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Scharoun-Bibliothek wird elf Jahre lang wegen Sanierung geschlossen – Umzug von 5,4 Millionen Büchern
Berlin steht vor einem gewaltigen Kraftakt: Das „Bücherschiff“ am Kulturforum, eine der bedeutendsten Architekturikonen der deutschen Nachkriegsmoderne, rüstet sich für seine bisher größte Bewährungsprobe. Hans Scharouns visionärer Bau an der Potsdamer Straße, der mit seiner terrassierten Leselandschaft und der markanten Lichtarchitektur Weltruhm erlangte, ist nach über vier Jahrzehnten Dauerbetrieb am Limit. Um den drohenden Verfall zu stoppen und das Haus fit für das 21. Jahrhundert zu machen, wird das monumentale Gebäude ab 2030 für elf Jahre seine Pforten schließen.
Die Zahlen hinter diesem Vorhaben der Stiftung Preußischer Kulturbesitz (SPK) sind schwindelerregend. Mit einer Brutto-Grundfläche von rund 114.000 Quadratmetern ist das Bauwerk flächenmäßig doppelt so groß wie die Philharmonie und die Neue Nationalgalerie zusammen. Doch der Zustand der Bausubstanz ist kritisch. Veraltete Technik, regelmäßige Wasserschäden und die Altlasten der 1970er Jahre – insbesondere asbesthaltige Materialien in den komplex geformten Decken – machen eine Sanierung im laufenden Betrieb unmöglich. Rund 1,1 Milliarden Euro sind für die Grundinstandsetzung veranschlagt, ergänzt um einen Puffer von 350 Millionen Euro für Preissteigerungen.
Der Sanierungsentwurf sieht weit mehr vor als eine reine Reparatur. Das bisher eher in sich gekehrte Monument soll sich radikal zum Potsdamer Platz hin öffnen. Ein neuer Eingang an der Ostseite wird die Barriere zum Marlene-Dietrich-Platz durchbrechen, während eine neue Cafeteria und Leseterrassen am Wasser das Haus in einen lebendigen, urbanen Treffpunkt verwandeln sollen. Im Inneren weicht die klassische Stille modernen Lesebereichen, informellen Arbeitsinseln und erweiterten Aufenthaltsflächen, ohne dabei den denkmalgeschützten Charakter der Scharoun-Architektur zu verletzen.
Ein besonderer Fokus liegt auf der ökologischen Transformation. In Zeiten der Klimadiskussion wird der Gigant energetisch saniert: Geothermie, die Nutzung von IT-Abwärme und Photovoltaik-Elemente sollen den ökologischen Fußabdruck minimieren. Es ist der Versuch, ein denkmalgeschütztes Schwergewicht in ein sogenanntes nachhaltiges Vorzeigeprojekt zu verwandeln.
Bevor die eigentlichen Bauarbeiten beginnen können, steht Berlin jedoch die größte logistische Wanderung der Literaturgeschichte bevor. Rund 5,4 Millionen Bücher müssen aus den Magazinen und dem markanten Bücherturm evakuiert und auf vier Standorte verteilt werden. Auch für die etwa 650 Mitarbeitern müssen Ausweichquartiere her, darunter ein Ersatzneubau an der Tiergartenstraße, in dem das Ibero-Amerikanische Institut seinen Betrieb aufrechterhalten wird.
Die Leitung dieses Mammutprojekts liegt in den Händen des Bundesamtes für Bauwesen und Raumordnung. Wenn das Bücherschiff voraussichtlich 2041 wieder in See sticht, wird es nicht nur ein saniertes Denkmal sein, sondern eine offene, hochmoderne Forschungsbibliothek, die Scharouns Erbe mit den Anforderungen einer digitalen Gesellschaft versöhnt. Bis dahin wird die Leselandschaft, die einst Wim Wenders in „Der Himmel über Berlin“ unsterblich machte, vor allem eines sein: eine gigantische Baustelle im Herzen der Hauptstadt.