06.04.2026

Preußische Allgemeine Zeitung Zeitung für Deutschland · Das Ostpreußenblatt · Pommersche Zeitung

Suchen und finden
Das traditionelle Osterreiten in Benkowitz beginnt am Ostermontag an der Dorfpfarrkirche pünktlich um 13 Uhr
Bild: WagnerDas traditionelle Osterreiten in Benkowitz beginnt am Ostermontag an der Dorfpfarrkirche pünktlich um 13 Uhr

Östlich von Oder und Neiße

Eine christliche Tradition seit der Pest

Das Osterreiten in Oberschlesien wird seit Jahrhunderten begangen

Chris W. Wagner
06.04.2026

Wenn der Begriff Osterreiten fällt, denkt man hierzulande fast automatisch an die sorbischen Osterprozessionen in der Lausitz, rund um Bautzen oder Kamenz. Weit weniger bekannt ist, dass auch in Oberschlesien dieser Brauch lebendig geblieben ist – getragen vor allem von der dortigen deutschen Bevölkerung, die nach Kriegsende hauptsächlich wegen ihres gesprochenen slawischen Dialekts nicht gänzlich vertrieben wurde.

Viele Zuschauer kommen heute auch weiterhin, um den gepflegten, ursprünglich als „Osterritt“ bezeichneten Brauch zu sehen. Im wasserpolnischen Idiom der Region nennt man den Brauch „Rajtowanie“ – vom deutschen Wort Reiten oder „Reiten hinter dem Herrgott her“ [jazda za Panem Bogiem]. Im Kern handelte es sich um eine religiöse Flurprozession, sagte Roman Cwik, als er im letzten Jahr zum zweiten Mal das Osterreiten in Benkowitz [Bieńkowice] bei Ratibor [Racibórz] mit seinem Pferd anführte. „Bis 2023 ritt mein Schwiegervater an der Spitze der Prozession. Leider ist er vor zwei Jahren verstorben und hat mir diese Ehre vererbt“, so der Gemeinderats- und Kirchenvorstandsmitglied.

Als Kirchenorganist sei er für das Anführen der Prozession gut geeignet, da die Reiter betend und vor allem singend durch die Felder ziehen. „Es stehen vier Kreuze auf den Benkowitzer Feldern und die Kapelle des Heiligen Urban an der Grenze zwischen Ratibor und Benkowitz. An diesen Stellen bitten wir den auferstandenen Christus für eine gute Ernte, für die Bauern, für die verstorbenen Reiter, um gutes Wetter und Schutz vor Katastrophen“, erklärt Cwik. Alle Gebete seien auf Deutsch, gesungen wird aber in beiden Sprachen, denn „einst waren das hier deutsche Gebiete und wir respektieren das“.

Ursprünge in Bayern und Tirol

Auch wenn das Osterreiten in Benkowitz im Vergleich zu anderen Prozessionsorten, wie im Raum Malapane [Olesno], Groß Peterwitz [Pietrowice Wielkie] bei Ratibor oder in Ostroppa [Ostropa], einem Stadtteil von Gleiwitz [Gliwice], eher kleiner ausfällt, so schließt sich in Benkowitz ein geselliger Teil an. Ein Beisammensein mit Bewirtung durch die Dorfbewohner und ein Pferderennen gehören dazu. „Nach dem Ritt durch die Felder findet das Pferderennen statt. Dabei zu sein ist eine große Auszeichnung“, sagt Philipp Pawlar. Er ist ganze 50 Mal mitgeritten, auch wenn der gebürtige Benkowitzer seit 40 Jahren in München lebt. „Zum ersten war ich mit neun Jahren als Reiter dabei“, sagt er stolz. Nun geht es gesundheitlich nicht mehr, aber Pawlar darf mit anderen Benkowitzern auf einer Kutsche mitfahren. „Jetzt, mit 75, unterstütze ich die Sänger“. Zum Osterreiten in der Heimat nimmt Pawlar Sohn, Schwiegertochter und die beiden Enkel mit. Für die Pawlars ist es jedes Jahr eine gute Gelegenheit alte Bekannte zu treffen, die an diesem Ostermontag aus den benachbarten Kreisen, aus Tschechien und der Bundesrepublik nach Benkowitz kommen.

Der Brauch des Osterreitens soll im Zuge der mittelalterlichen Ostkolonisation nach Schlesien gekommen sein. Siedler aus alpinen Regionen – etwa aus Bayern oder Tirol – brachten Formen religiöser Flurumritte mit. Vergleichbare Oster- und Bittprozessionen zu Pferde werden dort bis heute gepflegt. Pawlar ist sich sicher, dass „diese Tradition bei uns schon seit dem 13. Jahrhundert bekannt ist. Damals soll hier die Pest, auch die Pferdepest, grassiert haben“, berichtet er, der das Osterreiten auch in seiner neuen Heimat in Bayern besuchte, „dort reiten sogar bis zu 400 Pferde in der Prozession“, aber ihn zieht es trotzdem immer wieder in die Heimat zurück. „Es ist nun mal mein Herzblut!“, sagt er.

Eine zweite Erklärung, wie das Osterreiten nach Oberschlesien kam, verweist auf mährische Bräuche des „Gott-Suchens“ – also das symbolische Aufbrechen der Gläubigen, um dem auferstandenen Christus zu begegnen und die Osterbotschaft zu verkünden. Damit könnte sich die in Oberschlesien gebräuchliche Bezeichnung „Reiten hinter dem Herrgott her“ erklären lassen.

Traditionslose Kommunisten

Auch der Einfluss des St.-Georg-Kultes, des Schutzpatrons der Pferde, ist nicht von der Hand zu weisen. Sein Gedenktag liegt zeitlich nahe an Ostern, was eine Verlagerung entsprechender Segensrituale auf den Ostermontag begünstigt haben könnte. Schriftliche Belege setzen vergleichsweise spät ein. Für den Gleiwitzer Stadtteil Ostroppa nennt eine Pfarrchronik von 1711 diese Prozession bereits als „seit unvordenklichen Zeiten“ bestehend. Das deutet darauf hin, dass der Brauch schon deutlich früher etabliert war und über Generationen mündlich weitergegeben wurde. Im 19. und frühen 20. Jahrhundert war das Osterreiten in Oberschlesien weit verbreitet. Erst im kommunistischen Nachkriegspolen wurde dieser Brauch erst eingeschränkt und dann genehmigungspflichtig gemacht. Doch er verschwand nie vollständig aus dem Leben Schlesiens.


Hat Ihnen dieser Artikel gefallen? Dann unterstützen Sie die PAZ gern mit einer

Anerkennungszahlung


Kommentar hinzufügen

Captcha Image

*Pflichtfelder

Da Kommentare manuell freigeschaltet werden müssen, erscheint Ihr Kommentar möglicherweise erst am folgenden Werktag. Sollte der Kommentar nach längerer Zeit nicht erscheinen, laden Sie bitte in Ihrem Browser diese Seite neu!

powered by webEdition CMS