter den Tarnkappen-Jet der fünften Generation TAI Kaan. Vor diesem Hintergrund gaben die ehemaligen Konteradmirale und Väter der türkischen maritimen Doktrin „Mavi Vatan“, Cem Gürdeniz und Cihat Yaycı, aufschlussreiche Kommentare ab. Gürdeniz bekannte ziemlich dreist, dass EFES-2026 „nicht lediglich eine Trainingsmaßnahme gewesen“ sei, sondern eine umfassende Machtdemonstration, mit der die Türkei ihren Willen zur Abschreckung ... in der Ägäis und im östlichen Mittelmeer durch ihre militärischen Kapazitäten und ihre Rüstungsindustrie unterstrich“. Und Yaycı unterstrich provokant, die Türkei könne Griechenland jetzt ganz ungehemmt Paroli bieten, weil sie militärisch nun in der „Super League“ spiele, während „Griechenland immer noch in der Amateur-Division“ feststecke.
Peter Wendt am 25.07.26, 07:04 Uhr
Auch hier ist ein Versagen. von Merkel, die Ursache. Merkel hat vehement den Beitritt der Türkei in die EU blockiert. Nicht aus Sachverstand, sondern mit der ihr eigenen Verbohrtheit. Eine stärkere Anbindung der Türkei, nicht unbedingt Vollmitgliedschaft, hätte die geopolitische Situation auf Jahrzehnte entspannt. Viele, viele Fehler der deutschen Altparteien bringt auch die gesundeste politische Ordnung ins wanken. Nun sitzen viele Türken, Syrer, Iraker und Afghanen mit Doppelstaatsbürgerschaft in der EU und Deutschland. Gut gemacht, Frau Merkel, Herr Scholz und Herr Merz!